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Zu einer Dynamik gehören immer zwei

Bild: Pixabay
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Die Trennung hat viele Emotionen, Gedanken und alte Themen in mir hochgewirbelt. Ich höre von immer mehr Frauen, dass sie ähnliches erlebt haben. Klar, sowas passiert ständig, ist also nichts besonderes. Und doch ist es für jede einzelne eine tiefgreifende Krise, aus der sie stärker und echter erwächst.

 

Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass es mir hier nicht darum geht, meinen Mann durch den Dreck zu ziehen, auch wenn ich über einige Dinge sehr wütend und verletzt bin. Aber das gehört nur zwischen uns. Es ist auch nicht so, dass mein Mann alles schuld ist. Ich bevorzuge ohnehin das Wort Verantwortung. Zu einer Dynamik gehören immer zwei. Und wie sich eine Beziehung gestaltet, hängt davon ab, welche Beziehungsmuster und welche Bindungsqualitäten man als Kind erfahren hat bzw. inwieweit diese Muster bearbeitet wurden. Was meinen Mann betrifft, so muss oder darf er für sich sprechen. Was mich betrifft: VERDAMMTE SCHEISSE! SCHON WIEDER EIN URALTES MUSTER WIEDERHOLT!

 

Menno! Da rennt man jahrelang zur Therapie, und am Ende geht die Ehe vor die Hunde, weil ein ganz grundlegendes Muster sich bis zur Unkenntlichkeit getarnt und dadurch der Aufarbeitung frech entzogen hat. Nein, im Ernst, unsere Ehe als gescheitert zu betrachten, ist eine negative Wertung. Unser gemeinsamer Weg ist an dieser Stelle einfach zu Ende. Es war ein sehr weiter Weg, was den Abschied so wahnsinnig schmerzvoll und schwer macht. Unter dem Einfluss verletzter Gefühle wird vieles düsterer gemalt, als es vielleicht in Wahrheit gewesen ist. Am schwierigsten zu erkennen, sind die eigenen blinden Flecken. Aber dafür werden Therapeuten ja fürstlich bezahlt.

 

Wie mir meine Psychologin heute erklärte, ist wohl kein Mensch ganz frei von Co-Abhängigkeit. Denn gestern fiel es mir wie Schuppen von den Augen, dass mein Mann und ich uns gegenseitig nichts geschenkt haben auf diesem Gebiet. Abgesehen davon, dass wir einander einiges zugemutet haben, weil uns das Leben eine Herausforderung nach der anderen stellte und es am Ende einfach zum Overkill wurde, habe ich für meinen Teil meine Rolle, die ich als Kind in der Familie hatte, weitergespielt. Ich habe meine ganze Energie in ein funktionierendes und harmonisches Zuhause gesteckt, für emotionale Stabilität gesorgt, mich mehr um das Wohl des anderen gekümmert als um meins, dabei gleichzeitig mich darauf ausgeruht, versorgt zu werden und keine Verantwortung für mein Leben übernehmen zu müssen. Als Kind ist es normal, versorgt zu werden, als Erwachsene nicht unbedingt. Mir wird immer deutlicher bewusst, dass ich mein ganzes Leben damit verbracht habe, mir nahestehende Menschen emotional zu stabilisieren und als Preis meine Eigenständigkeit und Ichstärke geopfert habe. Egal, was mein Mann zu dieser Situation beigetragen haben mag, am Ende liegt die Verantwortung bei mir allein. ICH mache mich klein. ICH entscheide mich gegen mich und für andere. ICH bin diejenige, die sich in einen goldenen Käfig sperren lässt. ICH lasse Grenzüberschreitung zu und begehe meinerseits Grenzüberschreitung, wenn ich glaube, jemanden glücklich und zufrieden machen zu müssen mit meiner Umsorgung. Und so haben wir uns gegenseitig eine einsperrende Sicherheit gegeben, die uns die Luft zum Atmen raubte und die Lebensenergie stahl, weil wir Aufträge übernommen haben, die uns niemand gegeben hat.

 

Das sind harte Erkenntnisse. Wichtig an dieser Stelle ist, nicht in Selbsthass zu verfallen, sondern liebevoll und nachsichtig mit mir umzugehen. Ich bin nur ein Mensch. Es sind nicht einmal Fehler, die ich da begangen habe. Ich konnte nicht anders, als aus diesem Muster heraus zu agieren. Ich war noch nicht soweit, dies zu erkennen und aufzuarbeiten. Aber jetzt ist die Zeit dafür. Zu spät, könnte man denken. Zu spät für meine Ehe. Jedoch nicht zu spät für mich. Und darum geht's. Das ist das wichtigste! Unsere Ehe war so oder so fertig. Wir haben uns auseinandergelebt, verschiedene Vorstellungen von Glück entwickelt. Das ist traurig. Aber auch völlig in Ordnung. Wer behauptet, dass eine Ehe ewig halten muss? Die Kirche? Hollywood? Disney? Wir werden mittlerweile viel zu alt für dieses "ewig". Niemand kann so ein Versprechen halten. Das ist romantisierte Kackscheiße. Und wem das jetzt verbittert erscheint, dem soll gesagt sein: Ich glaube immer noch an die Liebe. Ich werde nicht für den Rest meines Lebens alleine bleiben. Und Romantik ist toll (ja, nicht wirklich meins)! Aber das Leben lehrt mich derzeit, dass nichts für die Ewigkeit ist und es keine Sicherheit gibt. Alles ist Werden und Vergehen. Der Kreislauf des Lebens. Wer sich dagegen wehrt, wird verzweifeln und zerbrechen. Wer wie Bambus mit dem Wind tanzt und sich wie Wasser jeder neuen Begebenheit anpasst und sie gleichzeitig mitformt, so wie Wasser es eben tut, der bleibt im Fluss und heil.

 

"Ein gutes Leben verhindert ein besseres Leben." sagt Beziehungscoach Melanie Mittermaier. Unser gemeinsames Leben war alles andere als schlecht. Aber so richtig gut war es eben auch nicht mehr. Sich das nach so langer Zeit einzugestehen, ist sehr schwer. Wir wollten es beide jahrelang nicht wahrhaben. Dass er nun gegangen ist, ist möglicherweise das Beste, was mir passieren konnte. Auch wenn ich das jetzt noch nicht so 100%ig erkennen kann und ich grundsätzlich kaputte Dinge lieber repariere. Aber irgendwann ist einfach ein Punkt überschritten, an dem eine Reanimation sinnlos wird.

 

Übrigens habe ich beschlossen, doch in meinem Mietshaus zu bleiben und lieber dafür zu sorgen, dass ich mir das leisten kann. Seitdem fühle ich mich sehr viel besser.

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Kommentare: 2
  • #1

    Johanna (Samstag, 25 Januar 2020 17:08)

    Du hast recht, es gibt keine 100%ige Sicherheit. Hat mein Ex-Partner von mir verlangt, dass ich ihm diese Sicherheit gebe. Selbst konnte er keine geben. Und als ich ihm sagte, dass es keine 100%ige Sicherheit gibt verurteilte er mich als Pessimist. Dabei denke ich, ist das eher ein realistischer Blick auf eine Beziehung.
    Auch das "anpassen" kann ich sehr gut nachvollziehen. Damit es harmonisch ist, wird.

  • #2

    Kurt Van Maele.. (Sonntag, 09 Februar 2020 14:53)

    Ontroert ben ik, lieve Yvonne.. Gerürht bin ich, liebe Yvonne.. Und am Ende haelst du, ziehst du alsnoch positive 'bilans'..
    Hinreisend, praechtig verwortet.. Bewundere ich sehr.. Viel Mut, Erleuchterung und LebensFreude wuensche ich dir X, lg Kurt, Marlies..