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Wo die Angst ist, ist der Weg?

Foto. Yvonne Reip
Foto. Yvonne Reip

Bei diesem Spruch zucke ich immer ein wenig zusammen. Nicht weil ich nicht durch die Angst hindurch will, sondern weil ich daran zweifle, dass das immer eine gute Idee ist.

 

Angst ist was für Schwächlinge und Weicheier. Mut ist gefragt, Risikobereitschaft und Unerschrockenheit. Dabei hat Angst durchaus ihren Sinn. Sie warnt uns vor Gefahren und kann uns auch mal das Leben retten. Bei einer Angststörung feuert die Zentrale allerdings auch in harmlosen Situationen Signale ab. Aber sind diese Situationen wirklich so harmlos? Hat es nicht auch hier einen Sinn, dass wir mit Angst reagieren?

 

Ich bin kein Freund von Brechstangen-Methoden und oberflächlicher Symptombekämpfung, auch wenn Letzteres manchmal für den Anfang notwendig sein kann. "Der Weg aus der Angst führt durch sie hindurch." Das bedeutet Konfrontation auf Teufel komm raus. Bis einer weint. Am besten die Angst. Ich forsche lieber nach Ursachen und Zusammenhängen. Wenn ich weiß, warum ich vor etwas Angst habe, kann ich besser entscheiden, wie ich damit umgehen möchte. Natürlich ist Vermeidung keine Lösung. Das ist das andere Extrem, von dem die Menschen immer gleich ausgehen, wenn ich sage, dass ich daran zweifle, dass der Weg nur durch die Angst geht. Für mich klingt das eben nach Grenzüberschreitung und Überforderung. Das habe ich jahrelang praktiziert bis zum Zusammenbruch. Menschenkontakt, telefonieren, Konflikte... alles Dinge, die mir Angst machen und mich stressen. Habe ich als Sozialarbeiterin alles gemacht. Jeden Tag, permanent. Es ist gut, an seine Grenzen zu gehen und sie vielleicht auszuweiten. Aber es ist nicht gut, sie zu ignorieren und ständig über sie hinwegzugehen, weil "man das so machen muss, andere schaffen das doch auch, du bist halt nicht normal, reiß dich zusammen". Die Psyche braucht auch mal Erholung. Die Seele darf auch mal genährt werden statt immer nur gefordert. Aber nein, der Mensch muss sich ja weiterentwickeln (wo ich auch nichts gegen habe), immer höher, schneller, weiter (dagegen habe ich wohl was). Vermeidung ist unbedingt zu vermeiden. Also treiben wir uns unablässig vorwärts, denn Stillstand ist der Tod. Es hat schon seinen Grund, warum die Achtsamkeits-Angebote wie die Pilze aus dem Boden schießen.

 

Extreme helfen niemandem. Sich in seiner Angst zu verkriechen, ist nicht gut. Ebenso wenig wie sich immer wieder mit ihr zu konfrontieren, ohne sie auch nur ein einziges Mal zu fragen, was sie uns sagen will. Und es gibt keine pauschale Lösung für jede Angst, weil jede Angst anders ist. Schade, es hätte so einfach sein können... Als ich übrigens meine Therapeutin darauf ansprach und sie fragte, wie sie darüber denkt, schüttelte sie vehement den Kopf und sagte: "Bei Traumata ist das keine gute Idee!" Aber der Mensch will nunmal immer sofort alles weg haben - sei es der Betroffene selbst oder sein Umfeld, das diesen damit unter Druck setzt. "Du musst dich überwinden! Oder willst du ewig zu Hause hocken und Angst haben?" Kleiner Tipp: Angst haben werden wir unser Leben lang. Sie ist ein Grundgefühl, das man nicht wegtherapieren kann oder sollte. Gemeint ist natürlich die eingeschränkte Lebensqualität, die durch scheinbar irrationale Angst entsteht.

 

Ich leide nicht unter einer klassischen Angststörung und habe auch keine Panikattacken. Ich hatte, glaube ich, mal eine kleine. Trotzdem kenne ich Herzklopfen und Schweißausbrüche, weiß aber nie, ob das nun meine Schilddrüse ist oder Angst. Allerdings riecht mein Schweiß bei Angst anders. In meiner Akte steht "ungeklärte diffuse Angststörung". Sehr konkret. Es gibt Dinge, die mir Angst machen. Menschenkontakt vor allem. Und Fremdbestimmung im Sinne von "ich gehöre mir nicht mehr und bin den Launen eines anderen ausgeliefert". Diese Angst ist besonders diffus und schwer zu erklären. Ihr fiel meine Arbeitsfähigkeit zum Opfer. Und sie macht Nähe schwer. Da diese Angst sehr tief sitzt und durch Traumata ausgelöst wurde, muss bzw. will ich hier sehr behutsam vorgehen.

 

Die Angst vor Menschenkontakt ist größtenteils Angst vor Zerstörung. Klingt dramatisch, ist aber so. Das ist mir natürlich nicht bewusst, sondern habe ich erst durch Therapie herausgefunden. Besonders schlimm sind Menschenmassen und damit Veranstaltungen. Einerseits macht mich das traurig, weil ich schon gerne manche Dinge erleben würde. Andererseits interessiert mich vieles aber auch nicht mehr, d.h. ich vermisse auch nichts. Aber wenn ich irgendwo hin möchte, muss ich mich tatsächlich überwinden. Hier übe ich mich also in Konfrontation mit meiner Angst. Ich suche mir kleine Veranstaltungen aus und vereinbare ein Codewort mit meinem Mann. Bisher funktioniert das ganz gut. Der Lärm von den ganzen Menschenstimmen setzt mir am meisten zu. Und wenn mir jemand zu nahe kommt. Es ist erstaunlich, wie distanzlos viele Menschen sind. Manche würden glatt durch einen hindurchlaufen. Ich erlebe also eigentlich einen schönen Tag, bin danach ziemlich erschöpft aber auch froh, dass ich es geschafft habe. Und dann kommt die Nacht mit Alpträumen und der folgende Tag mit einem depressiven Tief. Hä? Orrr. Anstrengend! Das brauch ich echt nicht jedes Wochenende! Und egal, was ich tue, es wird nicht besser. Auch nicht dadurch, dass ich in die Konfrontation gehe. Schön, ich hab was erlebt, aber es bleibt anstrengend. Und manchmal frage ich mich, ob es das nun wert war. Das sehen andere natürlich nicht. Die sehen nur, dass es doch offensichtlich möglich für mich ist, stundenlang unter Menschen zu sein. Möglich ja, aber zu welchem Preis und unter wieviel Kraftaufwendung?

 

Wo Konfrontation für mich am meisten Sinn macht, ist die Angst vor Konflikten. Hier wird durch Vermeidung tatsächlich alles nur schlimmer. Es ist zwar jedes Mal heftig für mich, aber klare Grenzen zu setzen, für mich einzustehen und es auszuhalten, wenn man mich dann erstmal nicht mehr mag, mir aber im Nachhinein mehr Respekt entgegenbringt, lässt mich stärker fühlen. Auch die Angst, mich zu zeigen, meine Werke zu präsentieren und gut zu finden, ist eine Angst, die mich klein halten will und Wachstum hemmt. Hier gibt es auf jeden Fall noch etwas zu bearbeiten.

 

Bei allem anderen wäge ich ab, wieviel ich heute ertrage. Denn die Dosis ist tagesformabhängig. Und ich frage mich, ob ich das wirklich will, oder ob ich denke, dass ich das wollen muss, weil alle anderen das so toll finden. Ich darf seltsam sein und lieber ein unbedeutendes, winziges und menschenleeres Dorf in der Toskana besuchen, anstatt mich in Florenz durch die Touristenmassen zu quetschen bei sengender Hitze, um die berühmten Sehenswürdigkeiten zu bestaunen. Calenzano war echt bezaubernd, und ich habe dort die beste Pizza meines Lebens gegessen!

 

Es gibt Menschen, die vor lauter "out of the comfortzone is, where the magic happens" erst recht eine Angststörung oder zumindest Burnout bekommen haben. Permanente Überforderung. Das ist zuviel des Guten. Die Dosis macht das Gift. Auch bei der Konfrontation mit der Angst. Was mich besonders an diesem Spruch "Wo die Angst ist, ist der Weg" nervt, ist, dass diejenigen, die instinktiv spüren, dass sie es langsam angehen sollten oder Vermeidung gesünder für sie ist und sie noch nicht bereit sind, einen Schritt weiter zu gehen, sich mal wieder wie die Versager fühlen. Was nützt es, einen Menschen, der Angst vor Wasser hat, weil er mal beinahe ertrunken wäre, vom Zehnmeterbrett zu schubsen?

 

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass alles, was auf eine schnelle Lösung abzielt, nicht nachhaltig wirkt. Hierzu ein Beispiel: Ein wasserscheues Pferd wird mit viel Druck gezwungen, durch eine tiefe Pfütze zu gehen. Nach 2 Stunden endlich der Erfolg! Das Pferd steht im Wasser. Alle klatschen. Der Trainer fühlt sich als Sieger. Was hat das Pferd gelernt? Dass Wasser ungefährlich ist? Falsch. Es hat gelernt, dass es dem Druck nicht entkommen kann und unterlegen ist. Die Angst vor Wasser ist kein Stück behoben, das Vertrauen zum Menschen nicht gewachsen. Morgen wird es wieder nicht durchs Wasser gehen. Ein sehr sensibles Pferd wird mit diesem Trainer nirgendwo mehr hingehen.

 

Angst nervt. Sie schränkt ein und ist anstrengend. Sie erscheint oft irrational, hat aber immer ihre Gründe und Ursachen. Bei manchen Angstthemen ist Konfrontation gut und hilfreich. Die Angst wird damit nicht weggehen, aber man lernt, die Dinge trotzdem zu tun, und sie wird vielleicht kleiner und hemmt weniger. Einige Ängste schützen uns jedoch tatsächlich. Für mich ist meine Angst mein Alarmsystem. Auch wenn es manchmal Fehlalarm ist. "Wo die Angst ist, ist der Weg" heißt wahrscheinlich auch gar nicht unbedingt, dass man genau das tun sollte, wovor man Angst hat. Vielleicht heißt es auch nur: "Schau hin, hör zu, da ist ein Thema für die Therpie." Denn ich glaube, dass die Angst uns auch manchmal sagen will: "Diesen Weg solltest du nicht mehr gehen. Der tut dir nicht gut. Bitte suche einen neuen."

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Kommentare: 1
  • #1

    Angelika (Mittwoch, 04 Juli 2018 18:40)

    Wow was für ein toller Post! Vielen Dank ich denke ganz genauso und habe zum Glück eine Therapeutin die auch nicht den Weg der Konfrontation als das Maß aller Dinge ansieht und sehr behutsam (eben weil komplexe Traumata da sind) vorgeht.
    Und ja das Mit dem Menschenkontakt und der Fremdbestimmung, genauso geht es mir auch und das unbedeutende, kleine Dorf hatte ich sofort vor Augen und auch die Freude und Entspannung dabei.
    Viele liebe Grüße :)