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Wie offen kann man über Depressionen sprechen?

Bild: Pixabay
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Viele Menschen, die an Depressionen erkrankt sind, fragen sich, ob sie offen darüber reden sollen oder nicht - in der Familie, bei Freunden, auf der Arbeit. Diese Frage ist in der Tat wichtig und schwer zu beantworten. Weil es auf die jeweilige Situation ankommt und vor allem auf die Menschen, von denen man umgeben ist. Grundsätzlich bin ich dafür, dass man offen und ehrlich spricht. Es erleichtert und lindert Druck. Man muss keine Maske mehr tragen, was so unglaublich anstrengend ist und depressive Strukturen verhärtet. Betroffene, die endlich zu ihrer Krankheit stehen können, fühlen sich befreit. Aber ist es wirklich immer ratsam? Ich weiß es nicht.

 

Als ich damals in der Förderschule mein nahendes Burnout (haha) ansprach, ist niemand ernsthaft darauf eingegangen. Mein Chef verstand meine Überlastung als Resultat interner und interinstitutioneller Missstände (korrekt), welche er mittels Versammlungen regeln wollte (Scheißidee). Das bedeutete noch mehr Termine bestehend aus dreistündigen Meetings. Gerne auch direkt hintereinander gelegt. Ohne Mittagspause. "Aber ich muss wenigstens was essen", protestierte ich, wohlwissend, dass ich nach einer halben Stunde eh nix mehr mitkriegen würde. "Stimmt. Die anderen sicher auch. Sandwiches bestellen wäre eine gute Idee. Kümmerst du dich darum?" Mein Gesichtsausdruck muss eindeutig gewesen sein, denn er übernahm es selbst. Die Versammlungen habe ich nicht mehr erlebt. Ein paar Tage nach diesem Gespräch ging ich in die Arbeitsunfähigkeit. Meine Offenheit war überhaupt nicht hilfreich gewesen. Keiner hatte verstanden, worum es ging. Ich wurde immer wieder auf mich selbst zurückgeworfen und bekam zunehmend ein Gefühl der Unzulänglichkeit. Zu schwach, um mithalten zu können. Bei meinem letzten Arbeitsversuch ein halbes Jahr später war ich nur noch halb so offen. Auch hier war das Verständnis nur oberflächlich und die internen Strukturen bereits völlig marode, weshalb ich ganze 5 Wochen durchgehalten habe. Halbzeit.

 

Würde ich bei einem neuen Arbeitgeber mit offenen Karten spielen? Ich bin nicht sicher. Mittlerweile ist die Lücke in meinem Lebenslauf ohnehin so riesig, dass ich es gar nicht verschweigen könnte. Hinzu kommt mein Alter. 40 und depressiv. Ein Traum von einer Mitarbeiterin! Man wird sich um mich reißen! Nicht. Dass ich immer noch arbeitsunfähig bin und Rente beziehe, liegt unter anderem genau daran: der Angst davor, wie man mir begegnen wird, wieder nicht mithalten zu können (weil ich das noch nie wirklich konnte) oder von vornherein abgelehnt zu werden, und der Frage, wie ich selbst mit meiner Krankheit umgehen soll - offen oder lieber nicht. Da kann einem auch keiner richtig was raten. Es kann gut gehen. Es kann aber auch komplett nach hinten losgehen. Wie ich mich und meine unerschöpfliche Hoffnung und den unerschütterlichen Glauben an das Gute im Menschen kenne, würde ich dennoch was sagen. Allein schon, um nicht wieder in die Situation zu geraten, Stärke vorspielen zu müssen. Denn das würde meine Depression wieder befeuern, und ich hätte nach all den Jahren nichts gelernt.

 

Im Internet ist es leicht, offen über psychische Krankheiten zu reden, wenn man nicht gerade von Trollen niedergetrampelt wird. Schwieriger wird es schon, wenn man dazu Gesicht zeigt und seinen Namen preisgibt. Direkt von Angesicht zu Angesicht bleibt jedoch die schwierigste Disziplin. Ich habe damit nicht nur gute Erfahrungen gemacht. Es ist schlimm, wenn man sich jemandem anvertraut und beim ersten Konflikt das Gesagte gegen einen verwendet wird. "Die gehört in eine Klinik und muss Medikamente nehmen!" war so ziemlich das Gemeinste, was jemals über mich gesagt wurde. Von einer Person, die ich täglich sah und der ich vieles erzählt hatte. Allerdings wurde mir das nicht persönlich mitgeteilt sondern meinem Mann. Mit anderen Worten: Bitte wegsperren und ruhigstellen! Man könne auch nicht normal mit mir reden, sondern müsse sich auf mein psychisch beeinträchtigtes Niveau begeben. Sinngemäß ausgedrückt. Und mein Mann würde sich noch mit mir wundern. Dagegen sind Sätze wie: "Naja, die hat halt Probleme...", weil ich zu etwas Nein gesagt hatte, harmlos wenn auch ärgerlich.

 

Ich kann kein Verständnis für etwas verlangen, das man nicht selbst erlebt hat. Ich kann nicht verlangen, dass alle Psychologie studieren. Aber zuhören, hinnehmen, gerne nachfragen, respektieren, einfach mal so stehen lassen, mich nicht darauf reduzieren. Das wäre schön. Es ist natürlich bequemer, mich bei Konflikten als "die Bekloppte" zu bezeichnen. Dann muss man sein eigenes Verhalten nicht mehr hinterfragen. Sehr praktisch. Mein Kliniktherapeut sagte damals: "Sie bieten zu viel Projektionsfläche." Und das war nicht das erste Mal, dass ich das hörte. Nur wie es dazu kommt und wie ich das abstellen kann, hat mir bisher noch keiner offenbart. Außerdem sage und tue ich manchmal doofe Dinge. Wie jeder das hin und wieder macht. Das hat rein gar nichts mit meiner Depression zu tun und muss echt nicht immer darauf zurückgeführt werden. Ich bin dann einfach nur blöd. Das ist das Schwierige an psychischen Krankheiten. Man vermischt und verwechselt sie gerne mit Persönlichkeit und Charakter. Das passiert mir sogar mit mir selbst. Auch dass ich mich darauf reduziere und mich nur noch über die Depression identifiziere. Wenn ich nichts davon gesagt hätte, wäre es bestimmt niemandem aufgefallen. Dann hätte man mich halt einfach nur doof gefunden aber nicht als gestört abgestempelt.

 

Einige Betroffene nutzen ihre Krankheit als Entschuldigung für ihr Fehlverhalten. Das untermauert diese Vermischung von psychischer Krankheit und Charakter. Jeder hat einen Grund dafür, dass er so ist, wie er ist. Und jeder trägt die Verantwortung dafür, daran zu arbeiten, um sich und seinen Mitmenschen nicht zu schaden. Eine schlimme Kindheit ist kein Freibrief für Arschlochverhalten. Und perfekt ist niemand. Auch die Gesunden nicht. Der Mangel einer offiziellen Diagnose deutet übrigens nicht unbedingt auf psychische Gesundheit hin. Wie auch immer, es verletzt ungemein, wegen einer psychischen Erkrankung angegriffen oder ausgegrenzt zu werden. "Ach, der / die ist ja psychisch krank!" bedeutet "Ach der / die ist ein schlechter (störender, unbrauchbarer) Mensch, mit dem man lieber nichts zu tun haben möchte und den man getrost ignorieren kann!" Selbst wenn es um jemand anderen geht, fühlt man sich als Betroffene*r mit angesprochen. Das ist beleidigend. Ja, manche Menschen sind aufgrund ihrer psychischen Erkrankung vielleicht eine Herausforderung. Aber hat mal jemand gefragt, wie diese Menschen fühlen? Wie sie die Welt sehen? Meistens bedrohlich. Es ist gut, sich aus einer toxischen Beziehung zu befreien, wenn dem anderen die Einsicht fehlt und die Bereitschaft, an sich zu arbeiten. Aber es ist nicht gut, daraufhin alle Menschen mit einer psychischen Krankheit als toxisch zu pauschalisieren. Oder umgekehrt. Kein Wunder, dass viele lieber nicht offen über ihre Krankheit reden wollen.

 

Ich habe Depressionen. Das ist eine Krankheit. Eine, die man nicht sieht. Eine, die irgendwo zwischen Gehirn und Seele steckt und gleichzeitig in meinem Körper wütet. Nein, ich ruhe mich nicht darauf aus. Nein, ich entschuldige mein Verhalten nicht damit. Ich stelle mich dieser Herausforderung jeden Tag. Ich mache Therapie. Ich übernehme Verantwortung für mich und mein Leben, so gut es geht. Ich nutze meine Krankheit nicht zu meinem Vorteil, um nichts tun zu müssen. Ich verlange nicht, dass alle darauf Rücksicht nehmen. Ich betreibe keine emotionale Erpressung, um meinen Willen durchzusetzen. Ich hinterfrage mich und die Welt. Diskriminierung und Stigmatisierung bleiben noch lange ein Thema in der Gesellschaft und für mich persönlich in meinem direkten Umfeld. Schweige ich nun deshalb, um es mir vermeintlich leichter zu machen? Nein. Ganz sicher nicht. Ich werde weiter reden. Auch wenn es manche schockiert, wie offen ich mit meiner Depression umgehe. Oder gerade deswegen. Weil ich will, dass das niemanden mehr schockiert. Dass es "normal" wird. Weil ich trotzdem ernst genommen werden will. Ich bin nämlich immer noch ein Mensch mit Fähigkeiten, Interessen und Talenten, ein Mensch mit relevanter Meinung, der Respekt verdient hat. Genauso wie alle anderen auch. Hätte ich ein Bein ab... Ach, lassen wir das. Ihr wisst, was ich meine.

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Kommentare: 1
  • #1

    Sil (Mittwoch, 16 Januar 2019 16:18)

    Sehr guter Beitrag und absolut treffend.