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Wertest du noch, oder verurteilst du schon?

Bild: Pixabay
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In meiner gestalttherapeutischen Ausbildung war das wertfreie Beobachten ein wichtiger Bestandteil. Attribute wie komisch, traurig oder abstoßend waren dabei verboten. Denn das bedeutete bereits eine Wertung. Wir übten einmal mit einer Tasse, was noch vergleichsweise einfach war. Wenn es aber um Menschen geht, hört das wertfreie Beobachten auf. Und oft genug mündet das Ganze in Verurteilungen.

 

Ich schreibe nicht zum ersten Mal darüber. In meinem Buch bin ich schon darauf eingegangen, und auch hier habe ich dieses Thema in dem einen oder anderen Artikel behandelt. Aber man kann wohl leider nicht oft genug darüber reden. Erst kürzlich gab es auf Twitter wieder eine Hetzjagd. Es ging um Greta Thunberg, die 16jährige Klima-Aktivistin aus Schweden, die jeden Freitag streikt, um die trägen Politiker aufzuwecken, und damit Millionen Schüler*innen in anderen Ländern inspiriert. Wenn jemand in die Öffentlichkeit tritt, passieren zwei Dinge: Die Person wird von der einen Seite geliebt und zur Ikone stilisiert und von der anderen Seite gehasst und diffamiert. Der Person wird ganz genau auf die Finger geschaut. Sie muss perfekt sein in allem, was sie sagt und tut. Wohlgemerkt - es geht um die Person und schon lange nicht mehr um das Thema. Denn das ist unbequem und nervt. Man müsste seine Gewohnheiten verändern. Und nichts hasst der Mensch so sehr als das. Ich nehme mich da selbst nicht aus.

 

Das Thema ist also verhasst. Die Person, die das Thema in den Mittelpunkt rückt, muss irgendwie demontiert werden. Also fängt man an zu wühlen. Im Fall Greta Thunberg war das nicht schwer. Hatte sie doch selbst von ihrem Autismus-Spektrum-Syndrom gesprochen. In dem von ihren Eltern verfassten Buch werden die Diagnosen Depression, Angst- und Zwangsstörung benannt. Ein gefundenes Fressen! Das Mädchen ist krank und behindert! Daraus wird dann ganz schnell verzogen, verwöhnt, verhaltensgestört, von den Eltern vorgeführt, missbraucht, zum Unsinn redenden Kind degradiert mit 16 (während Youtuberinnen in dem Alter als junge Frauen betrachtet werden, weil sie über Fashion und Beautyprodukte sprechen), wegen Asperger auf ein Thema fixiert, apokalyptische Wahnvorstellungen verbreitend... Die Liste ist ewig fortführbar. Es ist einfach nur widerlich. Keiner redet mehr von der Klimaerwärmung sondern nur noch darüber, dass Menschen mit einer Behinderung und einer psychischen Krankheit grundsätzlich nicht ernst zu nehmen sind und bitte aus dem Verkehr gezogen werden möchten! Zu ihrem eigenen Schutz! - Lächerlich! Unverschämt! Stigmatisierend! Verurteilend! Greta reagiert auf diesen ganzen Schund äußerst cool und vor allem erwachsen (hier nachzulesen). Etwas, das ihre Gegner trotz des fortgeschrittenen Alters nicht geschafft haben.

 

Die Seite, die die Person vergöttert, verliert durch die Glorifizierung ebenfalls das eigentliche Thema aus den Augen. Und, oh weh, man sieht Greta mit Plastikmüll! Dann ist der Ofen aber aus und die Liebe schnell vorbei! Wie inkonsequent und unglaubwürdig! Sie ist eben doch keine Heilige. Sie ist ein Mensch mit einer Botschaft. Und die Botschaft ist das, was zählt. Die kann man gut oder schlecht oder sogar beides finden und differenziert darüber diskutieren. Das geht auch, ohne über die Botschafterin zu urteilen. Aber so ist es nunmal, wenn man in der Öffentlichkeit steht. Natürlich kann man sich auch ein Urteil über die Person bilden. Das geschieht ganz automatisch. Die Frage ist, wo man da die Grenze ziehen sollte. In der Gewaltfreien Kommunikation nach Rosenberg wird der Fokus auf sich selbst gelenkt, auf die Gefühle und Emotionen, die durch das Handeln eines anderen ausgelöst werden, und das Erspüren der eigenen Bedürfnisse. Vielleicht wäre das ein ganz guter Ansatz. Ziel dieser Art der Konfliktaustragung ist es, den anderen nicht zu bewerten und zu verurteilen oder mit Vorwürfen zu bombadieren, sondern durch das Offenlegen der eigenen Befindlichkeit den anderen ebenfalls dazu zu animieren, sich seiner Bedürfnisse bewusst zu werden und diese mitzuteilen, um dann am Ende einen gemeinsamen Konsens zu finden. Es ist wirklich spannend und erstaunlich, was dabei herauskommt. Dinge, die einem bis dahin nicht klar waren, worum es einem tatsächlich in einem Streit geht. Dies setzt leider die Bereitschaft auf beiden Seiten voraus sowie eine gewisse Grundhaltung des gegenseitigen Respekts. Und damit wären wir wieder am Anfang des Problems.

 

Ist es überhaupt möglich, völlig wertfrei durch die Welt zu gehen? Nein, ist es nicht. Der Mensch selektiert mittels Wertung und trifft daraufhin seine Entscheidungen. Angesichts der Reizüberflutung, der wir tagtäglich ausgesetzt sind, ist dies ein nötiger und wichtiger Vorgang, der zumeist völlig unbewusst abläuft. Was bei der bloßen Wahl von z.B. Lebensmitteln beginnt (frisches Gemüse ist gesund, Fast Food nicht), verästelt sich immer weiter in Moralvorstellungen und ethischen Grundsätzen (Wer billige Fast Fashion kauft, unterstützt die inakzeptable Ausbeutung von Menschen in Bangladesh.). Und schon kommt es zu Meinungsbildung und Diskussion, weil Menschen nunmal unterschiedlich sind auf allen Ebenen - betreffend der Bedürfnisse, des Aufklärungsstandes, des Interesses, des Bewusstseins, der Bildung, der emotionalen Beschaffenheit... Es ist gerade diese Meinungsbildung, die ich in den Sozialen Medien als so ermüdend empfinde. Jeder hat zu allem eine Meinung. Egal, ob fundiert und überlegt oder aus der Bildzeitung zusammengeklaubt. Ich habe auch eine Meinung. Manchmal aber auch nicht. Und dann möchte ich auch nicht dazu gedrängt werden. Denn wer keine Meinung hat, ist dann auch wieder doof.

 

Was ich aber sagen will: Ohne Wertung geht es nicht. Auch wenn es hin und wieder interessant und befreiend ist, sich darin zu üben. Verurteilungen und daraus resultierende Stigmatisierung sind jedoch nicht okay. Das begreift man am besten, wenn man plötzlich selbst betroffen ist. Wie ein Flüchtling ausländerfeindliche Sprüche empfindet, kann ich nur erahnen. Aber ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn psychisch kranke Menschen als gemeingefährlich, bekloppt und grundsätzlich inkompetent bezeichnet werden. Das tut weh. Das verstärkt Symptome. Das zementiert die eigene Geringschätzung. Der innere Richter kriegt nochmal richtig Futter. Aber das Schlimmste: Es nimmt einem jegliche Hoffnung, jemals wieder am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. Denn sie werden es nie verstehen und uns niemals anerkennen. Es führt dazu, dass Betroffene schweigen und sich verstecken, die Maskerade aufrecht erhalten und sich keine professionelle Hilfe holen. Um es mit Rosenberg zu versuchen: Mein Bedürfnis an dieser Stelle ist die Anerkennung meiner Person mit allem, was ich bin, und die Teilhabe in der Gesellschaft, die Möglichkeit, zur Therapie oder in die Reha zu gehen, ohne deswegen ausgegrenzt zu werden, die Möglichkeit, unkompliziert selbständig für meinen Lebensunterhalt sorgen zu können, ohne mich wieder in das allgemeingültige Arbeitsmarktschema pressen zu müssen, in das ich nicht reinpasse. Ich will, dass man meine Fähigkeiten sieht und meine Schwächen nicht zu Ausschlusskriterien erklärt.

 

Greta Thunberg ist nur ein Beispiel von vielen. Auch ich habe hier nicht darüber geschrieben, wofür diese engagierte junge Frau kämpft. Weil ich davon nicht halb soviel Ahnung habe wie sie. Und weil es mir um das Thema Stigmatisierung von psychisch kranken Menschen geht, welches durch dieses aktuelle Beispiel nochmal richtig deutlich wurde. Wie ich in dem Artikel Wie offen kann man über Depressionen sprechen? schrieb, wird die psychische Krankheit gerne in Konflikten benutzt, um jemanden mundtot zu machen und aus dem Weg zu räumen. Es gibt natürlich auch sehr viele Menschen, die nicht so sind. Mir wurde geraten, ich solle nicht darauf eingehen und mich auf die positiven Kommentare fokussieren. Soll Greta das auch tun? Die Klimaerwärmung ignorieren und sich stattdessen über das Baumpflanzprojekt von Ecosia freuen? Meiner Psychohygiene tut das gut, keine Frage. Aber es löst keine Probleme. Stigmatisierung und Ableismus unkommentiert stehen zu lassen, kann nicht die Antwort auf diesen Missstand sein! Wenn es um den Holocaust geht, wird auch immer wieder darauf hingewiesen, dass es erst durch das Schweigen so weit kommen konnte. Und ich möchte daran erinnern, dass nicht nur Juden umgebracht wurden, sondern auch Behinderte und psychisch Kranke - im Grunde alle, die "unnütz" waren. Diese Tatsache lässt mich mit einem ganz mulmigen und beklemmenden Gefühl in der Brust zurück. Und ich könnte mir vorstellen, dass einige jetzt denken: "Hui, wie dramatisch!" Selbst betroffen? Nein? Aha.

 

Sicher muss man nicht jeden Troll im Internet beachten. Aber wenn man Zeuge von Hass, Beleidigung und Diffamierung wird, sollte man dann nicht dagegen angehen? Ja, das ist dann auch eine Wertung. Solange man sachlich diskutiert, bleibt es aber zumindest ohne Verurteilung. So, und jetzt werde ich mich nach der Kundgebung meiner vielleicht nervigen Meinung auf etwas Schönes konzentrieren. Katze kuscheln.

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