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Tankstelle geschlossen!

Bild: Pixabay
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Wenn man in einem helfenden Beruf arbeitet, wird einem zu Psychohygiene geraten. Man hat ja hauptsächlich mit Problemen und leidenden Menschen zu tun. Oft gilt es, Konflikte zu lösen, und noch öfter, sie auszuhalten, während man hilft. Das raubt alles ganz schön viel Energie. Damit man nicht erschöpft und krank wird, soll man auf sich achten und Psychohygiene betreiben. Das heißt, seine Batterien wieder aufladen mit Dingen, die einem gut tun, und Pausen einlegen. Wir alle wissen, dass das in der Theorie so schön und einfach klingt, in der Praxis aber häufig anders abläuft. Da wird wegen Unterbesetzung und / oder Krisenzeit gerne mal auf Psychohygiene verzichtet. In vielen sozialen / pflegerischen Einrichtungen wird es einem richtig schwer gemacht, mal Luft zu holen. Ich erinnere mich noch gut daran, schon nach dem ersten Schritt durch die Eingangstür belagert und selbst in den Pausen auf "Fälle" angesprochen zu werden. Die von Therapeuten empfohlene Abgrenzung wurde mit einem Gespräch im Chefbüro quittiert. Da bleibt dann auch nach Feierabend kein Quentchen Energie mehr für Nährendes. Und wer Kinder hat, kommt noch weniger dazu. Ein Glück für jeden, der in dieser Branche einen Platz gefunden hat, an dem Menschlichkeit und Empathie herrschen.

 

Psychohygiene und Burnout betreffen aber nicht nur die Berufswelt. Wir alle haben grundsätzlich nur eine begrenzte Menge an Energie, mit der wir haushalten müssen. Wer sich zurückzieht und Überflutung meldet, wird als nicht belastbar angesehen. Man sieht einem Menschen eben nicht von außen an, wieviel er innerlich schon trägt. Wenn man mit seinen eigenen Paketen zugange ist, kann man nicht auch noch die der anderen auf sich nehmen. Vielleicht noch eins oder zwei. Hinzu kommt noch der eigene Anspruch an sich selbst. Man will ja auch für andere da sein. Und dann merkt man oft gar nicht, dass das Limit schon wieder überschritten wurde, und wundert sich über Erschöpfung und schlechte Laune oder psychosomatische Beschwerden.

 

"Aber wenn es dir besser geht, kannst du doch wieder (kleingedruckt: uneingeschränkt) für alle da sein!" Nein. Das kann ich nicht. Oder besser gesagt: Ich will das nicht! Mich immer wieder völlig verausgaben, bis nichts mehr geht. Das war ja eben das Problem. Dass ich meine Grenzen nicht gespürt habe, weil das verboten war bzw. mit Liebesentzug bestraft wurde. Ich sollte bitte permanent zur Verfügung stehen. Das kann niemand! Und das sollte auch niemand! Es gibt so viele Menschen auf dieser Welt. Da kann man sich auch mal an jemand anderen wenden. Natürlich freut es mich, wenn Menschen mir vertrauen, mir sagen, dass ich die einzige  oder eine der wenigen bin, die versteht. Mit manchen Themen gehe ich auch lieber zu einer oder zwei bestimmten Personen. Und das ist okay. Wir sind alle füreinander da. Aber es muss auch jeder auf sich achten, ob noch Kapazitäten vorhanden sind. Menschen, die sich ohnehin nur bei mir bedienen, kann ich gut auf Abstand halten. Bei guten Freunden wird es schwieriger. Da möchte ich da sein, ohne selbst abzustürzen. Da wird das Auffangen und Abgrenzen zum Balanceakt.

 

Im Moment scheint es für alle in meiner Umgebung dicke zu kommen. Ich hab meins ja (hoffentlich!!!) schon hinter mir. Aber nun geht es fast jedem, mit dem ich zu tun habe, schlecht aus verschiedenen Gründen. Rückfälle, Verluste, Unsicherheit. Manches davon hat mit Corona zu tun, anderes nicht. Die dunkle Jahreszeit hat begonnen, der zweite Lockdown legt vieles lahm, man kann die Bedrückung an manchen Orten beinahe anfassen. Und das übliche Leben kommt ja auch noch dazu. Das macht keinen Lockdown. Autos gehen kaputt, Menschen werden anderweitig krank und die eigenen Psychothemen sind auch noch da. Einige Dinge, die vielleicht vorher zur Psychohygiene gehörten, sind derzeit nicht möglich. Sauna zum Beispiel. Oder mit Freunden ins Kino gehen. Zum Glück bleibt die Natur, in der wir Kraft tanken können. Auch wenn das Wetter nicht immer so einladend ist. Immerhin bekommt man die Natur für umsonst.

 

Wenn die Zapfsäulen einer Tankstelle leergetankt sind, wird sie geschlossen, damit in Ruhe aufgefüllt werden kann. Es wird wohl niemand den Sinn und Zweck oder die Berechtigung dieser Vorgehensweise in Frage stellen. Es wird auch niemand einer leeren Zapfsäule einen Vorwurf daraus machen, dass sie nichts mehr hergibt. Von wegen nicht belastbar genug. Warum verfahren wir mit unseren eigenen Zapfsäulen anders? Warum sind Schließzeiten bei Menschen so verpönt? Warum wird von mir erwartet, dass ich einen Zapfschlauch direkt mit meiner Ressourcenquelle verbinde, damit das soeben Aufgetankte sogleich wieder abgezapft werden kann? Warum gilt eine geschlossene weil leergetankte Tankstelle nicht als zu wenig belastbar? Zapfsäule und Benzin (oder Diesel, aber bitte keine Diskussion!) sind sichtbare Dinge, die man anfassen kann. Es ist offensichtlich, wieviel Sprit in so eine Säule reinpasst. Und wenn diese Menge aufgebraucht ist, ist die Säule leer und muss aufgefüllt werden. In der Zwischenzeit bedient man sich eben anderswo. Logisch. Messbar. Immer und für alle Zapfsäulen gleich. Menschen sind unterschiedlich. Ihre psycho-emotionalen Tanks sind unsichtbar. Niemand weiß genau, wie groß so ein Tank ist und wieviel da reinpasst. Oder womit man nachfüllen muss. Und diese unsichtbaren Tanks scheinen auch noch je nach Tagesform ihr Fassungsvermögen zu verändern. Oder mit den Jahren zu schrumpfen. Viele wirken aus der Ferne sehr viel größer, als sie in Wahrheit sind. So wie der Scheinriese Herr Tur Tur aus Jim Knopf. Und weil das alles so gar nicht greif- und messbar ist, geht man einfach davon aus, dass unsere Zapfsäulen nie versiegende Quellen zu sein haben? Interessante Schlussfolgerung! Nur leider an der Realität vorbei. Wir sind keine Maschinen und bringen selbst für diese mehr Verständnis und Rücksichtnahme auf.

 

Damit ich belastbar bleibe, muss ich von Zeit zu Zeit schließen. Gerade als Hochsensible höre ich nicht nur die gesprochenen Worte und fühle mit. Die Grenzen sind dünner und verschwimmen schneller. Echte Freunde haben Verständnis dafür. Meine fragen zuerst nach, ob ich aufnahmefähig bin, bevor sie loslegen. Und manchmal, wenn man sich gegenseitig sein Leid klagt, können beide Seiten auftanken.

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