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Ein paar Worte zu Suizid

Foto: Yvonne Reip
Foto: Yvonne Reip

Vielleicht werden es auch ein paar mehr. Wie ich im letzten Artikel schrieb, hänge ich derzeit im Kapitel "Suizidgedanken" für mein Buch fest. Seit ungefähr 3 Wochen kann ich nicht weiterschreiben, weil mich dieses Thema unheimlich berührt. Es löst eine tiefe Ohnmacht in mir aus. Selbst als Betroffene kann ich Angehörigen keinen vernünftigen Rat dazu geben. Ich weiß nicht, was hilft. Als ich nun vom Tod von Linkin Parks Sänger Chester Bennington erfuhr, kam das Triggerkarussell so richtig in Fahrt. Ich verstehe auch nicht warum. Ich kannte den Mann nicht persönlich und bin nicht einmal ein Fan. Die Nachricht von Chris Cornells Tod (Ehemaliger Sänger der Band Soundgarden) hat mich nicht so sehr getroffen, wenngleich doch berührt. Als ich hörte, dass die beiden beste Freunde waren, wurde ich erst recht traurig. Ich trauere nicht um Menschen, die ich nicht kannte. Das zu behaupten, wäre Blödsinn. Aber es trifft mich, wenn ein Mensch - egal ob Star oder Herr Müller von nebenan - keinen anderen Ausweg mehr sieht. Weil ich weiß, wie es ist, sterben zu wollen. Weil auch ich mich immer wieder aufs Neue für das Leben entscheiden muss darf will.

In den sozialen Medien ging die Post ab. Abgesehen von der Trauer seiner Fans, wurden Stimmen zum Thema Depressionen und Suizid laut. "Bitte sucht euch Hilfe! Redet!" Davon fühlten sich Betroffene angegriffen: "Nicht so einfach. Wer keine Ahnung hat, soll den Mund halten." Oder: "Jetzt reden alle von Depressionen und zeigen Verständnis, und in ein paar Tagen heißt es wieder: Stellt euch nicht so an!" Es wurden Telefonseelsorgenummern geteilt. Hier und da las ich die Bitte, Betroffene mögen einfach schreiben oder sagen, was sie brauchen. Man wolle doch nur helfen. Einige zeigten deutliches Unverständnis für Menschen, die den Freitod wählen, nannten es egoistisch, woraufhin sich Betroffene verteidigten. Dazwischen hüpften ein paar Trolle, die Beleidigungen um sich warfen und es nach ungehaltenen Reaktionen Satire nannten und zu mehr Humor aufriefen. Kurzum - die Emotionen kochten hoch. Es wurde getrauert, diskutiert, gestritten, gemeldet und geblockt.

Seit gestern kommen mir immer mal wieder die Tränen. Für jemanden, der nicht gut weinen kann, will das was heißen. Ich laufe gerade über vor lauter Emotionschaos. In meinem Bekanntenkreis sind schon einige auf diese Weise gegangen. Bisher war es nie ein näherer Freund aber Freunde oder Verwandte von Freunden. Mir macht das Angst. Vor ein paar Jahren dachte ich bei einer solchen Nachricht: Glückwunsch! Der hat es geschafft. Und ich bin immer noch hier. - So denke ich heute nicht mehr, worüber ich sehr froh bin. Aber ich weiß auch, dass sich das wieder ändern kann. Und ich habe Angst, dass ich eines Tages von einem Freund hören muss, dass er sich das Leben genommen hat.

Die Aufforderung zu reden, ist gut. Ich bin absolut dafür. Aber mit wem? Wer hält das aus? Wie sagt man sowas? Mir fehlen in solchen Phasen die Worte. Ich kann es nicht in Worte fassen, was emotional in mir vorgeht. Die Angst, auf jemanden zu stoßen, der kein Verständnis dafür hat und mich bekloppt, undankbar oder zu schwach schimpft, hält mich zusätzlich davon ab. Gerade die Menschen, die zum Reden ermuntern, sind oft völlig überfordert mit dem, was dann kommt. Aus Hilflosigkeit schleudern sie dann einen Kalenderspruch heraus. "Wenn du denkst, es geht nicht mehr..." Nichts macht einsamer als ein Mensch, der einen nicht versteht. Ich mache aber niemandem einen Vorwurf daraus. Das ist auch verdammt nochmal nicht einfach. Der Wunsch zu helfen, entspricht leider oft nicht der Kompetenz dazu. Das betrifft übrigens auch so manchen Therapeuten.

"Holt euch Hilfe!" ist in der Tat leicht gesagt. Ich will jetzt hier gar nicht von mangelnden Therapieplätzen, langen Wartelisten und erschlagender Bürokratie anfangen. Das würde den Rahmen sprengen. Auch nicht von möglicher Retraumatisierung in der Therapie, weil einige Therapeuten besser Automechaniker geworden wären. Fakt ist, dass viele Betroffene sich Hilfe holen wollen, aber keine oder nur unzureichende bekommen. Für bürokratische Hürden fehlt die Kraft. Einem Depressiven dann zu sagen, er würde nicht wollen, ist falsch. Und steigert das Suizidrisiko. Ich wünsche jedem Betroffenen auf diesem steinigen Weg einen Begleiter, der ihn bei diesem Kampf tatkräftig unterstützt. DAS wäre Hilfe.

Suizid ist nicht egoistisch. Wenn einmal der Tunnelblick eingesetzt hat, glaubt man, sein Umfeld von einer Last zu befreien. Natürlich empfinden die Angehörigen das nicht so. Suizid hinterlässt großen Schmerz, Wut, Fragezeichen, Verzweiflung und Schuldgefühle. Und der Betroffene hatte keine Kraft mehr. Da hilft auch keine Liebe. So traurig das klingt. Niemand ist schuld. Es mag Menschen geben, die zum Teil Verantwortung tragen, weil sie - warum auch immer - mit ihren Worten und ihrem Verhalten die Hoffnungslosigkeit geschürt und den inneren Druck erhöht haben. Aber Freunde und Angehörige, die sich um den Betroffenen gekümmert haben und für ihn da waren, trifft keine Schuld. Sie haben alles versucht. Und es war gut. Es ist sehr schwer zu akzeptieren, dass er trotzdem gegangen ist. Und genau das ist es, was mich so traurig macht.

Es macht mich unendlich traurig, wenn ein Mensch so lange gekämpft hat, eine Zeit lang sogar glücklich war, therapeutisch an sich gearbeitet hat, für andere viel bedeutet hat, anderen Betroffenen helfen konnte und so viel zu geben hatte und am Ende doch unter der Last seiner seelischen Wunden zusammenbricht. Chester Bennington wurde als Kind sexuell missbraucht. DAS hat ihn umgebracht. Wenn einer schuldig ist, dann die Täter aus seiner Kindheit. Manchmal ist das, was Menschen erleben und erleiden mussten, so unendlich furchtbar, dass sie nicht mehr damit leben können. Therapie hin, liebevolle Familie her. Es zerreißt mir das Herz, wenn ein Mensch psychisch so schwer verletzt ist, dass ihn nichts Heilendes mehr erreicht.

Ich habe keine Ahnung, ob ich auch nur anstatzweise das ausdrücken konnte, was in mir vorgeht. Wahrscheinlich fallen mir später noch tausend andere Dinge ein. Es ist mir bestimmt nicht gelungen, das Thema Suizid ausreichend von allen Seiten zu beleuchten. Das war auch gar nicht so sehr die Absicht. Ich musste mir das nur einfach mal von der Seele schreiben. Und dennoch bleibe ich sprachlos zurück.

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Kommentare: 3
  • #1

    Sofasophia (Dienstag, 17 Juli 2018 13:16)

    Danke für diesen kostbaren Text!

  • #2

    Ulli (Dienstag, 17 Juli 2018 18:50)

    Mich macht es auch immer sehr betroffen, wenn ein Mensch so verletzt wurde, dass am Ende nur der Suizid bleibt, obwohl dieser Mensch vielleicht viel versucht hat. Letztens habe ich mich gefragt ob es auch so eine Art Kurzschlussreaktion während einer Dunkelphase ist?!
    Insgesamt denke ich aber, dass dies die Freiheit ist, ja oder nein zum Leben zu sagen und dass nicht jemand weiterlebt, um anderen nicht wehzutun und dabei selbst keinerlei Freude empfinden kann.
    Ein großes Thema, danke für deinen Anstoß,
    Ulli

  • #3

    René (Montag, 10 September 2018 14:39)

    Es gibt so viele Faktoren. Von Mensch zu Mensch unterschiedlich.

    Wenn im Leben zu viel schief ging besteht oft keine Hoffnung mehr. Sich Hoffnungen zu machen für etwas, was unrealistisch ist, macht noch mehr kaputt. Ich weiß wovon ich Rede. Auch wenn ich nur für mich reden kann.

    Ich war schon stationär ich Therapien und ambulant. Es bringt leider nichts. Nun dann, ich habe so oft Suizidgedanlen und Pläne. Aber ich "traue" mich nicht die umzusetzen. Und ich denke an andere. Streng genommen lebe ich nur um andere nicht zu verletzen. Das kann kein Dauerzustand sein.

    Aber ich habe viele Menschen kennengelernt denen die Therapien helfen. Auch wenn es lange Wege sind. Bitte versucht es zumindest. Irgendwie. Wenn die Kraft und Überwindung da ist. Das wär toll.