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Sei doch mal mehr Frau!

Bild: Pixabay
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Wie oft musste ich mir diesen Spruch anhören? Gemeint waren damit nur Äußerlichkeiten. Make up, Röcke und Kleider, Damenschuhe mit Absatz, frisierte Haare. Ich mag es bis heute lieber praktisch. Kleister im Gesicht finde ich unangenehm. Und ich möchte mich im Spiegel gerne wiedererkennen. Meine langen Haare trage ich am liebsten offen. Oder zusammengebunden. Hosen sind  bei körperlicher Arbeit hilfreicher als Röcke. Außerdem habe ich immer das Gefühl, dass etwas fehlt, wenn ich einen kurzen Rock trage. Mir ist das zu luftig untenrum. Und ständig muss man aufpassen, dass nichts verrutscht und nicht aus Versehen zu viel preisgegeben wird. Auf Absätzen kann ich nicht laufen. Mir schmerzen davon die Hüften. Es soll ohnehin ungesund für Füße und Rücken sein. Mit DocMartens muss man auch nicht ständig achtgeben, wo man hintritt. Pfütze? Egal! Wann immer ich mich "schick gemacht" habe für welchen Anlass auch immer, fühlte ich mich verkleidet und unwohl. Dass ich als Jugendliche weite Hosen mit Taschen an den Seiten, Tank Tops und original belgische Armeestiefel trug, war sicherlich extrem. Ich war halt im Krieg mit Dämonen.

 

Heute bin ich davon überzeugt, dass all die Frauen, die mir rieten, "weiblicher" zu sein, selbst keine Ahnung davon hatten, was es bedeutet, Frau zu sein, und was Weiblichkeit wirklich ist. Wer weiß das noch in dieser männerdominierten Welt? Wir leben seit Ewigkeiten in einem Patriarchat und werden uns selbst entfremdet. Es sind Männer, die Weiblichkeit definieren, und Frauen, die das ungefragt übernehmen und für die Wahrheit halten. All die schönen Topmodels  in wallenden Kleidern und perfekt geschminkten Gesichtern - sind das echte Frauen? Oder Pornodarstellerinnen mit Silikonbrüsten und glattrasiertem Intimbereich - wissen die, was Weiblichkeit ist? Woraus bestehen Frauenmagazine? Kuchenrezepte gefolgt von Diäten, Strickmuster, Deko-Ideen, Klatsch und Tratsch. Ach so, und natürlich Fashion! Schuhe und Klamotten und Schminktipps. Und wenn mich das alles einen Scheißdreck interessiert, bin ich dann keine richtige Frau?

 

Es ist nichts Falsches oder Verwerfliches daran, schön sein zu wollen und auf sein Äußeres zu achten. Das hat ja auch etwas mit Selbstwert zu tun. Aber das allein kann nicht Weiblichkeit definieren! Das ist nur oberflächlicher Kram. Und Schönheitsideale triggern Selbsthass und Unzufriedenheit. Es verleitet zum Vergleichen und zum Wettkampf. Anstatt miteinander durchs Leben zu gehen, einander zu unterstützen und uns gegenseitig zu feiern, streiten wir um den ersten Platz in jeder Disziplin. DAS, liebe Frauen, ist ein männliches Prinzip. Wettkampf. Der ach so typische Zickenkrieg hat überhaupt nichts mit Weiblichkeit zu tun.

 

Was bedeutet Frau sein und Weiblichkeit denn nun wirklich? Im Netz wird viel diskutiert über Gender, MeToo oder die Rosa-Hellblau-Falle. Ich möchte mich in diese Diskussionen nur ungern einklinken, weil sie sehr emotional aufgeheizt sind und Hater aus allen Ecken hervorlocken. Ich möchte mich nicht als Feministin bezeichnen, obwohl ich die feministische Bewegung bewundere und ihr vieles zu verdanken habe. Ich bin mir nur einfach nicht sicher, ob dies der richtige Weg für mich ist. Der richtige Weg zu meiner Wahrheit von Weiblichkeit. Denn ich habe den Eindruck, dass männliche und weibliche Prinzipien mit den Geschlechtern Mann und Frau verwechselt werden. Wenn ich zum Beispiel sagen würde "Kampf ist männlich", würde es sofort heißen, dass Frauen auch kämpfen können. Natürlich! Und wie sie das können! Es geht ja nur um ein Prinzip oder einen Aspekt. Männer und Frauen haben beides in sich. Und es geht darum, beides ins Gleichgewicht zu bringen. Wenn ich sage, dass Fürsorglichkeit ein weiblicher Aspekt ist, heißt das nicht, dass Väter nicht fürsorglich sein können. Sie leben dann nur eben einen weiblichen Aspekt aus. Und das ist gut so! Genauso gut ist es, wenn ein Mann seine wahre Männlichkeit leben kann, was eben nicht Chauvinismus und Machogetue bedeutet, sondern Strukturiertheit zum Beispiel. Wenn jemand so etwas sagt, werden die Aspekte immer gleich den Geschlechtern zugeordnet. Die spielen dabei aber nur eine nebensächliche Rolle. Denn wenn es um Gender geht, gibt es schließlich mehr als nur zwei Geschlechter. Und wo sollten die sich dann einordnen? Es gibt also männliche und weibliche Aspekte - Yin und Yang, zwei Gegenpole - die alle Geschlechter in sich tragen. Die körperliche Erscheinungsform mag einen dieser Aspekte deutlicher hervorheben, aber das bedeutet nicht, dass der andere Aspekt dadurch nicht vorhanden ist. Oder dass ein Mann beispielsweise nur ein echter Mann ist, wenn er ausschließlich männliche Aspekte lebt. Ich hoffe, ich habe mich verständlich ausgedrückt und es bricht nicht gleich die nächste Debatte los.

 

Diese ganze Verwirrung ist durch ein Ungleichgewicht zugunsten der männlichen Aspekte entstanden. Wobei dies auch nicht so ganz stimmt. Nicht nur Frauen wissen nicht mehr, was wahre Weiblichkeit ist, auch Männer sind in ihrer wahren Männlichkeit verletzt. Und beide haben vergessen, dass sie eben beides in sich haben und haben dürfen. (Alle anderen Gender mögen mir bitte verzeihen, dass ich hier nur von Männern und Frauen spreche! Mir geht es um das Prinzip Weiblichkeit und wie ich dies als Frau erlebe, und nicht um die gesamte Genderdiskussion.) Frauen wurden nicht nur über die Jahrhunderte hinweg unterdrückt, sie wurden in männliche Systeme von Leistung, Produktion und Wettkampf hineingezwängt. Und damit meine ich eine gewisse Ausschließlichkeit. Es geht irgendwie nur noch um Leistung und Wettkampf. Wer verdient das meiste Geld, wer hat das größte Haus, wer fährt am häufigsten in Urlaub, wer hat die geilste Figur, die coolsten Klamotten, die besten Noten? Wer hat die meisten Follower, wem schauen die Männer hinterher, wer ist die bessere Mutter und gleichzeitig die größere Karrierefrau? Wer hat uns in diesen Wettkampf geschickt? Warum ist das so wichtig? Und die eigentliche Frage lautet: Macht uns das glücklich? Das stresst nicht nur Frauen sondern Männer gleichermaßen.

 

Unsere Welt ist dominiert von männlichen Aspekten, d.h. die Weiblichkeit kommt zu kurz und wird verzerrt. Ehrlich gesagt, fühle ich mich wegen der glotzenden Männer so unwohl in "weiblichen" Kleidern. Mich hat das immer sehr verunsichert. Es erschien mir sogar gefährlich. Und wenn Frauen vor Gericht vorgeworfen wird, ihren Vergewaltiger mit "aufreizender" Kleidung zu der Tat animiert zu haben, dann liege ich instinktiv richtig. Ich möchte keine Beute sein. Und es ist so wahnsinnig schade, dass Männer glauben, sie müssten uns jagen. Es geht nicht nur darum, dass sie denken, das Recht dazu zu haben. Das natürlich auch - das wurde ihnen eingetrichtert. Sie glauben, dass sie nur so richtige Männer sind. Verletzte Männlichkeit eben. Und an diesem Punkt bin ich mit dem Feminismus nicht mehr ganz einverstanden. Sich für Frauenrechte einsetzen - ja. Männer bekämpfen - nein. Das ist nicht die Lösung sondern einfach nur dasselbe in die andere Richtung. Auch wenn mich manche Exemplare sehr, sehr wütend machen. Vielleicht ist es auch nötig, dieses Ungleichgewicht zuerst ins andere Extrem zu treiben, bis dieses Pendel irgendwann in der Mitte zur Ruhe kommt. An diesem Punkt war ich bereits. Doch ich habe festgestellt, dass es nicht zur Heilung meiner Weiblichkeit beiträgt, wenn ich Männer im Außen bekämpfe. Ich fände es außerdem schöner, wenn wir uns gegenseitig von all den falschen und verzerrten Vorstellungen heilen würden.

 

 

Irgendwie ist der Artikel in eine andere Richtung gegangen als geplant. Ich merke, wie sehr ich doch von den öffentlichen Diskussionen beeinflusst bin und mir einen Kopf mache, möglichst verständlich rüberzubringen, was ich meine, und nicht gleich abgeschossen zu werden. Dabei wollte ich eigentlich von meinem Erleben schreiben.

 

Das Thema Weiblichkeit wurde in den letzten Jahren stetig lauter in meinem Heilungsprozess. Und immer fragte ich mich, was Weiblichkeit denn nun bedeutet. Weich sein, empfangend und hingebend waren die Begriffe, die mir dabei begegneten. Damit hatte ich als kämpferische Amazone so meine Probleme. Und ich fühlte mich mal wieder falsch. "Sei doch mal mehr Frau!" klang für mich wie "Sei anders, als du bist!". Um weich, empfangend und hingebend sein zu können, muss ich mich zuallererst sicher fühlen. Tue ich das nicht, tue ich gut daran, hart und ablehnend zu sein. Damit schütze ich mich. Auch wenn das Empfinden nicht zur Gegenwart passt. Unverheilte Wunden aus der Vergangenheit bleiben präsent und damit aktuell. Hier ist zunächst Heilung nötig, damit alles wieder fließen kann. Denn auch "fließen" ist ein weiblicher Aspekt.

 

Das allein reichte mir jedoch nicht. Weiblichkeit muss noch mehr sein! Seit ich die schamanische Ausbildung verfolge und mich mit den Jahreskreisfesten, den Elementen und den Göttern und Göttinnen (in Form von Aspekten) beschäftige, begegnen mir noch ganz andere Vorstellungen von Weiblichkeit. So langsam - in der Mitte meines Lebens - beginne ich, ein Gespür dafür zu entwickeln, was wahre Weiblichkeit sein könnte. Männlichkeit verläuft linear. Weiblichkeit bewegt sich spiralförmig in Zyklen. Diese Erkenntnis brachte mir eine gewisse Erleichterung. Denn das bedeutet, dass es okay ist, Höhen und Tiefen zu haben. Ja, das ist jetzt nicht so neu und klingt geschrieben nicht so spektakulär, wie es sich in meinem Bauch anfühlt. Ich meine, in der männlichen Welt da draußen muss immer alles so geradlinig ablaufen. Du musst immer wissen, was du willst, sonst bist du ein Loser. Du musst immer gleich funktionieren, immer Leistung auf gleichbleibendem Niveau abliefern. Können wir Frauen das? Kann ICH das? Nein, kann ich nicht. Mein Körper hat einen Zyklus. Meine Hormone verändern sich innerhalb von 4 Wochen, was meine Stimmung, meine Befindlichkeit und meine Leistungsfähigkeit beeinflusst. Darf ich das nach außen hin zeigen? Auf keinen Fall! "Hast du deine Tage oder was?" Sich krank melden wegen Menstruation? Peinlich! Wenn jede das machen würde! Lieber alles schön zustopfen mit chemisch behandelter Watte und Schmerzmittel nehmen, die auf Dauer die Nieren schädigen. Weiter geht's! Bloß nicht innehalten! Dabei sind die Tage der Menstruation eine Zeit der Ruhe und inneren Einkehr. Oder sollten es sein. Aber die Welt funktioniert nicht so.

 

Spiralen und Zyklen zeigen sich natürlich nicht nur in Form von Menstruation. Auch Männer erleben Zyklen in ihrem Leben. Nur anders. Die Jahreszeiten machen es uns vor: Im Frühling erwacht die Natur zu neuem Leben, Samen werden gesät, Pläne geschmiedet; im Sommer geht die Saat auf, das Leben ist in vollem Gange; im Herbst wird geerntet, unsere Pläne zeigen ihre Ergebnisse, wir treffen Entscheidungen darüber, was wir fortführen und was wir verwerfen wollen; im Winter ist es dunkel und ruhig, Zeit für Rückzug und Reflexion. Diese spiralförmigen Kreisläufe zeigen sich in unseren Lebensphasen. Frauen erleben dies durch die Menstruation nochmal intensiver am eigenen Leib. Und auch der Mond durchläuft seine Phasen innerhalb von 28 Tagen. Deshalb wird er der Weiblichkeit zugesprochen. Die Sonne verkörpert das männliche Prinzip. Sie ist immer gleich. Und doch hat auch sie durch die Jahreszeiten ihre Phasen. Aber die verlaufen flacher und ausgedehnter.

 

Was immer nun auch Weiblichkeit bedeuten mag - sie hat es schwer in der männlich geprägten Welt. Sie ist verzerrt und verkehrt. Sie hat nichts mit Äußerlichkeiten zu tun, kann sich aber durch sie ausdrücken. Allerdings wird sie dann natürlicher und würdevoller erscheinen. Dieser Umstand macht nicht nur uns Frauen zu schaffen. Er betrifft alle sensiblen Menschen, denn sensibel sein bedeutet Schwäche im negativen Sinne. Wer dem grotesk veränderten männlichen Weg nicht folgen kann, weil er einen anderen Rhythmus hat, fällt durch das Raster und dem System zur Last. Oder er findet einen Weg - seinen eigenen Weg - abseits von diesem aufgezwungenen Druck. Ich komme immer mehr zu dem Schluss, dass ich sehr viel weiblicher bin, als alle dachten. Mich eingeschlossen.

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Kommentare: 1
  • #1

    Daniela (Dienstag, 23 April 2019 13:18)

    Du sprichst mir aus der Seele! Genau so geht es mir schon mein Leben lang...und ich weiß eigentlich, dass die anderen Unrecht haben. Schön zu lesen, dass es noch andere gibt, denen es so geht- nicht weil ich mich freue, dass es Dir "schlecht" ergeht, sondern weil ich mich freue, nicht alleine zu sein . Vielen Dank für Deine Worte!