· 

Wie der Ernst des Lebens mir meine Lebensfreude nahm

gelangweiltes Mädchen in der Schule
Bild: Pixabay

Wie die Zeit verfliegt! Da sind doch nun schon tatsächlich 3 Monate vergangen seit meinem letzten Artikel! Wie konnte das passieren? Es lag jedenfalls nicht an einem schlimmen Tief. Eher im Gegenteil. Ich war mit Leben beschäftigt. Durchaus auch mit der Arbeit an meinen Themen - das hört ja irgendwie nie ganz auf - aber eben auch mit anderen Dingen. Der Blog geisterte mir oft durch den Kopf, und ich dachte: Mist! Ich wollte doch einmal pro Woche was veröffentlichen. Mir ist aber gerade so gar nicht danach. Und dann hab ich es halt gelassen. Da nun mein Mann jedoch heute nach 4 Wochen Urlaub wieder den ersten Arbeitstag bewältigen muss, fand ich es irgendwie passend, mich endlich diesem Thema zu widmen. Schule und wie ich sie erlebte.

 

"Dann fängt für dich ja bald der Ernst des Lebens an!" sagten die Erwachsenen damals zu mir, als ich gegen Ende des Sommers meinen 6. Geburtstag feierte. Gemeint war damit meine Einschulung. Und es klang irgendwie so gar nicht nach etwas, auf das ich mich hätte freuen können. So nach "Jetzt ist der Spaß vorbei!" Tatsächlich erinnere ich mich noch gut daran, wie ich 10 Monate später völlig entnervt äußerte, wie sehr ich mich auf die Sommerferien freute.

 

Ich war eine gute Schülerin mit schneller Auffassungsgabe und selbständigem Lernen. Das war nicht das Problem. Die Lehrer und Lehrerinnen mochten mich, weil ich so ein braves, stilles Kind war. Sie wünschten sich zwar mehr aktive Teilhabe am Unterricht von mir, aber meine guten Noten bewiesen, dass ich trotzdem alles mitbekam. Meine größten Probleme waren die anderen Kinder und die Fremdbestimmung.

 

Drei Viertel der Lerninhalte interessierten mich überhaupt nicht. Ich habe mich zu Tode gelangweilt und jeden Tag sehnsüchtig daran gedacht, was ich stattdessen zu Hause alles tun könnte: mein Bild weiter malen, meine Bücher weiter lesen (nachdem ich das gelernt hatte - eins der wenigen sinnvollsten Dinge), meine Geschichten weiter schreiben, im Brockhaus nachlesen, was eine Supernova ist, auf Bäume klettern... Kurzum, ich wollte kreativ sein, die Natur erleben und meinen Wissensdurst stillen. Oder auch einfach mal sein. "Aber das macht man doch in der Schule." Fand ich jetzt eher weniger. Zumindest nicht nach meinen Wünschen und besonders, was das "einfach mal sein" betrifft. Das klingt jetzt so, als wäre ich eine kleine Prinzessin gewesen, die nur das machen wollte, was ihr passt. Es gab durchaus Lerninhalte, die mein Interesse weckten. Naturwissenschaften fand ich bis zu einem gewissen Grad sehr spannend, da sie einige meiner Fragen beantworteten. Mit höheren Klassen wurden sie zunehmend trocken und langweilig. Und natürlich kann "man" im Leben nicht immer nur das tun, was einem gefällt bzw. gehören auch zum tollsten Traumjob Dinge, die man nicht gerne macht. Hand hoch, wer Buchhaltung und Steuererklärung hasst! Aber es kann doch nicht sein, dass diese Dinge drei Viertel des Beschäftigungspensums ausmachen!

 

Bereits mit knapp 7 Jahren wusste ich: Dieses Konzept (Schule) ist nichts für mich. Dabei bin ich äußerst privilegiert, überhaupt zur Schule gehen zu können. So viele Kinder auf dieser Welt können das nicht und lernen niemals lesen und schreiben. Bildung ist meiner Meinung nach ein Menschenrecht, das jedem zugänglich sein sollte. Deshalb wirkt es sehr undankbar von mir, darüber zu schimpfen und die Schule zum Teil für meine Depression verantwortlich zu machen. Und sie ist wirklich nur eines der vielen Puzzlestücke, das sich nahtlos in das komplexe Gesamtbild einschmiegt. Es ist großartig, wenn Kinder lernen dürfen und gefördert werden! Ich bin trotz allem glücklich darüber, dass ich diese Möglichkeit hatte. Dennoch finde ich das Schulkonzept in der westlichen Welt irgendwie... Beschränkt? Beschränkend? Normierend? Und ich weiß, dass ich nicht die Einzige bin, die so denkt. Es werden bereits neue Konzepte in Skandinavien getestet. Was mich einfach störte, war, dass ich zwar viel Wissen in der Schule lernte, aber mein inneres Feuer immer kleiner wurde. Einerseits lernte ich viel, andererseits fühlte ich mich nicht in meinen eigenen Interessen gefördert. Denn diese verschwanden irgendwann klammheimlich. Sie durften nicht da sein. Ich musste sie abstellen, um Kapazitäten zu haben für das, was die anderen für richtig hielten. Ich verstehe, wenn mich ein Lehrer ermahnt, weil ich während seines Unterrichts zeichne, weil es nunmal nicht der Kunstunterricht ist. Er könnte aber auch seinen Unterrichtsinhalt infrage stellen. Aber der wird ihm ja auch von oben aufdiktiert. Einen Großteil dessen, was ich mir ins Hirn zimmern musste, ist ohnehin in den Untiefen meines Langzeitgedächtnisses verschwunden und nach längerer Nichtnutzung gelöscht worden. Speicher frei machen.

 

Wenn man einer bestimmten Situation über einen langen Zeitraum hinweg (in diesem Fall 12 Jahre) ausgesetzt ist, gewöhnt man sich irgendwann daran und nimmt sie als gegebene Selbstverständlichkeit hin. Als normal. So ist das eben. Das muss man so machen. Alle müssen das. Das wird nicht hinterfragt. Wer das tut, stört. Was ich vor allem in der Schule lernte, war, dass andere das Recht haben, über meine Lebenszeit zu verfügen, dass ich von montags bis freitags von 8:15 Uhr bis 16:30 Uhr an einem bestimmten Ort zu sein hatte, wo ich mich dann die meiste Zeit mit Dingen beschäftigen musste, die mir zum Hals raushingen. Ich habe gelernt, mich morgens schon auf Feierabend zu freuen und montags auf den Freitag. Ich habe gelernt, mich von Wochenende zu Wochenende und von Urlaub zu Urlaub zu hangeln. Ich machte mir Abstrichkalender vor den großen Ferien, um jeden Tag zu sehen, wieviele Tage ich noch zur Schule gehen musste. Gegen Ende der Sommerferien ging es mir immer total schlecht. Ich lernte außerdem, die Meinung anderer zu verinnerlichen und zu meiner eigenen zu machen, ohne sie zu hinterfragen. Ich lernte, Regeln zu befolgen, auch wenn diese offensichtlich absurd waren. Ich lernte Ellenbogenmentalität (das einzige "Fach", in dem ich gnadenlos durchgefallen bin), Rivalität und dass ich mit den falschen Klamotten nicht dazugehörte. Ich lernte, meine Natur zu unterdrücken, um irgendwie in die Gruppe zu passen. Ich lernte, dass ich falsch bin, wie ich bin. Ich lernte, dass es normal und richtig ist, über Arbeit und Vorgesetzte zu schimpfen und von einem besseren Leben zu träumen, das niemals kommen wird, "weil das ja alle so machen".

 

Ich weiß, dass diese Gedanken bei vielen auf völlige Ablehnung stoßen werden. "Wenn alle so denken würden...!" Ja, wie geil! Dann würde sich endlich etwas ändern! Alle motzen und meckern, alle leiden und werden krank, aber alle finden das normal und machen weiter. Natürlich nicht alle! Es gibt durchaus Menschen, die damit sehr glücklich und zufrieden sind, die ihre Arbeit mögen und gerne zur Schule gegangen sind. Trotzdem klingt der allgemeine Tenor sehr negativ. Das Netz ist voll von "lustigen" Memes über den verhassten Montag. Auf unserem lokalen Radiosender wird freitags lauthals über das baldige Wochenende gejubelt. "Es ist Freitag! JUHUUUU!" Leute! Das ist NICHT normal! Ich glaub das nicht mehr! Was für eine Verschwendung kostbarer Lebenszeit! Ich freue mich über jeden einzelnen Menschen, der frühzeitig erkennt, was seine Leidenschaft ist und unkonventionelle Wege geht, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Oder der einen völlig alternativen Lebensstil wählt. Die Welt braucht mehr solcher Menschen! Menschen, die sich nicht nur auf Freitag freuen sondern auf jeden Tag.

 

Nachdem mich die Schule konditioniert und die gesellschaftliche Norm in mir Wurzeln geschlagen hatte, wusste ich überhaupt nicht, wie es mit mir beruflich weitergehen sollte. Alle Interessen weg. Und das Selbstvertrauen sowieso. Null Orientierung. Also machte ich genauso weiter, wie ich es gelernt hatte. Ich tat Dinge, die mich nicht nur überhaupt nicht interessierten, sondern die mich morgens beim Aufstehen schon wünschen ließen, der Tag wäre vorbei. Hauptsache was Anständiges gelernt! Was für eine traurige Realität, die man abends mit Dumm-Fernsehen betäuben muss! Oder mit übermäßigem Konsum. Denn dafür verdient man ja so sauer sein Geld. Zusammen mit all den anderen Faktoren entstand daraus dann die Depression, die eines Tages so groß geworden war, dass ich einfach nicht mehr an ihr vorbeischauen konnte. Und sie stellte mir eine Frage: "Was zum Henker tust du da?" Ich hatte mich so weit von mir selbst entfernt, dass ich mich gar nicht mehr sah geschweige denn spürte. 

 

"Mit dieser Einstellung machst du es dir nur selber schwer! Du musst an deiner Einstellung arbeiten!" Ich übersetz das mal ganz kurz: "Es ist falsch, was du denkst! Du musst dich verbiegen und dich für die Gehirnwäsche öffnen. Dann wird es leichter für dich." Etwas radikal ausgedrückt. Fun fact: Das habe ich gemacht. Ich wurde krank. Und nun sitze ich hier, weiß im Prinzip, dass die Selbständigkeit der einzige Weg für mich ist (in Belgien echt nicht einfach und mit hohen Steuerabgaben verbunden!), habe jedoch (noch) keine Kraft dafür und schon gar nicht den Mut. Das bedarf noch einiges an Entwicklungsarbeit. Ich bin dran.

 

Ich beschreibe hier mein persönliches Empfinden. Und ich weiß, dass es Menschen gibt, die genauso denken. Wir sind nicht viele aber genug, dass es langsam auffällt. Einige trauen sich noch nicht, es laut auszusprechen. Die Konditionierung sitzt tief. Und für manche passt dieses System perfekt. Und das ist völlig in Ordnung. Ich glaube, dass es verschiedene Typen von Menschen gibt, obwohl ich Schubladen und Etiketten nur rudimentär hilfreich finde. Auf jeden Fall bin ich der Meinung, dass niemand gegen seine Natur leben sollte! Und für alle, die argumentieren, dass dies Luxusprobleme sind, die es früher nicht gegeben hätte und in anderen Weltteilen blaaaaa… Nein. Dies sind aktuelle Probleme in diesem Teil der Welt. Die Probleme verändern sich mit der Zeit. Und es ginge auch nicht, wenn ich müsste. Das Schulkonzept nahm mir meine Kreativität und meine Lebensfreude. Das Kind, das es kaum erwarten konnte, morgens aus dem Bett zu hüpfen und sich weiter seinen Projekten zu widmen, war tot. Alles war leer und sinnlos. Nichts machte mehr Spaß, denn der war ja durch "den Ernst des Lebens" vorbei. Wozu noch morgens aufstehen? Lieber mein Leben verschlafen. Ich konnte bereits einen guten Teil wieder herstellen. Aber der Schaden ist groß und reicht tief. In der Tat liegt vieles an der Einstellung oder am Mindset, wie das jetzt heißt. Aber in welche Richtung ich daran arbeiten möchte, will ich bitte selbst bestimmen!

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Sofasophia (Montag, 12 August 2019 15:25)

    Ja, genau so. Also nein, nicht genau so. Bei mir hat es länger gedauert, bis ich die Maschine durchschaut habe, aber ansonsten pflichte ich dir bei.

    Darum plädiere ich ja auch für ein Bedingungsloses Grundeinkommen.

    Danke für deine klaren Worte.

  • #2

    Leo (Dienstag, 08 Oktober 2019 00:03)

    Mensch, was für ein wunderervoller Text! Ich bin ein 31 jähriger Mann (auch HSP) und sehe das genauso wie Du - ALLES. Bin gerade eben auf dein Hochsenibel Text gestossen und dann diesen hier. Es ist als hättest du genau meine Empfindungen in Worte verfasst.

    Bei mir ist ebenfalls das Ganze (Hochsensibilität, schlechte Kindheitserfahrungen, Schule, Mobbing, kein Selbstwertgefühl, Perspektivlosigkeit etc.) in Teils sehr schwere Depressionen ausgeartet, aber ich schreibe jetzt hier nicht meine Lebensgeschichte.

    Ich habe nur eins gelernt was ich mitgeben kann: Menschen wie wir müssen um jeden Preis kämpfen ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Koste es was es wolle, keine Rechtfertigung den Schafen über! Das meine ich aus voller Überzeugung. Es ist zwar gegen die Natur des HSP diesen "Egoismus" durchzusetzen aber das Gegenteil führt zum inneren Tod. Dieser ganze Quatsch von wegen was richtig und falsch ist im Auge der Gesellschaft (nichts weiter als reine Zensur der Persönlichkeit) ist einfach nur ein System das für die Masse funktioniert.Die braucht eine Leine die den Weg weist. Die meisten sehen diese nicht, genügend begrüßen sie. Für Leute wie uns wird es immer ein Kampf sein um den eigenen Charakter, Selbstbewusstsein und Integrität - aber das muss ja alles doch noch irgendwie mit der Welt draußen funktionieren...
    Wenn möglich sollte man seine Umstände betrachten und ggf. ändern. Ich habe gemerkt ich hasse die Stadt obwohl ich mitten in Berlin aufgewachsen bin - zu laut, zu dreckig, zu hektisch, zu viel von zu viel. Aber ich hatte nur ungeheures Glück das ein Freund mich nach Bayern aufs Land eingeladen hat und das mein Leben gerettet hat. Auch hat Fitness & Sport sehr geholfen. Der Körper ist kräftiger und das überträgt sich auf den Geist.

    Also eigentlich wollte ich Dir nur sagen - bleib wie Du bist und kämpfe weiter und höre niemals auf zu träumen =) Wünsche Dir viel Erfolg und Glück auf Deinem Weg.