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Soll ich zum Psychotherapeuten oder lieber zum Psychologen?

Bild: Pixabay - Sigmund Freud: Zu dem wäre ich ganz sicher NICHT hingegangen bei diesem abschreckenden Blick!
Bild: Pixabay - Sigmund Freud: Zu dem wäre ich ganz sicher NICHT hingegangen bei diesem abschreckenden Blick!

Wer an einer psychischen Krankheit leidet, hat die Wahl zwischen Psychiater, Psychologe und Psychotherapeut. Der Psychiater ist der Facharzt für die Murmel und damit der Einzige, der die offizielle Diagnose stellen, Medikamente (Psychopharmaka) verschreiben und eine Arbeitsunfähigkeit attestieren darf. Die belgische Krankenkasse verlangt in regelmäßigen Abständen Berichte vom Facharzt, die eine Arbeitsunfähigkeit rechtfertigen sollen oder auch nicht. Mein Psychodoc sieht mich zwar nur alle paar Monate für 10 - 15 Minuten, aber seine Meinung ist wichtiger als die von meiner Therapeutin, die mich viel besser kennt, aber eben keine Ärztin ist. Damit kann ich gut leben, auch wenn ich finde, dass den Halbgöttern in Weiß zu viel Bedeutung beigemessen wird. Ich würde mir wünschen, dass die Krankenkasse meine Therapeutin ebenso berücksichtigt, was die Einschätzung meiner psychischen Stabilität betrifft, weil ich dort viel offener bin als beim Psychiater, was einfach am Setting liegt. Wie auch immer, wer psychisch bedingt seiner Arbeit nicht mehr nachgehen kann, wird zuerst zum Facharzt geschickt. Eine intensive Therapie findet dort aber nicht statt sondern nur die administrative, diagnostische und medikamentöse Abklärung.

 

Was ist aber nun der Unterschied zwischen Psychologen und Psychotherapeuten? Genaugenommen gibt es Heilpraktiker in Psychotherapie, Psychologen, Klinische Psychologen, Psychologische-Psychotherapeuten und Psychologische Berater. Verwirrender geht's kaum. Ich versuche, das mal vereinfacht darzustellen.

 

Psychologische Berater dürfen nur Lebensberatung für psychisch gesunde Menschen mit konkreten Lebensproblemen anbieten und kommen deshalb für jemanden mit einer diagnostizierten psychischen Störung gar nicht erst in Frage, weshalb ich hier nicht näher darauf eingehe. Aber ich dachte, es wäre doch wichtig, auch diesen Begriff hier abgrenzend aufzuführen, weil man hinter dieser Bezeichnung mehr vermuten könnte.

 

Ein Psychologe hat Psychologie studiert und besitzt nach 3 Jahren den Bachelor of Science und nach 5 Jahren den Master of Science - sofern er die Regelstudienzeit einhält und nicht ständig Party macht. Ein Psychologe kann u.a. psychische Krankheiten erkennen und erforschen sowie Gutachten erstellen. Er darf aber keine psychisch kranken Menschen behandeln. Die Klinische Psychologie ist ein Masterstudiengang und einer von vielen möglichen Schwerpunkten im psychologischen Bereich. Wer danach eine Zusatzausbildung in einem Therapieansatz absolviert, darf sich Psychologischer-Psychotherapeut nennen und Patienten in eigener Praxis therapeutisch behandeln. Voraussetzung dafür ist das Studium an einer Universität mit dem Fachbereich Klinische Psychologie. Wenn wir vom Psychotherapeuten sprechen, ist damit also der Psychologische-Psychotherapeut gemeint. Denn nur er allein darf die geschützte Berufsbezeichnung Psychotherapeut führen. Er ist aber auch Psychologe und Klinischer Psychologe.

 

Ich habe damals an einer Fachhochschule studiert. Sozialarbeit. Für den Master (of Arts - bin ich doch ne Künstlerin) fehlten mir 0,2 Punkte. Aber der interessierte mich sowieso nicht. Mit einem FH-Studium darf man trotzdem eine psychotherapeutische Weiterbildung verfolgen, was ich ja auch gemacht habe. Gestalttherapie - ein humanistischer Ansatz, der aus der Psychoanalyse entstand, weil Fritz sich von Sigmund nicht gewürdigt fühlte. Anderes Thema. Ich dürfte mich aber nur Heilpraktikerin in Psychotherapie nennen und müsste in Deutschland eben noch den kleinen Heilpraktiker dazu machen, um die Erlaubnis zur Ausübung zu erhalten. Dieser Schein nützt mir in Belgien aber herzlich wenig. Außerdem kam mir die Depression dazwischen, die alles verändert hat.

 

Der wichtigste Unterschied, der Heilpraktiker in Psychotherapie und Psychologische-Psychotherapeuten voneinander trennt, ist, dass erstere dem Heilpraktikergesetz unterliegen und nicht ins Ärzteregister eingetragen werden wie ihre studierten Kollegen, die nach dem Psychotherapeutengesetz geregelt und strenger kontrolliert werden. So müssen Psychotherapeuten in eigener Praxis regelmäßig Fortbildungen besuchen und dies auch belegen, was die Heilpraktiker nicht müssen. Außerdem sind Heilpraktiker aufgrund fehlender Berufsordnung frei in der Wahl der angewandten Methoden und dürfen deshalb auch Ansätze praktizieren, die wissenschaftlich nicht anerkannt sind. Das verleiht ihnen einen leicht unseriösen Touch. Nicht zuletzt wegen der scharf kritisierten Zuckerkügelchen aka Globuli ist der Begriff "Heilpraktiker" ins Schwurbeltum gerückt. Auch wenn viele Therapeuten mit Heilpraktikerschein überhaupt gar nichts mit alldem am Hut haben. Wissenschaftlich anerkannte Therapieverfahren sind Psychoanalyse, Verhaltenstherapie und tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Psychologische-Psychotherapeuten dürfen nur diese 3 Methoden anwenden, die zudem von den Kassen zugelassen sind. Andere erforschte Verfahren sind die humanistische Psychotherapie und die systemische Therapie, welche jedoch nicht abgerechnet werden können. Approbierte Psychotherapeuten befinden sich insgesamt bis zu 12 Jahren in Ausbildung mit Praxiserfahrung. Bei den Heilpraktikern wird neben mindestens einem Hauptschulabschluss lediglich der HP-Schein verlangt, der die Erlaubnis zur Behandlung von Patienten erteilt. Überprüft werden hierfür Kenntnisse in psychologischer Diagnostik, Psychopathologie, klinischer Psychologie sowie die Fähigkeit, Patienten entsprechend ihrer Diagnostik psychotherapeutisch zu behandeln. Diese Überprüfung durch einen Amtsarzt oder Amtspsychiater ist jedoch ebenso wenig einheitlich geregelt wie die Heilpraktiker-Ausbildung, welche in der Dauer zwischen 6 Monaten und 2 Jahren variiert. Es gibt Schulen, die großen Wert auf Qualität legen und eine Zusatzausbildung in einem Therapieverfahren dringend empfehlen. Gesetzlich  vorgeschrieben ist dies jedoch nicht. Es muss keine spezifische Fachqualifikation nachgewiesen werden. Und somit kann man auch schon nach einem Wochenend-Workshop "Selbstfindung durch Töpfern" eine Praxis aufmachen. Zugegeben - das ist gruselig! Ansonsten finde ich eine Horizonterweiterung in alternativen Heilmethoden begrüßenswert, auch wenn dies große Risiken mit sich bringt. Obwohl ich ja finde, dass auf beiden Seiten Scharlatane lauern. Es ist eine Entscheidung zwischen der durch den Staat kontrollierten, aber bevormundenden Sicherheit und der eigenverantwortlichen Freiheit. Beides ist gleichermaßen gut und schlecht und schützt einen so oder so nicht vor unangenehmen Erfahrungen. Die Diskussion zwischen Wissenschaft und nicht anerkannten Methoden wird wohl nie enden. Und es ist ja gerade diese Reibung, die nötig ist, um neue Sichtweisen und Richtlinien entstehen zu lassen.

 

Ich kann durchaus verstehen, dass Psychologische-Psychotherapeuten es nicht unterstützen, dass Hinz und Kunz über einen Heilpraktikerschein auf Patienten losgelassen werden. Das sollte in der Tat besser geregelt sein. Trotzdem fände ich es schade, wenn ein fünfjähriges Studium mit Master in Klinischer Psychologie zwingend erforderlich wäre, um Psychotherapie ausüben zu dürfen, und nur noch die 3 anerkannten Therapieverfahren erlaubt wären. Viele Menschen würden dann wohl eher davon absehen, obwohl sie richtig tolle Therapeuten abgeben würden, die die Sache ernst nehmen und sich eben nicht mit einem Wochenendseminar zufrieden geben, sondern über viele Jahre hinweg eine relevante Fachqualifikation erwerben und sich aus eigenem Antrieb regelmäßig weiterbilden. Aber genau das sollte auch bei den Heilpraktikern kontrolliert werden. Und es sollte eine einheitliche Grundausbildung und Prüfung sowie eine Berufsordnung geben, damit man nicht aus Versehen bei einem Kartenleger landet mit seiner Depression. Umgekehrt sollte den Psycholog*innen ebenfalls besser oder anders auf die Finger geschaut werden. Denn auch hier gibt es einige, die trotz Fachwissen in der beruflichen Realität versagen oder sich emotional an ihren Patienten abarbeiten. Aber wie will man das kontrollieren? Es ist auf jeden Fall richtig scheiße, wenn man mit einem unerkannten Trauma beim nächsten Missbraucher landet, der sich zwar sehr wichtig aussehende Universitätsdiplome an die Praxiswand genagelt hat, von dem man aber komplett getriggert nach Hause geht.

 

Was bedeutet das jetzt für mich als Patient auf der Suche nach einer geeigneten Therapie? Vertraue ich lieber den fachlichen Abschlüssen oder kann ich es wagen, einen Heilpraktiker in Psychotherapie aufzusuchen? Wie kann ich einen seriösen Heilpraktiker von einem Scharlatan unterscheiden? Die Wahl hängt natürlich auch davon ab, ob ich die Therapie selbst zahlen möchte bzw. kann oder ob ich das über die Krankenkasse laufen lassen möchte. Da letzteres für mich in Belgien sowieso nicht möglich war, habe ich mich für eine Heilpraktikerin entschieden, die in der systemischen Therapie und in Traumatherapie (Somatic Experiencing nach Peter Levine) ausgebildet ist. Diese Verfahren sind zwar nicht wissenschaftlich anerkannt, aber zumindest eine davon ist erforscht. Und ich kann nur sagen, dass eine Therapeutin, die sich mit Traumata auskennt, wirklich toll ist! Das ist für mich sehr viel hilfreicher als das Reden über meinen Alltag in der humanistisch begründeten Gesprächstherapie. Ich kann also nur dazu raten, durchaus auf Abschlüsse zu achten. Aber die müssen nicht unbedingt zu den 3 anerkannten Verfahren gehören. Engelchanneling und Seelenreise fallen allerdings bei mir durch. Kann man mal (ergänzend) machen, wenn man möchte, ersetzt aber keine Therapie, die tiefgehende psychische Leiden lindern soll. Meine Meinung. Es gibt bestimmt auch auf diesem Gebiet tolle Menschen, die tatsächlich helfen können, wenn man offen dafür ist. Aber das hat dann nichts mit Psychotherapie zu tun, und ich wäre sehr vorsichtig damit. Sollte einem beim Erstgespräch narzisstisches Gurugehabe auffallen, hilft nur rennen. Solche "Therapeuten" missbrauchen ihre Patienten als Quelle der Anerkennung und Bestätigung ihres verkümmerten Ichs. Und zum Auffüllen ihres Portemonnaies.

 

Psychische Krankheiten sollten genau so ernstgenommen werden wie körperliche. Auch oder gerade wenn es um die Behandlungsmethode geht. Aber sind Psychiater und Psychologen deshalb besser? Rein theoretisch möchte man sagen, ja. In der Praxis habe ich ganz andere Dinge erlebt. Ein Psychiater, der mich zuerst ausgelacht und dann angeschrien hat, eine Klinik-Psychiaterin, die meinen durch ihre Intervention getriggerten Zustand nicht erkannte und mich so ins Wochenende entließ, eine junge Co-Therapeutin ohne langjährige Berufserfahrung und Psychologie-Studium, die mich empathisch auffing - weil sie es einfach drauf hatte, ihre ärztlichen und approbierten Kolleg*innen komplett in den Schatten stellte und bei allen Patient*innen heiß begehrt war aufgrund ihrer Kompetenz. Mein aktueller Psychiater ist toll. Meine Therapeutin hat nur den HP-Schein und natürlich ihre Ausbildungen in therapeutischen Heilverfahren und macht einen guten Job. Andere Therapeuten ohne Psychologiestudium habe ich weniger positiv in Erinnerung. Zertifikate an der Wand machen schon was her und sollen fundiertes Wissen beweisen. Sie sagen aber nichts über den praktizierenden Menschen und seine Empathiefähigkeit aus. Denn Empathie kann man nicht lernen. Ich finde es außerdem hilfreich, wenn ein Therapeut - egal welcher Richtung - selbst krisenerfahren ist. Wobei auch das nicht unbedingt Qualität garantiert. Mir haben schon Therapeuten ihre eigenen Lösungen übergestülpt, weil ihnen das geholfen hat, "als es ihnen mal nicht gut ging". Hat mir dann nicht so gut geholfen.

 

Es bleibt schwierig, wofür man sich entscheiden soll, und hängt für mich hauptsächlich von der praktizierenden Person ab. Die Chemie muss stimmen, ich muss mich ernstgenommen und aufgefangen fühlen, aber auch durchschaut, wenn ich mich selbst belüge oder mehr Sicherheit vorspiele, als ich empfinde. Gute Ausbildungen sind wichtig nur eben leider keine Garantie dafür, dass das erworbene Wissen auf Talent stößt und in dieser Kombination qualitativ hilfreich angewandt wird. Was für mich auch einen guten Therapeuten ausmacht, ist das Erkennen eigener Grenzen und die daraus resultierende Vermittlung an kompetente Stellen. Oder wie eine Gestalttherapie-Trainerin mal sagte: "Mit Psychotikern macht man keine Fantasie-Reise."

 

 

Quellen:

Wikipedia

psychologie-studieren.de

Paracelsus Heilpraktikerschulen

Anfordernisse und Voraussetzungen für die Heilpraktiker Psychotherapie Prüfung

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Kommentare: 2
  • #1

    Max (Sonntag, 28 Juli 2019 10:54)

    Hallo. Psychologische Psychotherapeuten sind in Deutschland aktuell Fachärzte gleichgestellt. Es hat sich viekgetan. Somit sind auch ihremeinung sehr wichtig für Krankenkasse geworden

  • #2

    Yvonne (Freitag, 09 August 2019 11:29)

    Hallo, Max!

    Das mag sein. Aber meine Therapeutin ist ja "nur" Heilpraktikerin in Psychotherapie. Und als Belgierin bin ich in Belgien krankenversichert. Die interessiert die Meinung meiner Therapeutin leider nicht.