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Positives Denken verstärkt Depressionen

©2015 Disney - Pixar
©2015 Disney - Pixar

Ernsthaft jetzt? Positives Denken soll Depressionen verstärken? Ist es keine wirksame Methode, wieder fröhlich und glücklich zu werden? Nein. Meiner Meinung nach nicht. Ich halte tatsächlich diese ganzen Ideen von "sei einfach glücklich", immer positiv denken und die Depression ignorieren für gefährlich. Sie verstärken nicht nur eine bereits vorhandene Depression, sie können sie auch verursachen oder ihren Ausbruch begünstigen. Ich schrieb bereits im letzten Artikel, dass "negative" Gefühle wegmachen wollen zur Abspaltung führt. Und Abspaltung macht krank. Heilen bedeutet ganz (heil) werden, dass alles da sein darf, so dass sich unser Ich strecken und ausdehen kann. Mit der Integration unliebsamer Gefühle und Anteile wachsen wir zu unserer wahren Größe.

 

Der Mensch kennt fünf Grundgefühle: Freude, Angst, Wut, Trauer und Scham. Von diesen lassen sich alle weiteren Gefühle ableiten. Oft ist auch nur von vier Grundgefühlen die Rede, bei denen die Scham fehlt. Dieses Gefühl finde ich aber viel zu wichtig. Wenn wir nun diese fünf Grundgefühle nach allgemein anerkannter Bewertung betrachten, fällt auf, dass nur eines davon positiv ist, sprich keinen Schmerz verursacht. Freude. Die Angst steht nur im Weg und hält uns klein. Wut macht hässlich und lohnt sich doch oft nicht. Trauer ebensowenig. Was soll das Gejammer? Von Scham wird kaum gesprochen, weil peinlich. Lieber komplett hemmungslos sein. Das wirkt stark und abenteuerlustig. Nur die Freude wird allgemein anerkannt. Sie ist so schön leicht und unproblematisch.

 

Vor kurzem las ich in einem WhatsApp-Kettenbrief "Lächle auch mit Tränen in den Augen und sag: Es geht mir gut!". Für mich ist das nicht die Anleitung zum Glücklichsein sondern zum Depressivsein. So zu tun, als ob es mir gut ginge, obwohl in mir alles brennt und in Scherben liegt, ist das Schlimmste, was ich mir antun kann. Ich unterdrücke damit den Schmerz, was im Grunde gar nicht wirklich gelingt, setze eine Maske auf und verleugne mich selbst. Ich belüge mich und andere. Irgendwann glaube ich mir vielleicht sogar und frage mich, warum ich mich so anstelle. Ist doch alles nicht so schlimm! Bilde ich mir bloß ein! Damit misshandle ich mich selbst. Ich sperre das verletzte innere Kind, das herzzerreißend weint und in großer Not ist, in den Keller. Zum Schweigen verdammt, ins Exil verbannt. Aus den Augen aus dem Sinn. Das funktioniert aber auf Dauer nicht.

 

Fake it, 'til you make it! Noch so ein toller Spruch. Er mag in gewissen Bereichen hilfreich sein, aber nicht wenn es um unsere Psyche geht. Die lässt sich nicht verarschen. Und wer will denn nur noch Fake sein? Damit verlieren wir uns komplett selbst. Wir entfernen uns immer weiter von uns. Schmerzhafte Gefühle beiseite schieben ist wie Dreck von einer Ecke in die andere fegen. Die mag versteckt sein, so dass es den Anschein macht, es sei sauber. Der Dreck ist aber immer noch da. Und er vermehrt sich. Bis die versteckte Ecke voll ist und überquillt. Dann lässt sich der Dreck nicht mehr verbergen. Natürlich ist es nicht immer ratsam, authentisch zu sein. In manchen Situationen ist es besser, sich zu schützen und eine Maske aufzusetzen. Das sollten aber Ausnahmen bleiben. Wenn wir das Gefühl haben, dass die Maske mit unserem Gesicht verwachsen ist, läuft etwas falsch.

 

Nur eins von fünf Grundgefühlen wird als positiv empfunden. Das heißt, dass durch Konzepte wie positives Denken vier Fünftel unserer Gefühlswelt ins Exil geschickt werden. Das ist ein verdammt großer Anteil! Es bleibt nur noch ein Fragment von uns übrig. Was soll daran gesund sein? Der Denkfehler liegt für mich darin, dass Glücklichsein mit Freude verwechselt wird. Eine meiner ehemaligen Therapeutinnen würde jetzt sagen: "Glücklichsein ist ein Zustand, kein Gefühl." Sie war darin sehr streng und machte mich damit oft ratlos, konnte ich meine Gefühle doch eh schon so schlecht benennen. Aber eben genau darum ging es ja. Glück ist ein Zustand, Freude ist ein Gefühl. Sie sind also nicht identisch. Glück bedeutet für jeden etwas anderes, während Freude sich bei allen auf die gleiche Weise äußert. Freude mag durch Glück entstehen, aber oft genug zeigt sich Glück auch zunächst in einem scheinbar negativen Ereignis, das uns Schmerz verursacht. Glück kann man bewerten, Gefühle nicht. Hier setzt das positive Denken an: Wenn du deine Situation anders bewertest, entsteht Freude. Das klingt in der Theorie richtig. In der Praxis verzerrt dies jedoch die Natur emotionaler Prozesse. Und es macht paradoxe Gefühle unmöglich, die unsere emotionale Welt differenzieren und erweitern.

 

Der Disney - Pixar - Animationsfilm "Alles steht Kopf" zeigt sehr deutlich, was passiert, wenn wir uns dazu zwingen, immer nur Freude zu fühlen. Hier wird zwar nur Kummer (Trauer) verdrängt, während Wut, Angst und Ekel (hätte für mich Scham sein sollen) weiterhin agieren dürfen. Aber man erkennt das Ungleichgewicht, das entsteht, wenn wir Schmerz abspalten. Anstelle von Trauer empfinden wir Wut. Die Angst wird überstimuliert. Wir schämen uns oder werden beschämt, weil wir angeblich schwach sind. Und die Freude, die wir so zwanghaft in den Vordergrund gerückt haben, geht am Ende verloren. Für mich sind alle fünf Grundgefühle positiv und negativ zugleich, das heißt sie haben Licht- und Schattenseiten. Angst kann blockieren, aber auch schützen. Wut kann verletzen und zerstören, aber auch befreien und für uns einstehen. Trauer tut unheimlich weh, aber reinigt Wunden. Scham verzerrt unser Selbstbild und hemmt uns, sorgt aber auch für die Bildung des Gewissens und für Sozialisation. Freude macht uns leicht und weit, kann aber auch zu Übermut und Unvorsichtigkeit führen oder das empathische Mitgefühl für andere Menschen dämpfen. Das Wichtigste ist jedoch, dass alle Grundgefühle uns lebendig fühlen lassen. Und das bedeutet für mich glücklich sein. Dass ich alles fühlen kann und darf. Das kann ich in der Depression nämlich nicht. Dann ist alles tot, weil viel zu lange unterdrückt und beiseite geschoben. Weil viel zu lange mit Tränen in den Augen gelächelt und gesagt "Es geht mir gut!".

 

Der Mensch will Schmerz vermeiden. Er hat Angst, dass der Schmerz niemals aufhören wird, wenn er ihn zulässt. Er befürchtet, vom Schmerz zerstört zu werden. Um das zu vermeiden, erfand er Konzepte wie das positive Denken. Und wenn sich jemand dagegen ausspricht, ist er gleich der Annahme, dass diese Person ausschließlich das andere Extrem befürwortet - nämlich das Jammern. Dass diese Person "nicht aus ihrem Loch heraus will". Das ist aber Unsinn. Niemand will sich ständig schlecht fühlen und leiden. Es ist aber eben auch nicht natürlich, sich ständig gut zu fühlen und obenauf zu sein. Die Natur macht es uns vor mit dem Kreislauf von Werden und Vergehen. Nichts davon ist positiv oder negativ. Alles ist ein notwendiger Teil des Lebenskreislaufs. Es kann nicht immer alles wachsen und blühen. Genauso wenig wie wir ständig wach sein können. Der Körper braucht auch Ruhe. Und zwar regelmäßig. Extreme sind nicht gesund, auch wenn ein "positives" Extrem noch so verlockend erscheint. Nur das Gleichgewicht heilt. Und das gilt es, immer wieder auszubalancieren, indem wir allen Gefühlen in uns Raum geben.

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