· 

Guck mal, die da! - Was es mit einem macht, immer wieder ausgelacht zu werden

Bild Pixabay
Bild Pixabay

Früher nannte man es Hänseln, heute heißt es Mobbing. Ich bin mit beiden Begriffen nicht ganz glücklich. Hänseln klingt zu harmlos, und für Mobbing gibt es keine einheitliche Definition. Das Wort "mob" kommt aus dem Englischen und bedeutet in seinen Funktionen als Verb und Substantiv "jemanden angreifen, bedrängen, umringen, belagern, Meute, Bande, Volksmenge, Masse", also der Angriff durch eine Gruppe von Menschen. Somit würde das Hänseln durch eine Einzelperson nicht unter Mobbing fallen. Es ist dennoch möglich, von nur einem Menschen psychisch fertig gemacht zu werden. Aber wie nennt man das dann? Und wie bezeichnet man den Umstand, wenn man, egal wo man hingeht, immer wieder Zielscheibe von Gelächter und Ablehnung ist? Wenn es einem schwer fällt, sich in eine Gruppe zu integrieren und jedes Mal die Rolle des Narren übernimmt? Und damit meine ich nicht den Klassenclown sondern einen Menschen, der nicht ernst genommen wird, den man komisch findet, über den man lacht, weil er anders ist. Ein Clown bringt absichtlich Menschen zum Lachen. Ein Narr ist unfreiwillig komisch.

 

Es handelt sich auf jeden Fall um eine Opferrolle, die einem irgendwann zugeteilt wurde, und die man fortan automatisch überall annimmt. Das Opfer strahlt Unsicherheit aus und bietet somit Angriffsfläche. Ganz einfach und sehr kurz dargestellt. Das bedeutet nicht, dass das Opfer selbst schuld ist! Es wurde in diese Rolle gedrängt und kommt  nun nicht mehr heraus. Ein Automatismus ist eingetreten, der unbewusst abläuft. Darum soll es in diesem Artikel aber nicht gehen, deshalb halte ich das so kurz. Mir geht es um die Täter und darum, was es mit einem macht, immer wieder ausgelacht zu werden. Denn es ist eine Sache, ob jemand unsicher ist und sich deshalb vielleicht seltsam verhält, und eine völlig andere, darauf so ekelhaft zu reagieren. Das ist schließlich eine Entscheidung, die man auch anders treffen könnte. Dazu bedarf es allerdings der Selbstreflexion.

 

Denn im Grunde handelt sich hierbei um Projektion. Die Täter projizieren ihre eigene Unsicherheit, ihr Komischsein und ihre Angst vor Ausgrenzung auf das Opfer. Der dafür auserwählte Mensch, der sich unbewusst dafür anbietet, wird dann "geopfert", sprich fertig gemacht. Somit befreien sich die Täter von ihren eigenen Schattenseiten. Also zumindest denken sie das. Weil, die sind leider trotzdem nicht weg. Und dann gibt es noch die "projektive Identifikation", d.h. dass sich ein Mensch, auf den etwas projiziert wird, sich entsprechend der Erwartung des Projizierenden verhält. Die Täter bedienen manipulativ die Knöpfe des Opfers, so dass dieses sich komisch benimmt (oder was immer gewünscht wird) und wieder einen "Grund" zum Mobben liefert. Außerdem wurde das Opfer systematisch so geschwächt, dass es grundsätzlich davon ausgeht, gemobbt zu werden, egal, wo es hingeht. Die Erfahrung hat ihm gezeigt, dass es nichts anderes zu erwarten hat. Folglich strahlt es Unsicherheit aus, wird zur Zielscheibe und holt sich auf diese Weise die Bestätigung für seine Erwartungen. Es entsteht ein unheilvoller Teufelskreis. Am Ende weiß niemand, was zuerst da war: das angeblich seltsame Verhalten des Opfers oder die Projektion der Täter.

 

Fakt ist, dass jemand, der unsicher und somit schwach wirkt, leicht zum Opfer wird. Gerne wird dann empfohlen, mehr Selbstbewusstsein zu erlangen, z.B. mit Hilfe eines Kampfsports. Das ist auch schön und gut. Es ist wichtig, seine eigene Kraft zu spüren und seine Grenzen verteidigen zu können, und zwar so deutlich, dass das niemand mehr anzweifelt. Jedoch bleibt so die Verantwortung beim Opfer, das doch bitte damit aufhören soll, unsicher zu sein und immer nur das Schlimmste zu erwarten, weil das ja dann auch so eintritt. Erstens frage ich mich, warum ein Mensch überhaupt so verunsichert ist - denn ich glaube nicht, dass man so auf die Welt kommt. Und zweitens finde ich, dass den Tätern auch ein Kurs empfohlen werden sollte. Und zwar in Empathie und Toleranz! Schließlich hat irgend jemand eines Tages damit angefangen, das Opfer klein zu machen. Solange, bis es geglaubt hat, klein zu sein und auf ewig klein zu bleiben.

 

"Hast du die roten Schuhe gesehen?" Ich fürchte, ich war stylisch oft meiner Zeit voraus. Oder in einem spießigen Kleinkaff einfach nur am falschen Ort. Allerdings muss ich dazu sagen, dass ich mich erst sehr spät traute, die Klamotten auszusuchen, die wirklich mir gefielen und nicht meiner Mutter. Aber selbst dann sahen mich Leute grinsend von oben bis unten an. Was soll das? Was ist daran so witzig? Mir gefallen andere Menschen bzw. ihre Outfits auch nicht immer. Aber muss man das so offen zeigen oder sogar aussprechen? Was nützt das, außer den Gegenüber zu beschämen? Wenn man dann nicht der selbstbewussteste Mensch auf Erden ist, reagiert man verunsichert und fühlt sich nicht mehr wohl. Oft habe ich gewisse Teile dann auch nie wieder getragen. Obwohl ich sie beim Kauf total schön fand, aber man hatte sie mir verdorben.

 

Vor Kurzem habe ich mir eine Leggins fürs Yoga gekauft. Ich fahre immer Asana-ready angezogen zum Studio. Ja, ich bin schlank, habe aber nicht die perfekt geformte Figur. Ist mir eigentlich wurscht. Aber da gab es mal eine sehr unangenehme Situation auf einer Party, in der ein junger Mann sehr laut quer über die Tanzfläche schrie: "Boah, hast du einen dicken Bauch!" und sich dabei schlapp lachte. Ich hatte halt vorher was gegessen, und das sieht man bei mir sofort. Ich habe keinen durchtrainierten Waschbrettbauch. Und so stehe ich heute vor dem Spiegel in meiner Yoga-Leggins und frage mich, ob mein Bauch nicht zu dick ist und ich so vor die Tür gehen kann. Heute nennt man das Bodyshaming. Damals gab es keinen Begriff dafür.

 

Das sind jetzt nur kleine Beispiele, die sich mit den Jahren summiert und dazu geführt haben, dass in ähnlichen Situationen Stimmen in meinem Kopf wach werden. Stimmen all jener Menschen, die mir einen verletzenden Spruch reingedrückt haben, den ich offensichtlich nicht vergessen kann. Und es führt dazu, dass ich mich zensiere. Aus Angst, wieder Zielscheibe für Gelächter zu sein, weil ich anders oder sonst was bin. Ich weiß, man kann es nie allen recht machen und es sollte mir egal sein, was andere denken. Wenn man aber wie ich von klein auf für alles und nichts ausgelacht wurde, ist es einem nicht egal.

 

Es geht auch gar nicht um einzelne Situationen oder Sprüche. Jeder einzelne hat zwar seine eigene Wirkung, aber es geht vielmehr um das Gesamtausmaß. Immer ausgelacht und abgewertet zu werden, hat dazu geführt, dass ich mich nicht gern zeige. Ich halte meine Talente für minderwertig. Interessiert keinen. Ich habe Angst vor Angriff. Denn auch das ist mir bereits passiert. Stalking im Internet, Bedrohung am Telefon. Kaum zeige ich mich ein bisschen, kommt jemand daher und trampelt auf mich ein. Und wenn es niemand im Außen ist, dann mindestens einer im Innen. "Lebe deine Träume! Trau dich! Nutze deine Talente! Das Leben ist so schön! Stell dein Licht nicht unter den Scheffel!" Solche Sprüche klingen für mich wie aus einem unwirklichen Paralleluniversum. Es kostet mich unglaubliche Überwindung, mich in die Mitte zu stellen und zu sagen: "Das bin ich und das kann ich!" Ja, ich mache das über meinen Blog. Mit Klarnamen und Foto. Und oft denke ich: Du spinnst! Lösch das! Aber ich lasse es stehen. Ich will nicht mehr im Dunkeln sitzen und schweigen, während alle anderen Spaß haben und bejubelt werden. Ich kann auch was. Ich habe was zu sagen. Auch wenn ich das die Hälfte der Zeit nicht recht glauben mag. Ich mache es trotzdem. Und schwitze und zittere dabei.

 

Höchstwahrscheinlich werden die Leute, denen dieser Artikel hier gilt, ihn sowieso nicht lesen. Ich möchte euch trotzdem mal was fragen: Was nutzt es euch, andere Menschen abzuwerten und klein zu machen? Warum müsst ihr es gleich laut herausschreien, wenn ihr etwas doof oder hässlich findet? Selbst wenn ihr es noch relativ nett sagt, weil ihr es gar nicht böse meint. Es wirkt trotzdem. Es verunsichert. Es verdirbt die Freude. Es zerstört auf Dauer. Ich weiß, dass ihr im Grunde eures eigenen Lichts nicht sicher seid und deshalb andere Lichter ausknipsen müsst. Aber ihr wisst das offensichtlich nicht. Bitte macht euch das bewusst! Insbesondere, wenn es um Kinder geht. Ein stabiler Erwachsener kann damit umgehen. Eine zarte Kinderseele nicht. Die zerbricht daran, entwickelt später Depressionen und fragt sich den Rest ihres Lebens, wo ihr Platz in der Welt ist, was sie überhaupt kann und will, wenn ohnehin alles wert- und damit sinnlos ist.

 

Und falls ein Therapeut das hier liest, möchte ich dazu noch diesen Artikel empfehlen: Die Würdigung des verletzten inneren Kindes in der Therapie

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Sofasophia (Sonntag, 25 November 2018 14:52)

    Wie so oft, wenn ich über diese Themen, die so klar und deutlich beschreibst und in mir darum viel Wiedererkennen auslösest, denke ich: Es geht um Machtdemonstration der Handelnden. Um das Schaffen eines Gefälles.

    Wieder sprichst du mir aus dem Herzen und was du über die Grenzen schreibst: Ja, genau.

    Danke.