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Mein Leben alleine

Bild: Pixabay
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Nun verbringe ich schon seit 8 Monaten mein Leben alleine. Die Zeit fliegt nur so dahin. Von Langeweile kann keine Rede sein. Es fühlt sich alles lebendiger an. Weil es in Bewegung gekommen ist nach der eingefahrenen Starre. Und tatsächlich genieße ich es, meine Zeit noch freier einteilen und spontaner sein zu können. Ich merke, dass ich mehr und mehr zu mir selbst zurückfinde.

 

Wie konnte das passieren, dass ich mich so verloren habe? Niemand hat von mir verlangt, Dinge aufzugeben, die mir wichtig waren oder mir gut getan haben. Niemand hat mir verboten, mich mit Menschen zu treffen. Und doch habe ich unbemerkt immer mehr von mir aufgegeben und mich angepasst.

 

Seit mein Ex-Mann weg ist, habe ich keinen einzigen Krimi mehr im Fernsehen angeschaut. Und mir fiel ein, dass ich das vor unserer Beziehung auch nie gemacht habe. Ich erinnere mich, dass ich ihn manchmal darum bitten musste, mal etwas anderes anzusehen als immer nur Mord und Totschlag. Auch wenn es durchaus ein paar gute Krimiserien gibt (am liebsten englische) oder ich den Tatort Münster mag. Irgendwie war das nie so ganz meins. Und überhaupt wird das TV-Gerät nicht vor 19 Uhr eingeschaltet. Außerdem habe ich mein Netflix-Konto reaktiviert, weil ich jetzt Serien und Filme auf Englisch schauen kann. In Belgien gibt es nämlich abgesehen von den Netflix-Originalen nicht so viel auf Deutsch (auch nicht untertitelt), und Englisch hat mein Ex-Mann nicht verstanden. Das Fernseh-Programm gibt halt leider oft nicht viel her. Und ich achte mehr darauf, was ich mir vor dem Schlafengehen einverleibe. Denn all diese Bilder und Geräusche von Gewalt, Brutalität, Blut, Mord, Leid, Hass, Schmerzensschreie... ziehen ins Unterbewusstsein ein. Von dort aus mischen sie sich gerne in Träume oder triggern längst vergessene oder endlich mal eingeschlafene Wunden. Das tue ich mir nicht mehr an. Zumindest nicht mehr so wahllos und in dieser Menge. Das gehört zur Selbstfürsorge.

 

Ich höre auch wieder mehr Musik. Insbesondere von Bands, über die mein Ex-Mann immer schimpfte, bis ich den Spaß daran verlor. Und ich habe häufiger Besuch oder telefoniere mit Freunden. Bei meinem Pferd kann ich entspannter Zeit verbringen, weil mir keiner mehr im Nacken sitzt, der es eilig hat, nach Hause zu kommen.

 

Aber natürlich gibt es auch Momente, in denen ich jemanden an meiner Seite vermisse. Zum Beispiel wäre es schön, nach einem blöden Erlebnis zu Hause jemandem davon erzählen zu können und in den Arm genommen zu werden. Oder wenn mich jemand beruhigen und zurück in die Realität holen würde, wenn ich mich mal wieder in Katastrophenszenarien hineinschraube. Das muss ich nun selbst machen. Mich emotional regulieren. Mein Nervensystem meldet häufig Anspannung. Was mir dann hilft, ist Hängematte und Naturboden berühren. Da ist aber noch Luft nach oben.

 

Da ich nun vieles selbst und alleine machen muss, entdecke ich aber auch ungeahnte Kräfte und Fähigkeiten. Einen Baum absägen und zerkleinern (ohne motorisiertes Gerät)? Kann ich. Natürlich in einem gewissen Rahmen. Es war ein recht schmaler aber ziemlich langer Baum. Jetzt wird er von den Pferden gefressen. Und er quietscht endlich nicht mehr so nervtötend am Zaun entlang. Nix mehr mit "Heute nicht. Morgen."! Jetzt!

 

Ich muss auf niemanden mehr warten, kann meine Menstruationstasse unkommentiert im ganzen Haus rumliegen lassen, muss mich nicht mehr rechtfertigen, wenn ich mir etwas gekauft habe ("Wieviel hat das gekostet?"), die Katze darf neuerdings mit in den Keller, niemand beschwert sich mehr ständig über die Ameisen im Garten, während ich versuche, zu genießen und zu entspannen, keiner stört mein Energiefeld und ich habe mehr Platz im Bett und auf dem Sofa.

 

Natürlich werde ich traurig, wenn ich an unsere guten Zeiten denke. Und doch verstehe ich mich selbst nicht, wie ich so viele Störungen ignorieren und mich mit wenig zufrieden geben konnte. Ich habe ausgehalten und mich angepasst. Denn es war ja nicht wirklich schlimm. Aber die Erfüllung war es eben auch nicht. Und auf Dauer hat es mich irgendwie leiser gemacht. Niemand hat das von mir verlangt. Es war meine Konditionierung, die mich so reagieren ließ. Nächste Woche werde ich 42. Das ist noch nicht alt aber auch nicht mehr jung. Es macht mich traurig und auch ein bisschen wütend, meine 30er an die Depression verloren zu haben. Aber ohne die Depression wäre ich jetzt nicht die, die ich bin. Emotional nachgereift, innerlich ein gutes Stück aufgeräumt, mir selbst wieder deutlich näher gekommen. Und das lässt mich hoffen auf das, was noch kommen mag.

 

 

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Comments: 1
  • #1

    Mimi (Wednesday, 19 August 2020 23:51)

    Hallo Yvonne,

    ich kann ziemlich gut nachempfinden, was du da beschreibst. Ich lebe auch allein, mittlerweile seit 6 Jahren. Davor habe ich 4 Jahre mit meinem Partner zusammengelebt und das war oftmals die Hölle. Ich genieße es, jetzt frei zu sein und selbst entscheiden zu können, wie ich mein Leben gestalte. Auch ich bin psychisch krank, aber mir geht es inzwischen besser, seit ich mein Leben meinen Bedürfnissen anpasse, anstatt sie ständig zurückzustellen. Und natürlich seit ich mir Hilfe gesucht habe.

    Ganz liebe Grüße
    Mimi