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Welchem Kindheitshelden eiferst du unbewusst nach?

Meine erste Kindheitsheldin war Pippi Langstrumpf. Frei, wild, stark, mutig, unerschrocken, lustig, für jede noch so schlimme Situation eine Lösung parat. Sie trotzte jeder Konvention, sah es überhaupt nicht ein, langweiliges Zeugs zu lernen, das für sie keinen Sinn ergab, weil sie es in ihrem Leben nicht brauchte, und hatte ein großes Herz. Das Wichtigste war für sie Spaß am Leben. Ihre Freunde liebten sie für ihre verrückten Ideen. Dennoch war sie nicht egoistisch oder rücksichtslos. Wer gemein oder ungerecht war, bekam eine Abreibung.

 

Auch Robin Hood beschützte gern die Schwachen. Aber völlig anders. Ein kämpferischer Rebell gegen Ungerechtigkeit und Grausamkeit, verbannt, geächtet, gejagt - und hingerichtet. "Helden sterben jung", sagte mal ein Therapeut zu mir. Ich denke, ich war wohl aus Pippi Langstrumpf rausgewachsen. Und das war das eigentliche Problem. Wir vergessen mit zunehmendem Alter, was wirklich im Leben zählt. Man gewöhnt uns das Träumen ab, den unbeirrten Glauben an uns selbst, auf unsere Intuition zu vertrauen. Man bringt uns bei, dass die Realität schwer und kompliziert ist, dass man für alles kämpfen muss und dass der Verstand und die Vernunft mehr zählen als das Herz und die innere Stimme.

 

Gerechtigkeit ist ein wichtiger Wert für mich ebenso wie Frieden und Harmonie. Ich hörte nicht auf mein Herz, das eine künstlerische und kreative Laufbahn einschlagen wollte, und wurde Sozialarbeiterin. Meinen Idealismus habe ich zwar schnell verloren und gelernt, dass ich nicht alle retten kann, weil viele gar nicht wollen, aber diese unbeschreibliche Grund-Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft machte mir sehr zu schaffen. Hinzu kamen interne und strukturelle Wahnwitzigkeiten in der sozialen Branche. Mobbing und Burnout soweit das Auge reicht. Was für ein Schlachtfeld für einen berufenen Helden! Und mein Therapeut behielt recht. Helden sterben jung. Robin Hood nachzueifern, ist der sicherste Weg ins Burnout.

 

Es ist nichts Falsches daran, ein Held sein zu wollen. Helden sind stark, keine Opfer. Sie bewirken etwas in der Welt. Aber es gibt große Unterschiede! Während Robin Hood sein ganzes Leben nach Rebellion ausrichtet, kämpft und sich über die bösen Reichen ärgert, hat Pippi Langstrumpf hauptsächlich Spaß. Wenn sie sich mal ärgert, erledigt sie das Problem sofort - und hat dann wieder Spaß. Ihr Fokus ist Lebensfreude und nicht Kampf. Trotzdem ist sie eine Heldin. Sie rebelliert ebenfalls. Aber irgendwie anders. Sie reibt sich nicht auf. Sie kämpft nicht gegen Windmühlen. Sie macht einfach ihr Ding und trickst die aus, die sie dabei stören wollen.

 

Mein Verstand sagt: Das ist ja eine nette Theorie, aber die Realität ist nun einmal mehr wie bei Robin Hood. Man kann sich die Welt nicht machen, wie sie einem gefällt. Mein Herz sagt: Genau. Und daran bist du kaputt gegangen. Glückwunsch. Ich will Freude im Leben und möchte mich nicht mehr von dieser Realität daran hindern lassen. Und was das Kämpfen betrifft halten wir es mit Mr. Miagi aus Karate Kid: Kämpfen nicht gut. Aber wenn kämpfen müssen, dann siegen!

 

Ich wollte wie Pippi Langstrumpf sein und wurde zu Robin Hood. Der hat zwar auch ein Pferd, aber das hat keine lustigen Punkte. Mir ist bewusst geworden, dass ich mich schuldig fühle, keine Sozialarbeit mehr machen zu wollen. Wie egoistisch von mir! Ich mag mir nicht mehr 38 Stunden die Woche die Probleme anderer Menschen anhören, und möchte deshalb auch nicht als Therapeutin arbeiten. Echt gemein! Ich möchte mich viel lieber mit schönen Dingen beschäftigen. Wie rücksichtslos! Und ich kämpfe auch nicht mehr für Harmonie mit allen Menschen. Die Erdkugel ist groß genug, sich aus dem Weg zu gehen. Ich muss nicht alles ausdiskutieren, wenn ich doch weiß, dass man keinen gemeinsamen Nenner finden wird und ich mich am Ende nur völlig ausgesaugt fühle. Meine Energie gehört mir. Was bin ich fies!

 

Es sind wohl diese Schuldgefühle - und natürlich die Angst vor neuen Herausforderungen, dem Scheitern, dem Erfolg, dem Sichtbarwerden - die mich daran hindern, mich weiterzuentwickeln. Und es ist ganz schön schwer, sich den Robin Hood abzugewöhnen, sich nicht immer gleich aufzuregen und kämpfen zu wollen. Ich versuche, mich einmal mehr auf meine Wurzeln zu besinnen und mich eher an Pippi Langstrumpf zu orientieren.

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