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Illusionen, Seelenverwandtschaft und Traumaverarbeitung

Bild: Pixabay
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Seit ein paar Tagen bin ich wieder im Traumaland unterwegs. Auf die anfängliche Trennungseuphorie à la "Ich bin frei und kann jetzt tun und lassen, was ich will und mein Leben gestalten!" gepaart mit ganz viel Wut, Trotz und Opferhaltung folgten heftige Trauerwellen und hektische Geschäftigkeit. Ich muss jetzt unbedingt auch ganz schnell glücklich sein mit einem supertollen Leben! Bloß nicht klein beigeben! Mit der therapeutischen Arbeit platzte Illusion um Illusion. Wie Fata Morganas in der Wüste verschwanden immer mehr Dinge, von denen ich all die Jahre geglaubt hatte, sie müssten so sein. Und plötzlich zeigten sich neue Zusammenhänge, die Traumawunde des emotionalen Missbrauchs fing wieder an zu bluten. Das neue Leben muss kurz warten.

 

Ich durfte erkennen, dass ich meine Ehe idealisiert habe, dass ich mich in eine Abhängigkeit mit latentem Kontrollverhalten begeben habe, dass es nun nicht mehr nur darum geht, was andere mit mir gemacht haben, sondern was mein Anteil dabei war. In der Traumaverarbeitung ist es natürlich wichtig zu verstehen, was mit einem passiert ist und dass man als Kind nichts dafür konnte. Als Erwachsener weiterhin die Überlebensstrategien zu nutzen, ist jedoch nicht hilfreich und bietet Andockstellen für passende Gegenstücke, um das Trauma zu wiederholen. In einer anderen Intensität vielleicht aber dennoch störend. Auf die einzelnen Zusammenhänge und Wiederholungen möchte ich hier nicht eingehen.

 

Und damit komme ich zu einer der Illusionen: Seelenverwandtschaft. Was gibt es wohl Schöneres, als sich so tief mit einem anderen Menschen verbunden zu fühlen? Es ist wie ein nach Hause kommen. Doch was genau bedeutet das? Richtig. Zu Hause bei den Eltern. Seelenverwandtschaft ist nichts anderes als Traumabindung. Zwei Menschen passen aufgrund ihrer gleichen seelischen Wunde, auf die jeder anders reagiert hat, perfekt zusammen. Das bedeutet nicht, dass deshalb alles scheiße ist. Es bedeutet nur eben auch Triggergefahr. Man kann die Chance nutzen, gemeinsam die Wunde zu heilen. Das ist aber nicht immer möglich. Manchmal - oder ziemlich oft sogar - dient die Beziehung wohl eher dazu, sich dessen bewusst zu werden, um sich anschließend allein der Heilung zu widmen. Aus Überbewertung und falscher Loyalität hat mein inneres Kind verbissen an dieser Seelenverwandtschaft festgehalten, während die erwachsene Yvonne langsam verdorrte. Egal! Hauptsache Disney! (Hat Disney mal einen Zombiefilm gemacht...?)

 

Ich bin so sehr darauf konditioniert, mich um andere zu kümmern und dafür zu sorgen, dass sie funktionieren, um in Sicherheit zu sein, dass ich nie gelernt habe zu spüren, was ich für mich will. Diese Frage meiner damaligen Kliniktherapeutin "Was wollen Sie für sich und Ihr Leben?" mag für andere total verlockend und abenteuerlich klingen. Mich quält sie. Sie macht mir Angst. "Schau nach vorne! Lebe deine Träume! Gestalte deine Zukunft!" rufen sie. Aber ich sehe da nichts. "Stellen Sie sich vor, Sie stehen auf einem Berg und sehen von dort aus Ihre Vision! Was sehen Sie?" Nichts. Leere.

 

In letzter Zeit fiel mir wieder vermehrt auf, dass ich mich über Ratschläge ärgerte. Man wünschte mir eine fröhliche Wanderung und reichte mir Schuhe und einen Wanderstab. Und ich stand fassungslos mit diesen Utensilien in den Händen und offenem Mund da, drehte mich um und schaute auf den Nanga Parbat, dessen Gipfel in 8125m Höhe im Nebel verschwand. Alter! Ich hüpfe nicht leichtfüßig durch Tirol, ich muss den höchsten Berg der Welt besteigen! Da brauche ich anderes Equipment! Was soll ich mit einem Wanderstab, wenn ich nach Luft ringe? Das ist ja nett gemeint, aber ich brauche eine Sauerstoffflasche und Spikes, um nicht abzurutschen! Ich fühlte mich mal wieder so missverstanden und falsch mit meinen Gefühlen. Letzten Endes war ich mir des eigentlichen Problems aber auch noch nicht bewusst gewesen und hatte mich deshalb nicht klar ausdrücken können. Natürlich halte ich an der Analyse meines Beziehungsendes fest. Da hab ich wenigstens was in der Hand. Das lenkt so schön ab von diesem Nichts, das mein ganz persönliches Fantasien ausgelöscht hat. Ihr kennt Michael Endes Unendliche Geschichte sicher?

 

Wer auch immer mich davon abgehalten hat, ich zu sein, meine Träume zu finden und mein Leben nach meinen eigenen Vorstellungen zu gestalten durch kleinhalten, abwerten, umdeuten, überstülpen oder... Ich habe das internalisiert. Ich habe die Hälfte des Nanga Parbat mit der Analyse der Vergangenheit hinter mir und in einem Basislager für einige Zeit gerastet und auf die neue Ausrüstung gewartet. Nun geht es weiter. Mit mir allein. Ohne all die anderen, mit denen die wilden Projektionen stattfanden. Ich bin wahnsinnig müde, sehr langsam - besonders im Kopf - und mir tut alles weh. Aber es ist wahrhaftig und echt. Und ich bin sicher, wenn ich durch den Nebel hindurch bin und den Gipfel erreiche, werde ich die Sterne sehen. Meine Sterne!

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Comments: 1
  • #1

    D. Richard Claudio (Tuesday, 23 June 2020 23:36)

    Faszinierender Beitrag. Sich selbst wieder zu finden in einem riesengroßen Pool von Einflüssen ist bewundernswert und mutig. Nur so kann man weitermachen. Ich selbst bin noch auf dieser Reise. Vielen Dank für deinen tollen Beitrag!

    Beste Grüße!
    D. Richard Claudio
    https://depersonalisation-hilfe.com/