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Ich lebe mein Potenzial nicht

Bild: Pixabay
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Auf dem Blog für Positive Psychologie von Christina Grübl fand ich einen Artikel über eine Methode, wie man negative Gedanken loswerden kann. Diese nennt sich The Work und wurde von Katie Byron entwickelt. Dazu gibt es ein Video in zwei Teilen, in dem die amerikanische Bestsellerautorin mit einem jungen Mann die Fragen ihrer Methode durcharbeitet. Es geht darum, das Gefühl zu haben, nicht sein volles Potenzial auszuleben, nicht erfolgreich zu sein und nicht für sich sorgen zu können.

Diese Gedanken beschäftigen mich ebenfalls sehr eindringlich. Was denken die anderen von mir, weil ich immer noch nicht arbeite? Was ist mein Potenzial überhaupt? Und warum habe ich nie Erfolg? Was, wenn ich nie wieder arbeiten gehen werde? Darf ich das? Kann ich mir das erlauben?

Katie Byron zeigt deutlich auf, wie sehr man sich damit unter Druck setzt. Der Glaube erfolglos zu sein, ensteht dadurch, dass ich mich mit anderen vergleiche, die in meiner Fantasie alle äußerst erfolgreich sind. Und durch ein ver-rücktes Verständnis von Erfolg. Der Gedanke, ein Versager zu sein, der sein Potenzial nicht lebt, nährt sich aus Projektionen. Vielleicht hat mir schonmal jemand so etwas in der Art gesagt. Und ich habe es so sehr internalisiert, dass es zu meinem Selbstbild wurde, obwohl es nicht der Wahrheit entspricht. Möglicherweise beneiden mich sogar manche Menschen für mein Leben. Weil auch sie sich vergleichen und für erfolglos halten. Das ist verrückt!

Erst dieses Wochenende dachte ich: "Der und der ist so erfolgreich mit seinem Buch und seinem Blog! Und ich bin das nicht und werde es auch nie sein!" Dieser Gedanke hemmt mich dann in meiner Kreativität und meinem Antrieb. Der Erfolg der anderen schüchtert mich ein, dachte ich. Aber es sind meine Fantasie und meine Projektion, die mich einschüchtern und klein machen. Ja, ich habe nicht so viele Leser und nicht so viele Klicks pro Tag. Das Fernsehen hat mich noch nicht eingeladen für ein Interview. Und ich bekomme keine Anfragen für Artikel. Will ich das denn alles? Öffentlichkeit ist mir doch eher unangenehm. Da wird man ja auch schnell zur Zielscheibe. Aber es wäre schön, einen Teil meines Lebensunterhalts damit bestreiten zu können. Oder anders ausgedrückt, einen "Energieausgleich" zu erhalten. Denn etwas anderes ist Geld schließlich nicht. Das lasse ich jetzt mal so in mir wirken...

Ich denke so oft, dass ich mehr leisten und erreichen könnte, wenn ich mein Potenzial nutzen würde. Aber aus irgend einem Grund habe ich Angst, bin ich zu bequem oder anderweitig blockiert. Jedesmal renne ich mit dem Kopf gegen die Betonwand und finde den Grund dafür nicht. Wenn mich dann jemand fragt "Was ist denn dein Potenzial?" kriege ich richtig Angst. Weil ich darauf nicht antworten kann. Am Ende habe ich gar keins...? Ich kann nichts! Und schon dreht sich die depressive Spirale wieder abwärts.

Was ist dieses mysteriöse Potenzial? Es geht wohl um Fähigkeiten, Stärken und Talente. Und um Leistungsfähigkeit. Aber was ist mit Interessen und Herzenswünschen? Sollte ich nicht lieber das machen, was mir Freude bereitet und mich glücklich macht? Darin ist man doch meistens am besten. Und dann hat man auch Erfolg. Weil man zufrieden ist.

Das Wort Potenzial klingt in meinen Ohren nach "höher, schneller, weiter". Davon kriege ich Herzrasen und Atemnot. Also Stress. Ab sofort ist dieses Wort deshalb aus meinem Gedächtnis gestrichen. Ich ersetze es durch Herzenswunsch. Das wirkt viel weicher und wärmer. So nach "Oh ja, da hab ich total Bock drauf!"

"Und wovon willst du dann leben?" fragt gerade mein innerer Kritiker. Tief durchatmen! Ich überhöre das jetzt und übe mich weiter in Geduld und Vertrauen. Es wird sich alles fügen. OM.

Katie Byron: I'm not living up to my full potential Part 1

Katie Byron: I'm not living up to my full potential Part 2

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