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Gib deinen Wunden Raum, und es geschehen Wunder!

Foto: Yvonne Reip
Foto: Yvonne Reip

In meinem letzten Artikel habe ich kurz von unserem Pony Salitos erzählt. Einige haben daraufhin kommentiert, dass sie besonders dieser Abschnitt berührt hat. Mir geht es ebenso, wenn ich an Salitos und unsere Geschichte mit ihm denke. Mir kommen oft die Tränen, wenn mir bewusst wird, was mit ihm und dadurch auch mit uns passiert ist.

 

Salitos wurde 1998 in Argentinien geboren. Seine Rasse (Criollo) wird zum Rinderhüten genutzt. Die argentinischen Gauchos gehen nicht gerade zimperlich mit diesen Tieren um. Über die korrekte Ausbildung eines Pferdes gibt es tausende Bücher verschiedener Ansätze. Unterm Strich hat da niemand das Rad neu erfunden. Aber es gibt diese zwei Lager: Ausbildung mit Dominanz und Ausbildung mit Fairness und wenig Druck. Wenn man versteht, wie das Gehirn eines Pferdes funktioniert und dass es ein Fluchttier ist, das ein anderes Lebewesen auf seinem Rücken als bedrohlich empfindet, kann man die Ausbildung für das Pferd logisch aufeinander aufbauend gestalten. Es geht darum, MIT dem Pferd zu arbeiten statt GEGEN das Pferd. Ein Pferd braucht vor allem Sicherheit und ein Leittier, dem es vertraut. Es gibt unzählige inspirierende Menschen, die auf mehr oder weniger ungewöhnlichen Wegen das Beste aus Pferden rausholen und "austherapierte" Tiere zu neuem Leben erweckt haben. Salitos hat auf seinem Nasenbein Druckstellen, die sich in weißen Haaren zeigen, welche nicht zur Fellzeichnung gehören. Man kann also davon ausgehen, dass er nicht besonders fachgerecht mit einer Serreta eingeritten wurde, wie es in der spanischen Reitweise gerne praktiziert wird. "Serreta" bedeutet "Säge" und meint einen Zaum mit einem lederummantelten Nasenteil aus gezacktem Stahl. Ebenso hat er rechts und links am Widerrist weiße Punkte, die von Satteldruck zeugen. Das passiert, wenn der Sattel nicht passt, es dem Menschen aber wurscht ist. "Das gehört zur Scheckung." Ähm, nope! Salitos zeigte auch deutlichen Sattelzwang beim Aufsatteln: verspanntes Maul, Absenkung des Rückens. "Der kommt einem beim Satteln entgehen. So nett ist der." Nein, er weicht dem Sattel aus. Wie blind können Menschen sein?

 

Warum Salitos mit 8 Jahren nach Deutschland importiert wurde, weiß ich nicht. Ich finde sowas auch äußerst unnötig. Als hätten wir hier keine Pferde. Wir haben ihn von Privatleuten abgekauft, die mit drei Pferden eins zu viel hatten. Eigentlich würde ich den Übersee-Import nicht unterstützen, aber nun war er ja schonmal da. Ich betone immer, dass wir Salitos nicht haben einfliegen lassen, wenn mich jemand fragt, wo wir ihn her haben. Mein Mann wollte ihn sich nur mal anschauen und hat sich dann schockverliebt. Der arme Kerl (also das Pony) stand 21 Stunden am Tag in einer stockdunklen Box, in der man ihn kaum sah. Entsprechend war er abgestumpft. In unserem Stall stehen die Pferde in Gruppen auf riesigen Paddocks, im Winter nachts in hellen, offenen Boxen und im Sommer in der gesamten Herde auf der Wiese. Salitos' Herdenintegration dauerte sehr lange. Er wurde ständig von anderen Wallachen verprügelt. Man merkte ihm an, dass er Sozialkontakt kaum kannte. Er schaffte es einfach nicht, sich zu behaupten. Die neu gewonnene Freiheit ermöglichte es ihm jedoch, nach und nach aufzuwachen. Menschen hatte er offensichtlich schlecht in Erinnerung. Und so lief er ständig vor uns weg, wenn wir mit dem Halfter kamen. Auch reiten fand er irgendwie gar nicht so spaßig. Er reagierte deutlich mit Stress, was sich in Verspannung und Rennen ausdrückte. Das war nicht das Pferd, das wir uns angeschaut hatten.

 

Es passiert häufig, dass Pferde sich bei Standort- und Besitzerwechsel verändern. Entweder es kommen alte Verhaltensmuster wie Schreckhaftigkeit hoch, oder das Pferd hat nun die Möglichkeit, seine Meinung zu sagen. All die neuen Eindrücke und das noch nicht geklärte Verhältnis zu dem fremden Menschen verunsichern ein Pferd. In sich ruhende Tiere können damit cool umgehen. Aber Pferde, die keine Selbstsicherheit haben und schlechte Erfahrungen machen mussten, reagieren erstmal unangenehm für den Menschen. Und so war der Frust anfangs bei uns echt groß. Fehlkauf. Die haben uns verarscht. Dominanzorientierte Pferdemenschen rieten uns, ihm zu zeigen, wo es lang geht, ihn zu scheuchen, bis er nicht mehr kann. Das haben wir auf der Wiese versucht. Spoiler: Pferde sind sehr viel schneller als Menschen. "Der verarscht euch! Der hat keine Angst! Der buckelt ja vor Freude." Ich war wirklich wütend auf dieses Vieh. Der findet mich doof. Ich bin unfähig, mit Pferden umzugehen. Ich versage permanent. Der geht jedem Kontakt aus dem Weg und gibt mir nicht mal eine Chance.

 

Mein Mann holte sich verschiedene Trainer. Keiner wusste eine Lösung. Mal klappte es. Dann wieder nicht. Besonders blöd und peinlich bei Terminen mit Tierarzt oder Hufpfleger. Oft ging es nur zu zweit. Wenn man ihn dann einmal hatte, fror das Pony ein. Keine Reaktion auf nichts. Manchmal schloss er sogar die Augen nach dem Motto "Ich bin nicht da." Nachdem ich die hysterischen Anfälle meiner Stute so sehr verflucht hatte, war ich nun endgültig verzweifelt ob dieser Introvertiertheit. Heute weiß ich, dass Salitos ständig Signale sandte. Wir haben ihn nur nicht verstanden. Das Einzige, was mir positiv auffiel, war, dass Salitos ein wirklich höfliches Pferd ist, das keinem etwas zuleide tun will. Er hätte auch beißen, treten und buckeln können, wie viele kaputte Pferde das tun. Irgendwie schon ein kleiner Herzensbrecher. In der Herde übernahm er Verantwortung für verunsicherte Jungtiere, die bei ihm Ruhe und Entspannung fanden. Er selbst stand jedoch ganz unten in der Hierarchie.

 

Die Wende kam nach ungefähr 3 Jahren mit einer sehr einfühlsamen Trainerin. Sie machte uns deutlich, dass Salitos Angst vor Grenzüberschreitung und Missbrauch hat, dass er während seiner Ausbildung in Argentinien wahrscheinlich kein Wort verstanden hat, dass er gefallen möchte und Angst vor Bestrafung bei Fehlern hat und dadurch sofort unter Stress steht, wenn ein Mensch etwas mit ihm machen möchte. Uns fiel auf, dass Salitos sich immer von Menschen einfangen ließ, von denen er wusste, dass die nichts von ihm verlangen. Außerdem muss Salitos im Zusammensein mit Menschen Schmerz, Druck und Zwang erlitten haben. Wenn ich sowas anderen Pferdemenschen erzähle, lachen die sich tot wegen dieser Heititei-Nummer. "Quatsch! Der muss mal richtig rangenommen werden." Brechen nennt man das. Und genau das möchte ich dann auch, wenn ich das höre: brechen.

 

Als ich begriff, dass Salitos Angst vor Grenzüberschreitung und Missbrauch hat, rastete in mir etwas ein. Mir wurde klar, dass mein Groll auf ihn eine Projektion gewesen war und dass wir mehr gemeinsam haben, als ich dachte. Ich hätte heulen können. Mein Herz war nun offen für dieses Tier, und ich weiß, wie kitschig das klingt. Für manche inneren Vorgänge gibt es einfach keine vernünftigen Wörter. Ich hatte bis dahin immer gesagt, dass ich einfach keinen Zugang zu ihm finde. Weil ich keinen Zugang zu mir selbst hatte. Zu dieser einen Wunde, die nicht sein durfte. Nein sagen? Verboten! Leistung verweigern? Asozial! Unbrauchbar! Wertlos!

 

Wir fingen an, Salitos mehr zuzuhören, ihm das Nein zu erlauben und auch nicht mehr übel oder persönlich zu nehmen. Mein Mann entschied, dass er nicht mehr geritten wird. Er will es nicht, und das sollten wir respektieren. Auch wenn uns andere für verrückt halten. "Wieso habt ihr dann ein Pferd?" Weil uns der Kontakt mit ihm so viel gibt! Er hat bessere Menschen aus uns gemacht. Er ist kein Showpferd und will nichts und niemanden auf seinem Rücken. Aber er hat andere Fähigkeiten. Unsichtbare. Subtile. Und man kann so viele tolle Sachen mit Pferden machen abgesehen vom Reiten. Nur weil das zufälligerweise funktioniert, heißt das nicht, dass wir das uneingeschränkte Recht dazu haben. Pferde sind nämlich eigentlich nicht von Natur aus dafür vorgesehen, geritten zu werden. Das zeigen all die kaputten Pferderücken. Der muss nämlich dafür trainiert werden. Mit einem passenden Sattel und dem passenden Reitergewicht.

 

Irgend etwas scheint auch in Salitos Klick gemacht zu haben. Es ist, als wollte er sagen: "Na endlich hört ihr mir mal zu!" Ich kann gar nicht sagen, was wir so genau gemacht haben. Es gab keine speziellen Übungen. Wir haben nur unsere innere Haltung geändert und Salitos mit anderen Augen gesehen. Ich fing an, meine eigenen Wunden zu bearbeiten und auch unserem Pony Raum zu geben, seine Ängste und Bedürfnisse auszudrücken. Ich sah in ihm nicht mehr das Mittel zur Hobbyausübung sondern ein fühlendes Lebewesen, für dessen Wohlergehen ich Verantwortung trage. Wir schraubten unsere Erwartungen auf Null und ließen ihn einfach sein. Wir setzten uns zu ihm aufs Paddock und verbrachten Zeit mit ihm, ohne etwas zu tun. Und nach und nach geschah das Wunder. Er lief nicht mehr weg. Er kam auf uns zu und forderte gemeinsame Zeit ein. Er wollte plötzlich mit uns zusammen sein und was Schönes machen. Unsere beiden Pferde mögen am liebsten Freiarbeit. Ich nenne es spielen. Ohne Halfter, ohne Seile. Einfach nur Körpersprache. Nicht völlig ohne Druck, aber immer mit der Möglichkeit, nein zu sagen. Mehr einladen und motivieren als zwingen. Und siehe da, Salitos fängt an, sich zu präsentieren. Er wird nicht schmerzhaft in die "korrekte" Position gezwängt, die seine Muskeln gar nicht leisten können. Er kann seinen Körper frei erkunden und was ihm so alles möglich ist. Er beginnt auch, sich bei anderen Pferden durchzusetzen, legt die Ohren an und schickt Pferde weg. Er wird selbstsicherer.

 

Gestern las ich in einem Facebook Post sinngemäß: Wenn wir beim Thema Verantwortung immer nur mit dem Finger auf andere zeigen, projizieren wir unseren eigenen Mist in unsere Mitmenschen und erschaffen Streit und Konflikte. Wenn wir jedoch anfangen, in den Spiegel zu sehen und unseren Wunden und Traumata Raum geben, sie anschauen und nicht mehr verdrängen und unterdrücken, sondern sie bearbeiten und heilen, übernehmen wir Verantwortung für uns selbst und schaffen somit Frieden. Tatsächlich stelle ich bei mir mehr Toleranz fest, seit ich durch meine Schatten gehe. Nach außen hin mag ich nicht funktionieren - so wie Salitos. Aber wir wirken auf anderen Ebenen. Wir heilen und schaffen Frieden.

 

Ich bin unserem Criollo unendlich dankbar. Wenn er heute vertrauensvoll seinen Kopf an unsere Brust legt und sich überall kraulen lässt, was anfangs nicht möglich war, und dabei wohlig schmatzt, schmilzt mein Herz. Und wenn er sich beim Spielen groß macht und den spanischen Hengst rauslässt, staunen nicht nur wir. Lao Tse hatte recht: Das Sanfte besiegt das Harte. Wasser löst Steine auf. Wenn wir unsere Gefühle zulassen, lösen sich Blockaden. Das klingt leichter, als es ist. Und es hat keinen Platz in dieser leistungsorientierten Gesellschaft. Und eben deshalb werden immer mehr Menschen krank.

 

 

*Anmerkung zum Pferdetraining: Mir ist bewusst, dass manche Pferde mit Aggression reagieren und deshalb eine andere Vorgehensweise brauchen, da es sonst gefährlich werden kann. Was wir mit Salitos machen, ist nicht mit jedem Pferd möglich. Pferde, die Menschen angreifen, mögen ihre Gründe dafür haben und brauchen am Ende auch nur Sicherheit. Aber die gibt in dem Fall nur ein klarer Rahmen mit viel Konsequenz, was aber nicht Gewaltanwendung bedeutet.

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