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Gespräche, die ich nicht mehr führen will

Bild: Pixabay
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Kennst du das auch? Du unterhältst dich mit jemandem - einem Freund vielleicht oder einem Familienmitglied - und irgendwie fühlst du dich unwohl dabei. Du erzählst etwas von dir, und der oder die andere bewertet es auf eine Art und Weise, die dir den Wind aus den Segeln nimmt, dich irritiert. Alles wird mit spitzen Bemerkungen runtergemacht. Oder du wirst in Frage gestellt, obwohl das für dich gar kein Thema ist. Dein Gesprächspartner verunsichert dich mit schlimmen Prognosen oder erzählt ausschließlich schreckliche Geschichten.

 

Nachdem meine Katze gestorben war und ich mir eine andere aus dem Tierheim geholt hatte, sprach ich mit einem Freund darüber, dass mir natürlich noch die Angst in den Knochen stecke, dass die neue Katze auch überfahren werden könnte. "Ich würde mir einen Hund holen", war seine Antwort darauf. Hunde sind toll, aber ich möchte keinen. Ich bin ein Katzenmensch. Außerdem mag ich leider den körpereigenen Geruch von Hunden nicht. Und schließlich war die neue Katze ja nun schon da. Was hätte ich tun sollen? Sie wieder zurück ins Tierheim bringen? Das mag unter gewissen unglücklichen Umständen nötig sein. Aber wenn möglich möchte ich dem armen Tier doch diese Enttäuschung ersparen! Stella hatte sich so sehr über das neue Zuhause gefreut. Und überhaupt war das auch gar nicht das Thema für mich. Ich möchte mich dieser Angst stellen und darauf vertrauen, dass, egal was passiert, ich resilient genug bin, es zu verarbeiten. Dafür möchte ich nicht auf die exquisite Gesellschaft einer flauschigen, gut riechenden Katze verzichten! "Dann würde ich sie nicht rauslassen!" Prima Idee! Scheiß auf den Garten und darauf, dass ich vom Wohnzimmer aus so schön die Terrasse betreten kann! Sperre ich die Katze ein, sperre ich mich auch selbst ein. Und dann schlüpft sie mir in einem unachtsamen Moment doch mal irgendwo durch. Ständig müsste ich aufpassen, dass alles gut verschlossen ist. Das stelle ich mir sehr anstrengend vor. Besonders in einem Haus, in dem alles offen gestaltet ist und es wenig Türen gibt. Kurz und gut: ich hatte meine Angst angesprochen, ohne eine Lösung dafür zu erwarten. Darum ging es mir gar nicht. Ich hatte die ganze Zeit über das Gefühl, eine dumme Entscheidung getroffen zu haben. Als ich ihm dann noch erzählte, dass Stella vorher Tequilla hieß und ich aber keinen Alkoholnamen rufen wollte, meinte er: "Naja, Stella Artois ist ja aber auch ein Bier." Spätestens da hatte ich endgültig die Lust am Gespräch verloren.

 

Das war jetzt noch ein harmloses Beispiel. Schlimmer finde ich es, wenn mir jemand ungefragt seine düsteren Prognosen um die Ohren haut. "Dir wird die Krankenkasse auch eines Tages das Geld streichen. Wir müssen wieder zurück in die Arbeitswelt. Und wir werden leiden." Wer ist wir? Wieso werde ich da mit einbezogen? Vielleicht verläuft mein Leben ganz anders? Was hat das also mit mir zu tun? "Du wirst es an die Wand fahren!" Ja, danke! Echt aufmunternd! Es geht mir nicht darum, dass man mir immer nur nette Dinge sagen darf. Kritisches Feedback sollte in einer Freundschaft durchaus Platz finden. Aber solche Aussagen haben für mich nichts mit kritischem Feedback zu tun. Das ist einfach nur Verunsicherung und Angstmache. Da ist überhaupt nichts Konstruktives dran. Und vor allem bewirkt es nicht, dass ich voller Motivation neue Schritte gehe. Zumal das für mich gerade vielleicht auch gar nicht dran ist oder ich eigentlich völlig andere Möglichkeiten im Sinn habe. Im Grunde schließen diese Menschen nur von sich auf mich und hören mir gar nicht richtig zu.

 

Richtig ätzend finde ich, wenn jemand ausschließlich schreckliche Geschichten erzählt. Wer alles gestorben ist und woran, wer ihn gefunden hat und wie sehr die Familie jetzt leidet, wer sich getrennt hat oder fremdgegangen ist, dass man nichts mehr essen kann, weil alles vergiftet ist,... Da schwappt eine Riesenwelle an Negativität über einen hinweg, die sämtliche Energie fortspült. Oder wenn man mir als tätowierte Frau erzählt, dass in Tattoofarben krebserregende Stoffe enthalten sind sowie irgendein Metall, weshalb irgendeine Untersuchung im Krankenhaus nicht mehr gemacht werden könne (hab die genauen Einzelheiten vergessen, weil...), und man mich dabei mit einem lauernden Grinsen anschaut in Erwartung... Ja, was? Was erwarten solche Menschen für eine Reaktion von mir? "WAAAAS? EEEECHT??? Man reiche mir eine Axt, damit ich mir den Arm abhacken kann!" Ich weiß es nicht! Es geht nicht um den Wahrheitsgehalt irgendwelcher Geschichten oder Informationen. Es geht mir um die Art und Weise der Vermittlung und vor allem um den Zweck dieses Unterfangens. Gerade Menschen, die immer nur schlimme Geschichten erzählen haben sowas Sensationslüsternes in den Augen. "Boah, schlimm, ne?" Allgemeines Kopfnicken. Ja, alles total schlimm! Und wenn eine neue Person den Raum betritt, bekommt diese augenblicklich dieselbe Story nochmal erzählt. Mit weit aufgerissenen Augen.

 

Apokalyptische Prognosen für die Allgemeinheit finde ich auch immer ganz herzerfrischend. Das konnte ich schon vor der Pandemie nicht leiden. Dem jetzt aus dem Weg zu gehen, ist nahezu unmöglich. Irgendwas sickert doch immer wieder durch, selbst wenn man die Nachrichten meidet. Einen kompletten Rückzug aus der Realität halte ich auch nicht für eine gute Idee. Ich bin immerhin ein Teil der Gesellschaft und als solcher betroffen. Aber dieses fast schwärmerische Heraufbeschwören von Schreckensszenarien mit der heharrlichen Versicherung, dass keiner dran vorbei kommt und es uns allen ganz schlecht gehen wird (wie gesagt schon vor Corona), und dieses Genießen des allgemeinen betretenen Schweigens... Man hatte eigentlich gemütlich beisammen sitzen wollen und geht nun mit düsteren Gedanken und einem bleischweren Herzen auseinander, nichts als Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht hinterlassend. Warum machen Menschen das?

 

Ich habe mir vorgenommen, solche Gespräche nicht mehr zu führen. In manchen Momenten kann ich die Situation einfach verlassen bzw. das Gespräch beenden. Das wäre eine Form des Grenzensetzens. Aber ich möchte in Zukunft noch einen Schritt weiter gehen und mein Gegenüber - sofern es passt - konfrontieren. "Warum sagst du mir das? Was möchtest du damit erreichen? Welche Reaktion erhoffst du dir von mir? Und welchen Nutzen hättest du davon?" Anstatt mich in Rechtfertigung und Verteidigung oder sonstiger Diskussion zu verlieren oder irritiert zu verstummen und auf der Negativität sitzenzubleiben, möchte ich meinen Gesprächspartnern einen Spiegel vor die Nase halten. Ich möchte mich nicht mehr von den runterziehenden Inhalten einfangen lassen, sondern in die Metakommunikation einsteigen - also das Sprechen darüber, wie wir miteinander sprechen, was unsere innersten Motive dabei sind und was es mit uns macht. Damit werde ich mir keine Freunde machen. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es mir damit besser gehen wird. Und wer weiß - vielleicht gewinnt die eine oder andere Beziehung dadurch an Tiefe.

 

P.S.: Meine Katze Stella ist zum Glück nicht so eine große Abenteurerin wie Nala. Sie geht für ein paar Minuten in den Garten, um Gras zu fressen und Mäuse zu zählen, und kommt dann wieder reingelaufen. Im Sommer bleibt sie länger draußen, aber am liebsten mit mir zusammen. Gefährliche Ecken, die zur Straße führen, habe ich abgesichert, so gut es ging. Garage und Haustür sind tabu. Eine neugierige Katze lässt sich allerdings von nichts aufhalten. Dessen bin ich mir bewusst. Sie einsperren möchte ich trotzdem nicht. Und selbst der abgelegenste Ort kann eine Katze nicht vor dem Unfalltod bewahren, wie ich aus Geschichten von Bekannten erfahren habe. Wenn die Zeit gekommen ist, müssen wir nunmal gehen.

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Kommentare: 4
  • #1

    Merci (Dienstag, 08 Februar 2022 13:10)

    Danke. Die letzten Absätze hätten auch aus meinem Mund stammen können. Ich fühle mit dir. Ich wollte das auch versuchen. Ansprechen was er oder sie damit bezwecken will. Was er von mir erwartet. Aber ich habe es aufgegeben. Ich hatte das Gefühl dass ich dann als der "Verrückter" dargestellt werde jemandem solche Fragen zu stellen. Weil es sich nicht eghört sowas zu fragen. Wenn du jemanden mit den aus meiner Sicht völlig berechtigten und erhlichen geilen Fragen konforontierst, dann fühlt sich der Mensch meist jedoch ertappt oder schlimmer noch kritisiert oder angegriffen. Bei was auch immer. "Ich will dir ja nur helfen. Ich sag doch nur wie es ist." So viel ehrlichkeit vertragen nicht viele. Auf die Frage was er bezweckt müsste die Person ja auch absolut ehrlich antworten. Die Person kann nicht so ehrlich sein wie du. Wenn er (oder sie) ehrlich wäre müsste er zum Beispiel sagen: "ich habe das gesagt um dir Angst zu machen. Weil ich auch Angst habe. Und wenn ich sehe dass andere Leute Angst haben dann geht es mir besser. Dann bin ich nicht alleine. Sowas wird nicht passieren. Wenn er nämlich so eine Person wäre, dann hätte er die Aussage zuvor nicht getroffen.
    Ich habe das Problem als Mann. Da ist es finde ich noch schwieriger so offen und ehrlich zu sein. Weil das impliziert dass du auch über Gefühle sprichst. Das ist immernoch ein Tabu. Gerade in meinem Beruf als Polizist.
    Ich hoffe ich habe mich nicht völlig undeutlich ausgedrückt. Die Worte sind irgendwie aus mir geflossen. Ich finde es mutig von dir wenn du das so machst oder tust. Mut ist wenn du mit der Angst tanzt. Ich war vor kurzem auch mutig und habe meiner Dienststelle von meiner Depression und meinem Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik erzählt.

  • #2

    Yvonne (Dienstag, 08 Februar 2022 14:04)

    Vielen Dank für deinen Kommentar! Ich finde es großartig, dass du deine Depression auf der Arbeit angesprochen hast! Ich kann mir vorstellen, wie schwer es für dich als Mann und Polizist gewesen sein muss. D.h. eigentlich weiß ich es nicht wirklich als Frau, wie sich ein Mann fühlt, aber ich verstehe, dass es für dich eine große Überwindung war und dass es Männer oft schwerer haben damit. Besonders in "männlichen" Domänen wie Polizei oder Fußball.
    Mir ist bewusst, dass Menschen diese Fragen nicht ehrlich beantworten können oder wollen. Mir geht es auch gar nicht um eine Antwort. Ich will einfach nur den (Energie)ball zurückwerfen. Was der andere damit macht, ist mir egal. Wenn es zur Selbstreflexion anregt - gut. Wenn nicht - auch gut. Das liegt nicht in meiner Verantwortung. Und ich brauche da auch nichts von dem anderen. Ich erwarte nichts. Ich möchte lediglich eine Grenze setzen und kann höchstens von mir sprechen, was derartige Aussagen mit mir machen. Denn ich weiß, dass das den wenigsten bewusst ist. Durch das Rückfragen wird es bewusst. Das ist alles, was ich will. Keine Veränderung, keine Ehrlichkeit, keine Entschuldigung oder sonst was. Nur Bewusstheit und Abgrenzung.

    Alles Gute dir!

  • #3

    Rasmin (Samstag, 12 Februar 2022 18:05)

    Ich kam über die Google-Suche nach "Depression Blog" auf Deine Seite. Und ich bin enttäuscht. Deine Beiträge haben rein gar nichts mit dem Thema zu tun.

  • #4

    Yvonne (Samstag, 12 Februar 2022 19:23)

    Hallo, Rasmin!
    Tut mir leid, dass du enttäuscht bist. Mag sein, dass du etwas anderes erwartet hast oder brauchst. Meine älteren Beiträge haben aber definitiv etwas mit Depression zu tun, die neueren vielleicht weniger oder entfernter. Vielleicht haben wir auch einfach nur ein unterschiedliches Verständnis von dem Thema. Jede Depression ist anders.