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Diagnose Angststörung: Und keiner kommt drauf

Foto: Yvonne Reip
Foto: Yvonne Reip

Wie ich in meinem vorletzten Artikel schrieb, ich hätte keine richtige Angststörung, und da mittlerweile drüber lachen könnte, wenn es nicht zum Heulen wäre...

 

In den letzten 4 Wochen hatte mein Mann seinen wohlverdienten Urlaub. Um die Erholung voranzutreiben, nahm er sich gleich zu Beginn 3 Tage Auszeit in einem Kloster. Ich war also nach ewig langer Zeit allein zu Hause. Für mehrere Tage. Über Nacht. Kein Problem, dachte ich. Immerhin habe ich 2 Jahre lang allein gewohnt, bevor ich mit meinem Mann zusammenzog, und fand das eigentlich ganz schön so. Auch sonst bin ich tagsüber allein, ohne dass mir das etwas ausmacht. Im Gegenteil. Ich genieße das richtig. Umso mehr erschreckte mich denn meine Reaktion. Ich fühlte mich emotional in meine Jugendzeit versetzt, die größtenteils von einer tiefen Einsamkeit geprägt war. Tatsächlich hörte ich all die alten Songs aus dieser Zeit, kramte längst vergessene CDs hervor und sang die Texte mit, die von Wut, Traurigkeit und Verzweiflung handeln. Am schlimmsten waren die Abende. Der Weg in das leere Bett fiel mir unglaublich schwer. Ich schämte mich dafür. Eine erwachsene Frau von fast 40 Jahren, die gern allein ist, dreht plötzlich am Rad, weil der Gatte mal für ein paar Tage weg ist.

 

Nun muss ich allerdings dazu sagen, dass ich just zu dieser Zeit meine Tage hatte. Ich weiß nicht genau, was da hormonell in meinem Körper abgeht, aber psychisch bin ich dann wie ausgewechselt - total dünnhäutig, noch sensibler als sonst und völlig neben mir. Das ist sicher nicht ungewöhnlich. Viele Frauen werden das kennen. Aber ich finde es echt anstrengend jedes Mal. Immerhin passiert das alle 4 Wochen. Das ist ganz schön oft. Männer können sich überhaupt nicht vorstellen, wie das ist, und sollten sich ihre dummen Sprüche verkneifen. Es ist wie ein Verstärker für jeden Psychoknacks. Die Grenze zum Unterbewusstsein scheint aufgehoben und lässt uralte Themen durchsickern. Kurz: frau ist während der Menstruation instabil.

 

Während mein Mann sich also im Kloster crash-erholte und die Zeit genoss, hockte ich mit Unterleibskrämpfen und Heuleritis zu Hause und bemühte mich, die alltäglichen Pflichten auf die Reihe zu bekommen und meinen Mann nichts davon spüren zu lassen, weil ich ihn nicht stören wollte. Als wäre das alles nicht schon schwer genug, entschloss sich mein Nachbar an dem Wochenende, mit seinem Bruder hinter unserem Garten zu arbeiten. Unser Garten ist winzig und verläuft dreieckig. Daneben ist eine Kuhweide. Zwischen Garten und Weide verläuft ein kleiner Durchgang, der meinem Nachbarn gehört. Dort wurde geschuftet. Den ganzen Tag. Mit direktem Blick ins Wohnzimmer. An einem herrlichen Sommertag. Ich wurde also auch noch in meiner sicheren Höhle gestört. Mein Nachbar ist wirklich nett und sehr diskret, sein Bruder aber versprühte negative Energie. Durch die Arbeiten veränderte sich auch der Anblick unseres Gartens, in dem ich mich so wohl und sicher fühle. Zum Nachteil. Ich war echt fertig mit den Nerven. Wütend, aufgewühlt, traurig, erstarrt... aber auch tapfer.

 

Sonntag durfte ich meinen Mann vom Kloster abholen. Ich war sehr erleichtert und gleichzeitig unzufrieden mit mir, weil ich das Alleinsein diesmal so schlimm gefunden hatte. Ich will nicht von Gesellschaft abhängig sein. Montagmorgen hatte mein Mann direkt einen Termin, der den halben Tag dauerte. Wann er genau zurück sein würde, war noch unklar. Nicht schlimm, dachte ich. Leider waren mein Nachbar und sein Bruder am Samstag nicht fertig geworden. Also ging es montags munter weiter. Mutig suchte ich das Gespräch, um meine Bedenken bezüglich des Projekts mitzuteilen. Stichwort Angstkonfrontation. Es verlief positiv. Ich war ein bisschen stolz auf mich. Leider hielt das meine Psyche jedoch nicht davon ab, kurz nach Mittag so richtig aufzudrehen. Mein Mann ging nicht ans Handy. Ich hatte nur kurz nachfragen wollen, wann ich mit ihm rechnen könnte, um den Tag zu planen. Und er war langsam überfällig. Nach mehreren gescheiterten Anrufen kam die Panikattacke: Schwindel, Herzrasen, Übelkeit - das volle Programm. Ich hatte nur nicht das Gefühl, daran zu sterben. Ich wusste, dass es eine Panikattacke war, ausgelöst durch Verlustangst und das Eindringen in meine Privatsphäre, angefeuert von meinem Hormonsystem. Ich versuchte irgendwie, mich zu beruhigen, als endlich der erlösende Anruf von meinem Mann kam. Er hatte nur sein Handy im Auto vergessen. Alles nicht schlimm. Kann passieren. Niemand war irgend jemandem böse. Aber ich war einfach nur platt. Platt, entsetzt, verwirrt und ratlos. Natürlich passiert so ein Scheiß immer dann, wenn meine Therapeutin in Urlaub ist. Nach dem Anruf ging ich zur Normalität über und begann zu spülen. Mach irgendwas, dachte ich. Egal was. Aber mach was. Mein Mann war dann auch recht erstaunt, mich aktiv anzutreffen statt heulend in der Ecke.

 

Auf Instagram klärt Julia (Blütenstille) in ihren Stories über psychische Krankheiten auf. Dieses Wochenende ging es um die Generalisierte Angststörung. Es ist nicht so, als hätte ich es nicht geahnt. Ich bin ja nicht doof. Nur manchmal eben nicht ganz ehrlich zu mir selbst. Und mein Psychiater hat die Diagnose bis heute nicht gestellt. Diese "diffuse ungeklärte Angststörung" ist in Wahrheit weder diffus noch ungeklärt sondern einfach nur unerkannt. Genau wie Julia es in ihrem Video erklärt. "Generalisierte Angststörung tritt häufig als Komorbidität mit Depressionen auf und wird oft nicht erkannt." Verlustängste, Existenzängste, soziale Ängste, Angst in bestimmten Situationen, die keiner Phobie zugeordnet werden können... trifft alles zu. Da ich nicht jede Auffälligkeit pathologisieren will, dachte ich, das gehört eben zur Depression oder ist ein Ausläufer der Traumafolgestörung. Ist es wohl auch, und dennoch ist es eine eigene Diagnose. Wenn man sich nicht um alles selber kümmert...

 

Das ändert nun nichts an meinen Ängsten, aber ich finde ja immer, wenn der Feind einen Namen und damit ein Gesicht bekommt, weiß man besser, wie man gegen ihn vorgehen kann. Oder für mich passender ausgedrückt: wenn ich weiß, womit ich es zu tun habe, weiß ich auch, wie ich damit umgehe. Seine psychischen Special Effects als Feinde zu betrachten, halte ich bekanntlich für wenig hilfreich, auch wenn man sie erstmal weghaben möchte. Nun wird es also darum gehen, dies alles zu ergründen und Skills zu entwickeln / auszubauen, weil ich echt keinen Bock darauf habe, dass mir sowas regelmäßig passiert.

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Kommentare: 4
  • #1

    Malgorzata (Dienstag, 21 August 2018 12:35)

    Hallo liebe Yvonne, ich lese dein Blog seit längerem , beteilige ich mich aber nicht wegen Rechtschreibung ( bin keine Deutsche), aber dieses Mal ist die Grammatik mir egal.. weil ich möchte Dir sagen das ich das gleiche Problem mit die Tagen vor meine Tage habe , im depressive Fase ( leide unter Depressionen seit über 10 Jahren ) ist das so schlimm das ich es sehr schwer aushalten kann ( bis zu Gedanken über sterben , obwohl ich eigentlich leben will ) . Grade habe ich das durch gemacht...Heute bin ich im 3 Tag meine Periode und geht mir deutlich, deutlich besser..Leider keinen Arzt nimmt meine Beobachtung ernst.. Ich höre oft das es normal ist und das es viele Frauen haben und wenn ich meine Tage regulär habe brauche ich kein Hormonstatus untersuchen..��‍♀️,das weiß ich auch, im ziemlich ok fase spüre ich das auch wahrscheinlich wie jede „gesunde“ Frau , aber im Depressive fase es für mich ziemlich schwer zu aushalten ( wirklich biete ich zum Gott das die. Blut endlich kommt...) ..
    Nach Erlebnis von meine letzte Periode will ich mir selber einen Test machen Östrogendominanz Test- Hormonspeicheltest auf Östrogene und Progresteron..
    Im Internet habe ich auf einem Heilpraktiker gestoßen ( Markus Breitenberger aus München) er erklärt es sehr gut , vielleicht möchtest Du dir auch lesen..?
    Möchte ich nochmals betonen das es am schlimmsten( bei mir ) im depressive fase ist!
    Ich Grüße Dich von ganzem � und freue mich auf deinen nächsten Beitrag ( auch wenn ich ein stiller Leserin bin� ).

  • #2

    Yvonne (Dienstag, 21 August 2018 16:13)

    Liebe Malgorzata!

    Vielen Dank für deinen lieben Kommentar! Ja, ich kann mir vorstellen, dass Ärzte das nicht so ernst nehmen oder vielleicht mit verschiedenen Pillenpräparaten experimentieren, was für den Körper einer Frau purer Stress ist. Ich werde mit meiner Therapeutin auch darüber mal sprechen. In ihrer Praxis arbeiten auch Heilpraktiker und Ärzte - alle unter einem Dach und Hand in Hand. Markus Breitenberger werde ich mal googeln, vielen Dank für den Tipp! Es kann ja nicht sein, dass wir Frauen einmal im Monat so schlecht dran sind und niemand etwas dagegen unternehmen kann! Therapie ist das eine, aber körperlich sollte man sicher auch nachschauen, da hast du schon recht!

    Ich wünsche dir alles Gute und hoffe, dass du die Untersuchungen machen kannst und Hilfe bekommst!
    Liebe Grüße
    Yvonne

  • #3

    Sofasophia (Mittwoch, 22 August 2018 12:32)

    Ich war leider zu lange zu "doof", mich diesen Fakten zu stellen und so wurde "meine" generalisierte Angststörung chronisch und dann ist es ja immer sehr viel schwieriger, etwas "aufzulösen". Wobei ich damit nicht weghaben meine, sondern eben damit irgendwie leben lernen, Skills finden ... Je älter eine Gewohnheit (gilt ja auch irgendwie für Krankheiten) ist, desto schwieriger, sie irgendwie "zu verändern". Nun ja, zuerst geht es ja eben nicht immer um Veränderung, sondern um damit leben lernen.

    Was mir bei Julias Video eingefahren ist (danke für den Link!), ist der Satz, dass Konfrontationstherapien bei Angststörungen im Kontext mit PTBS eben nicht unbedingt angezeigt sind. Das dachte ich auch schon ... weil eben die PTBS ihre ganz eigenen Mechanismen hat.

    Danke für deinen offenen Text.

  • #4

    Gustav Sucher (Donnerstag, 13 September 2018 10:38)

    Hallo, mein Bruder hatte auch oft irgendwelche Angstzustände. Niemand wusste warum, bis herauskam, dass er Asperger hat und so die Kommunikation gestört ist . Letzten Endes hatte er eigentlich nur angst, dass Missverständnisse entstehen und er nicht verstanden oder ernst genommen wird. Danke für den Blog Beitrag!
    https://www.psychotherapie-reiner.at/