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Energielöcher und Illusionen

Bild: Pixabay
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Viele Jahre habe ich mich gefragt, wo meine Energie hin verschwindet, wo das Leck in meinem Leben ist oder das schwarze Loch, das meine ganze Kraft aufsaugt. Eine meiner Therapeutinnen machte mangelnde Selbstliebe dafür verantwortlich. Und letztendlich stimmt das auch. Aber das war noch viel zu allgemein gehalten, um den wahren Grund zu erkennen.

 

Nachdem mein Ex-Mann weg war, ging es mir erstmal sehr bescheiden. Meine Welt lag in Scherben. Meine Träume waren geplatzt und mein Lebensentwurf in die Tonne getreten. Und trotzdem fühlte ich zeitgleich, dass dies ein Befreiungsschlag war. Wenn auch ein schmerzhafter. Meine Energie kam zurück. Einige mögen erwartet haben, dass ich endgültig in ein depressives Loch fallen würde. Aber das Gegenteil war der Fall. Ich war zwar traurig, enttäuscht und sehr, sehr wütend aber auch kraftvoller und wieder in meiner Mitte. Das muss sich wohl auch auf meine Ausstrahlung ausgewirkt haben, denn meine Mitmenschen sehen mich nun ganz anders an. Als würden sie sich mehr freuen, mich zu sehen, als früher. Manche schauen auf positive Weise verwundert, manche strahlen mich regelrecht an.

 

So schön das ist, so sehr erschreckte es mich am Anfang. Denn mir dämmerte, dass mein Ex-Mann das Energieloch in meinem Leben gewesen sein musste. Wie der Mensch halt nunmal tickt, braucht es einen Schuldigen. Der hat mir meine Energie abgezockt! In diesem Zusammenhang wird auch gerne von toxischen Menschen gesprochen. Und ich habe das auch getan. Aber bringt mich das weiter? Ist das schon die ganze Wahrheit?

 

"Sag mal, kann es sein, dass du so erschöpft bist, weil du zu Hause alles zusammenhalten musst?" fragte mich 2014 eine Mitpatientin in der Reha-Klinik. Damals konnte ich diese Wahrheit noch nicht annehmen. Sie durfte nicht sein. Und ich hatte sie zudem falsch ausgelegt: Ich muss mich um alles kümmern, damit der Laden läuft. Das war zwar auch wahr, aber nur ein Teil des gesamten Puzzles. Und wenn ich sage, dass es die Wahrheit war, bedeutet das nicht, dass es einer objektiven Tatsache entspricht. So, jetzt wird es kompliziert.

 

Nach meinem Empfinden musste ich mich um vieles kümmern und emotionale Stabilität herstellen. Ich hätte das auch lassen können. Ich musste das nicht machen. Niemand hat das verlangt. Es gab keinen Auftrag. Außer dem von meinem inneren Kind. Die kleine Yvonne braucht Sicherheit. Und sie sorgt am liebsten selbst dafür, denn "die Großen" kriegen das nicht hin. Hätte ich das nicht gemacht, wäre meine Ehe schon sehr viel früher zerbrochen. Denn leider habe ich einen sehr alten Schutzmechanismus viel zu spät - nämlich erst jetzt - erkannt. Ich sehe die Menschen und meine Beziehungen nicht, wie sie wirklich sind, sondern wie ich sie haben will / brauche. Was mich als Kind überleben ließ, hielt mich als Erwachsene jahrelang in einer Illusion gefangen. Und genau daran ging meine Energie drauf. Am Aufrechterhalten dieser Illusion, damit alles "gut" ist und wir uns sicher fühlen können. Leider war das eine falsche Sicherheit. Ich habe mich damit selbst belogen und betrogen.

 

Nicht mein Ex-Mann war das Energieloch, sondern die verdrehte Vorstellung von unserer Beziehung. Wenn man ganz fest die Augen zupresst, um etwas nicht sehen zu müssen, wird das auf Dauer ganz schön anstrengend. Und man verkrampft. Nicht mein Ex-Mann war toxisch, sondern die Beziehung war ungesund oder nicht dienlich. Obwohl sie letzten Endes dazu gedient hat, dass wir heilen und uns weiterentwickeln. Und natürlich war nicht alles schlecht oder falsch. Es geht nicht um schwarz - weiß. Es ist alles viel komplexer und verzwickter. Beim Aufdröseln dieser Verstrickungen wird mir bewusst, wie umfangreich und tiefgehend das Ganze ist. Und wieviel davon mit mir selbst und meiner Kindheit zu tun hat. Die Ehe ist meistens eine Wiederholung der Beziehung zu den Eltern oder zu einem Elternteil, nur in abgeschwächter Form. Wir wiederholen unsere Beziehungsmuster, bis wir sie geheilt haben. Ich empfinde es jedoch als respektvoller, Ausdrücke wie "Energieloch" oder "toxisch" von den Menschen losgelöst zu verwenden - wenn überhaupt. Denn wir alle haben Verhaltensmuster, die auf jemanden störend wirken, sofern sie an seine Themen andocken. Ich habe genauso manipuliert wie mein Ex-Mann. Es bringt mir nichts, wie wild den Zeigefinger zu wedeln und anklagend "Manipulation!" zu schreien. Es ist hilfreicher hinzuschauen, wo in meiner Psyche die Fäden zusammenlaufen und sich verknoten, bis es schmerzt. Und dann darf ich überlegen, welche Art von Beziehung ich mir wünsche und welches Verhalten ich darin dulde und welches nicht (auch bei mir selbst). Hier schließt sich der Kreis zur Selbstliebe. Wen liebe ich, und was sagt das darüber aus, wie sehr ich mich selbst liebe?

 

Diese Erkenntnisse haben mein Leben ganz schön auf den Kopf gestellt. In jeder Hinsicht. Auch mich selbst sehe ich nun anders und wie ich in Beziehungen gleich welcher Art funktioniere und re/agiere. Ich muss darf mich von vielen Vorstellungen und Sichtweisen verabschieden, die mir im Weg standen. Und natürlich zupft die kleine Yvonne immer wieder mal an meinem Ärmel und verlangt, dass die alten Verhältnisse wiederhergestellt werden. Ich spüre den Sog der Vertrautheit. Doch Vertrautheit ist nicht dasselbe wie Vertrauen. Das habe ich viel zu lange miteinander verwechselt. Ohne Vertrauen ist eine Beziehung nicht möglich. Auch nicht zu mir selbst. Diese ganze innere Arbeit erschöpft mich jetzt zwar ebenfalls, aber sie laugt mich nicht aus. Ich bin müde aber nicht gelähmt. Die Trauer über die Trennung wird mich noch ein Stück begleiten. Denn ich muss ja auch die guten Dinge unserer Ehe loslassen und das Alleinsein annehmen. Und doch sehe ich, dass es gut so und wichtig für mich ist.

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Comments: 2
  • #1

    Lotta (Saturday, 27 June 2020 22:37)

    Liebe Yvonne, ich bin zur Zeit psychisch und körperlich ausgelaugt. Seit 2017 bin ich in Traumatherapie, 62 Jahre alt.Nach dem Tod meiner Mutter, dachte ich , jetzt wird alles ruhig. Das war 2017. Danach ging es mir immer schlechter und habe eine Traumatherapeutin gefunden , die mich gut aufgefangen hat, Emdr und viele gute Anleitungen.
    Im letzten Sommer ist mein Mann an schwerem Prostatakbrebs erkrankt und operiert worden. Danach Antihormontherapie und Chemotherapie.
    Vergesslichkeit nahm extrem zu, Toilette nicht sauber hinterlassen, Popel gegessen in meiner Gegenwart...
    Ich habe mich um Jahrzehnte zurück versetzt gefühlt. Mein Vater Alkoholiker und Kriegstraumatisiert. Sehr ähnliche SVerhaltensweisen bekam mein Mann.
    Ich war schockiert und habe nur noch Ekel empfinden können. Diese Themen habe ich mit meiner Thetapeutin besprochen. Sie geht von einer Retraumatisierung aus. Inzwischen haben wir unsere Badezimmer getrennt.
    Das alles gibt Entspannung.

    Ich bin so unglücklich, meine Blasenentzündung kommt dauernd wieder, Ängste und Panikattacken Klopfen immer wieder an. Ich könnte mich in die nächste Tonne stecken.
    ABER ICH MÖCHTE WEITERLEBEN!
    Würde mich über eine Idee freuen, habe heute versucht über die Mutmachleute mein Profil zu erstellen ( bin ü 60) klappt nicht.
    Ganz liebe Grüße aus dem Emsland, Lotta








    Dennoch möchte ich leben, zwei tolleHunde.
    sind an meiner Seite


  • #2

    Yvonne (Sunday, 28 June 2020 09:32)

    Hallo, Lotta!

    Danke für dein Vertrauen und deine Offenheit! Das klingt wirklich sehr anstrengend, was du gerade durchmachen musst. Ich habe schon mehrfach gelesen, dass eine Blasenentzündung psychosomatisch betrachtet auf "Groll auf den Partner" und Beziehungsprobleme hinweisen soll.
    Es ist gut, dass du jetzt professionelle Unterstützung hast! Ich bin sicher, deine Traumatherapeutin wird dich durch diese Zeit begleiten und dich bei eventuellen weiteren Veränderungen und Entscheidungen unterstützen.

    Ich wünsche dir alles Gute!
    Yvonne