· 

Einsichten und Aha-Momente im Trigger-Flipper

Bild: Pixabay
Bild: Pixabay

Die derzeitige Krise, die die gesamte Menschheit betrifft, verlangt mir gerade alles ab. Ich fühle mich wie eine Kugel im Flipper, die zwischen sämtlichen Triggern hin und her geschossen wird. Und eine Trennung habe ich ja auch noch zu verarbeiten. Während die einen mit Home Office und Kinderbetreuung jonglieren und die anderen die Entschleunigung genießen, steigt in meiner eigentlich schon lange entschleunigten Realität die Anspannung von Tag zu Tag. Da läuft doch schon wieder was falsch! Der Rücken meldet Überforderung. Der Kopf kommt kaum zur Ruhe. Ende jetze!

 

Als Bewohnerin eines Grenzgebiets halten mich die Regelungen bezüglich der Eindämmung der Pandemie ganz schön in Atem. Mehrmals am Tag ändern sich die Infos. Gerne auch widersprüchliche. Der eine Minister sagt so, der andere Minister anders. Ich wohne so nah an der deutsch-belgischen Grenze, dass ich zu Fuß rübergehen kann. Aachen ist meine zweite Heimatstadt. Ich lebe in zwei Ländern. Mein Pferd steht auf der anderen Seite. Und nu? Hieß es eben noch "Tierversorgung bleibt erlaubt", sagt man später "Jein. Nur im Notfall. Und überhaupt." Mich hat das alles so bekloppt gemacht, dass ich gestern beschlossen habe, vorerst die Versorgung meines Pferdes in die Hände meiner Stallkolleginnen zu geben. Bis sich dieser Krisenstab mal einig wird. Ich werde mich nicht dem täglichen Risiko aussetzen, an der Grenze mit Polizisten diskutieren zu müssen. Ich bin völlig erschöpft und vor allem richtig schlecht drauf wegen des ständigen Nachrichtenlesens. Das ist nicht hilfreich. Auch wenn damit meine größte Angst wahr wurde, bleibe ich erstmal zu Hause und verordne mir selbst Corona-Ferien.

 

Diese Krise bringt all unsere Ängste und Schatten zum Vorschein. Manche blühen förmlich auf, zeigen sich plötzlich und werden kreativ, sind ein Leuchtturm in dieser Dunkelheit. Denn es sind nicht nur unsere "schlechten" Seiten, die wir in den Schatten gedrängt haben sondern oftmals unsere wahre Größe. Andere verzweifeln, drücken ihre Angst in Aggression und Pöbelei aus, verbreiten Panik oder Verschwörungstheorien, negieren die Realität. Wie ich schon in meinem letzten Artikel schrieb, ist die jetzige Zeit die Gelegenheit, sich selbst und auch - teilweise leider - die anderen besser kennenzulernen. Uns bietet sich die Chance, alte Wunden erneut anzuschauen und endlich zu heilen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich gerade jeder mehr oder weniger getriggert fühlt. Wer sich schon länger mit seinen Themen beschäftigt - sei es therapeutisch, spirituell oder eben einfach selbstreflektiert -, dem wird es vermutlich leichter fallen, seine Trigger und die dazugehörigen Geschichten zu erkennen.

 

Warum zum Henker muss ich an einer Grenze wohnen? Hätte ich alles nur in einem Land, hätte ich jetzt keine Probleme. Es würde sich für mich kaum etwas ändern. Stattdessen kann ich nun mein Pferd nicht mehr sehen, der tägliche Stallbesuch fällt aus und ich muss andere Produkte kaufen, als ich gewohnt bin. Meistens teurer. Die Grenzen sind zwar nicht geschlossen, aber so richtig offen sind sie auch nicht. Viele werden zurück geschickt. Werde ich abgewiesen? Komme ich durch? Krieg ich Ärger? Werde ich bestraft? Ich spüre Wut über die Freiheitsberaubung und Trauer, geliebte und gewohnte Dinge loslassen zu müssen. Angst vor Reglementierung und davor, ungerecht behandelt zu werden. Grenzschließung. Grenzüberschreitung... Da war doch mal was... BÄM!!! Abgrenzung! Deshalb triggert mich das! Was ist mit meinen Grenzen? Wieviel Offenheit ist sinnvoll und gesund für mich? Steht an meinen Grenzen ein Kontrolleur oder darf da jeder durchmarschieren und sich in meinem Supermarkt bedienen? Welche Ausnahmen für das Passieren meiner Grenzen erteile ich? Wann ist eine Grenze zu sehr geschlossen? Wen verletze ich damit? Kann ich eine einheitliche, allgemeingültige Regelung für alle Zeiten finden, oder muss ich das von Tag zu Tag, von Fall zu Fall neu entscheiden? Diese Fragen beschäftigen mich im Moment. Fürs Erste habe ich jedoch meine Grenzen geschlossen, was dieses nervenaufreibende Hin und Her betrifft. Ich muss zur Ruhe kommen. Das sieht nach Aufgeben aus. Ist aber Loslassen. Den Unterschied erkläre ich hier. Und es ist nur vorübergehend. Es gibt eine Zeit zu kämpfen und eine Zeit zu kooperieren und abzuwarten. Ich kann vor der Welle fliehen, oder tief Luft holen und in sie eintauchen. Oft stelle ich dann fest, dass ich unter Wasser atmen kann.

 

Die anderen getriggerten Ängste sind Fremdbestimmung, zurückgelassen und vergessen werden, verlassen werden / sein, Versorgungsängste und Existenzängste, Ungewissheit und die Krönung: Kontrollverlust. Was macht man, wenn man die Kontrolle bewahren will? Festhalten bis zum Verkrampfen. Kämpfen und sich wehren, in den Widerstand gehen. Was auch durchaus wichtig ist. Also kämpfen und Widerstand. Aber manchmal eben nicht hilfreich. Deshalb habe ich ständig auf sämtlichen Kanälen die Infos gecheckt bezüglich Grenzregelung. Habe nach Antworten gesucht, die es noch nicht vollständig gab. Ich kann nicht kontrollieren, wann was entschieden wird. Aber ich kann kontrollieren, wie ich darauf reagiere und damit umgehe. Das klingt leichter geschrieben als getan. In einem ersten Moment der Überwältigung - des Kontrollverlusts - springen die Synapsen im Dreieck. Wenn man sich dann aber der Situation stellt und hingibt, entspannt sich alles. Ich kann gerade nichts anderes tun, als abwarten. Und nur noch einmal am Tag die Infos prüfen. Vielleicht weiß ich morgen oder übermorgen mehr. Vielleicht zählt Tierversorgung dann doch einheitlich zu den essenziellen Aktivitäten. Vielleicht muss ich mich dann um Formulare bemühen. Oder eine weitere Fremdversorgung. Es wird nicht für immer sein.

 

Komischerweise habe ich überhaupt keine Angst vor dem Virus selbst und davor, krank zu werden, obwohl das als Alleinlebende schon ziemlich doof wäre, oder davor, Angehörige durch das Virus zu verlieren. Die Gefahr besteht zwar, aber irgendwie macht mir das am wenigsten zu schaffen.

 

"Mit Angst kann man Menschen besser kontrollieren und manipulieren!" Diese Aussage stimmt zweifelsfrei. Dafür jedoch das Virus als harmlos und die Maßnahmen als übertrieben hinzustellen, halte ich für bedenklich. Ebenso den Aufruf, positiv zu bleiben. "Hä? Was ist daran schlecht?" Nichts. Bleibt positiv! Aber bitte schiebt eure Angst nicht beiseite, indem ihr auf Teufel komm raus in einer künstlichen Positivität verharrt. Das ist auch wieder ein Versuch, die Kontrolle zu behalten. Und es negiert die Realität. Das Virus ist real. Ebenso die Überlastung des Gesundheitssystems. Und eure Ängste sind es auch. Wenn ihr sie wieder wegschiebt und deckelt, verpasst ihr die Chance, sie anzuschauen und zu integrieren. Und das wäre jammerschade! Die Kunst besteht darin, seine Ängste zu spüren und mit ihnen zu sein, ohne sich kopflos in ihnen zu verlieren, und dabei positiv und zuversichtlich zu bleiben. Klingt nach Spagat? Es ist ein Pendeln. Einfach mitschwingen. Loslassen, vertrauen und mitschwingen. Streicht das "einfach".

 

Der Mensch wird gerade mit Nachdruck auf sich selbst zurückgeworfen. Corona holt sowohl das Beste als auch das Schlechteste aus den Menschen heraus. Was sind deine Themen und Ängste, die durch die Krise vermehrt zum Vorschein kommen?

Write a comment

Comments: 2
  • #1

    David (Wednesday, 25 March 2020 16:07)

    Sehr interessant! Ich lese ja deine Beiträge auf Twitter, aber so komplettiert sich das Bild nochmal. Natürlich ist das inhaltlich nicht angenehm, aber der Text zeigt mir, dass wir ähnlicher über die Sache denken, als es in der Kurzform "drüben" den Anschein hat ;)

    Das Bild mit dem Trigger-Flipper ist sehr passend. Es gilt so viel zu beachten. Selbstschutz wahren, Wahrhaftigkeit nicht auf der Strecke lassen, mit den sich verändernden Umständen klarkommen, vorausplanen, aber nicht alles zu Tode grübeln...

    Was mir wirklich hilft ist Austausch. Die Tage, an denen ich Kontakt zu meinen Leuten halte, sind in der Regel die besten. Da bekomme ich das am besten ausbalanciert.

    Angst vor dem Virus habe ich verhältnismäßig wenig. Ich hatte schon Lungenentzündungen, brauch ich nicht nochmal, aber was wirklich belastet ist dieses Gefühl von Transformation. Weil man nicht einschätzen kann, ob man am Ende zu den Gewinnern oder Verlierern der Sache zählt. Besonders belastend empfinde ich die Vorstellung, dass das womöglich nicht der "Lauf der Dinge", sondern Menschen entscheiden. Auch wenn man philosophisch betrachtet die Frage nach dem freien Willen als solches stellen könnte. Wenn Aktion und Reaktion quasi eine feste Größe sind und der freie Wille nur eine Illusion, dann erleben wir so oder so den Lauf der Dinge.

    Ich hoffe meine Gedankensprünge im letzten Absatz sind noch halbwegs nachvollziehbar ;)

  • #2

    Brigitte (Sunday, 29 March 2020 22:26)

    Angst vor dem Virus habe ich nicht, eher Angst vor Menschen. Bin seit 46 Jahren eine Überlebende.

    Angst habe ich eher davor, dass die Menschheit nichts dazulernt.