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Eine unbedeutende Situation mit Dominoeffekt

Bild: Pixabay
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Dieses Jahr gibt es von mir keinen Rückblick sondern einen Einblick. In meinen Kopf, meine Gefühlswelt, meine psychischen Vorgänge. Denn 2020 hatte schon verdammt hart für mich angefangen, weil mein Ex-Mann an Silvester bei seiner Neuen eingezogen war. Die Scheidung stand bevor und das unangenehme Klären einiger Dinge. Und doch blieb so vieles ungeklärt. Nachdem sich über den Sommer einiges lösen und entspannen durfte, wurde ich mit Herbstbeginn wieder ordentlich durchgeschüttelt. Gerade als ich dachte, dass jetzt alles gut wird und es bergauf geht. Der plötzliche Tod meiner geliebten Katze Nala und der Abschied von meiner Stute Lia, dem Stall und den Menschen dort brachten mich emotional an meine Grenzen. Weil alles gleichzeitig passierte, während ich zeitlich an die Ereignisse vor einem Jahr erinnert wurde. Und als sich auch diese Woge einigermaßen geglättet hatte, flog eine Email von meiner Krankenkasse in mein Postfach. Kontrolle meiner Krankenakte und Gespräch mit der Vertrauensärztin. Meine Katastrophenfantasien überschlugen sich. Letztendlich bescherten mir diese Ereignisse neben einem Nervenzusammenbruch endlich die Diagnose PTBS. Der Bericht meiner Psychologin war aussagekräftig genug, so dass es erst gar nicht zu einem Telefonat (wegen Corona) mit der Vertrauensärztin kam. Mein Nervensystem brauchte trotzdem noch eine ganze Weile, bis es begriffen hatte, dass keine Gefahr mehr besteht. Mehr als genug zu verarbeiten also. Trotzdem musste ich am Ende des Jahres nochmal geärgert werden.

 

Die meisten Menschen verstehen nicht, warum mich solche Dinge so umhauen. Sie empfinden meine Reaktion als übertrieben. Ich kann es ihnen nicht mal verdenken. Sie sehen eben nur die Spitze des Eisbergs. Niemand fühlt die Triggerlawine in meinem Inneren, die reaktivierten Situationen, in denen ich mich ohnmächtig und ausgeliefert fühlte. Nicht selbstwirksam. Meine Grenzen missachtet. Mit Sätzen wie "Das war doch nichts!" mundtot gemacht. Dem Vertrauen in meine Wahrnehmung und meine Gefühle beraubt. Und ihr könnt mir glauben, dass mich das selbst ganz schön nervt! Ich wünschte, ich könnte in jeder Situation souverän und gefasst reagieren, mir Zeit für meine nicht emotionsgesteuerte Antwort nehmen, nicht ewig lange über das Ereignis nachdenken und nachts gut schlafen. Dabei können das ganz schön viele Menschen nicht. Selbst die, die behaupten, sie würden alles an sich abprallen lassen. Ignorierte Emotionen finden immer ihren Weg an die Oberfläche. Ich gehe ihnen lieber ein Stück entgegen und setze mich bewusst und aktiv mit ihnen auseinander, bevor sie mich unkontrolliert überrollen und vielleicht andere dadurch zu Schaden kommen. Ich übernehme Verantwortung für meine Emotionen. Und genau das ist der Punkt. So viele Menschen tun das nicht und laden ihren unaufgeräumten Dreck auf andere ab, ohne vorher zu hinterfragen und nachzuspüren, was bei ihnen los ist, worum es ihnen geht und was sie brauchen . 

 

Vor zwei Tagen wurde ich von einem Mann, den ich nicht einmal kannte, als emotionale Müllhalde missbraucht. Ich hatte unwissentlich eine Regel missachtet. Dass er mich darauf aufmerksam machte, war sein gutes Recht, denn es geschah auf seinem Grundstück. Dass er wütend darüber war, konnte ich auch noch hinnehmen, obwohl ich die Regel ziemlich bescheuert fand. Aber die habe ich halt zu respektieren. Ich entschuldigte mich und wies darauf hin, dass ich von dieser Regel nichts wusste, weil mir niemand etwas gesagt hatte. "Ja, nichts Entschuldigung!" Und da wurde schnell deutlich, dass dieser Mann im Grunde nur jemanden suchte, den er fertig machen konnte. Und ich war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Pech gehabt. Als ich dann eine Grenze ziehen wollte und ihm zu verstehen gab, dass ich seinen Ton nicht in Ordnung finde, hieß es, ich brauche nicht mehr zu kommen. Wohlgemerkt war der Mann da bereits im Begriff, die Situation zu verlassen. Er warf mir diese letzten Worte der Grenzmissachtung lapidar im Gehen über die Schulter. Und ließ mich stehen. Mit seinem Dreck. Mit meiner Ohnmacht, meiner Wut, meiner Fassungslosigkeit. Ich kann nicht einmal sagen, wie er ausgesehen hat.

 

"Der hatte bestimmt nur einen schlechten Tag. Wer weiß, was der gerade durchmacht." Und was ich durchmache, ist dann egal? Dass mich diese paar unglücklichen Minuten auf mehreren Ebenen getriggert haben, ist unwichtig? Natürlich weiß ich rational, dass nichts Schlimmes passiert ist und ich den Vorfall mit einer wegwerfenden Handbewegung vergessen kann. Aber meine Emotionen wissen das nicht. Die tanzen Polka. Warum? Ich wurde zum Opfer gemacht, weil jemand keine Verantwortung für seine Emotionen übernommen hat. Ich durfte mich nicht wehren. Ich wurde unverhältnismäßig angegriffen und dann stehen gelassen. Ich habe Kontrollverlust und Ohnmacht erfahren. Das hat meine Kindheitstraumata getriggert. Ich war zwar stolz auf mich, dass ich es geschafft habe, meinen Unmut zu äußern, anstatt wie früher versteinert dazustehen. Aber es blieb wirkungslos bzw. wurde noch nachgetreten. Nun war das nur eine kleine unbedeutende Situation. Lediglich verbale Gewalt. Aber aus den gleichen Gründen werden Menschen geschlagen, ermordet oder vergewaltigt. Und selbst dann wird den Opfern (oder deren Angehörigen) gesagt, sie sollen es nicht persönlich nehmen und nicht so nachtragend sein. Oder besser noch, ihnen wird die Schuld zugeschoben, weil falsch verhalten, gekleidet, nicht geschützt oder gewehrt... Im Falle von verbaler Gewalt ist das Opfer einfach nur zu empfindlich und soll sich mal bitte ein dickes Fell wachsen lassen. Oder es hat das nur falsch verstanden. Es wird mit seinem Schmerz im Stich gelassen, während der Täter keine Verantwortung zu übernehmen braucht. "Der hat das längst vergessen. Und du denkst immer noch darüber nach!" Genau das ist das Problem! Täter können einfach vergessen, Opfer bleiben gezeichnet. Und wenn ich dann meine Wut darüber äußere, dass mich jemand zum Opfer gemacht hat, wird mir gesagt, ich könne andere Menschen nicht ändern, das würde mir nichts bringen, ich solle einen Weg finden, damit klarzukommen. Und irgendwie stimmt das auch. Aber es ist nicht gerecht. Ja, ja, ich weiß. Willkommen in der Realität. Da passieren ungerechte Dinge. Niemand hat gesagt, das Leben sei fair. Also Schwamm drüber. Die Wut ist aber da. Die könnte ich jetzt auch an jemand anderem auslassen. Und der lässt es wieder an jemand anderem aus. Die nächste Lawine losgetreten. Oder ich richte die Wut gegen mich selbst. Ich will aber Verantwortung für meine Emotionen übernehmen und in Frieden mit ihnen kommen. Es wäre schön, wenn der Täter das auch tun würde, bevor er zum Täter wird. Oder wenn er zumindest zu seiner Tat stehen könnte wie ein Mensch mit Rückgrat. Aber stellt euch vor - es wurde verdreht, verharmlost und ach ja, der arme Kerl hatte einen schlechten Tag, und es ist jetzt halt scheiße gelaufen. Ich habe kein Hausverbot. Ja, Mensch! Wie großzügig! Aber wisst ihr was? Ich bin auf meinem Weg des emotionalen Nachreifens und der Heilung wieder ein Stückchen weiter. Dieser Mann nicht.

 

Es wurden nicht nur meine Kindheitstraumata getriggert und die Wut darüber, zum Opfer gemacht zu werden und keine Gerechtigkeit zu erfahren oder mich wehren zu dürfen. Diese eine Situation war nur der erste Dominostein, der noch viele weitere Themen in mir wie in einer Kettenreaktion anstieß und zum Umfallen brachte. Neben den Schuldgefühlen, mich / mein inneres Kind nicht geschützt zu haben, kommen Schuldgefühle meinem Pferd gegenüber hinzu. Ich habe es abgegeben, und es geht ihm nicht gut. Ich kann es dort nicht richtig bewegen. Ich fühle mich innerlich und äußerlich erstarrt, wenn ich an diesem Ort bin. Schütze ich nun mich und gebe mein Pferd auf, oder ertrage ich es und besuche Lia weiterhin, nur um sie zu streicheln, während ich mich total unwohl fühle? Habe ich eine falsche Entscheidung getroffen? Lia im Stich gelassen? Welcher Verantwortung kann oder soll ich gerecht werden? Darunter liegt noch so vieles mehr, was hier jedoch zu weit gehen würde. Unter anderem auch der Ärger darüber, dass ich mich wegen Corona an die Regeln halte und hier langsam vereinsame, während andere darauf sch***en, mich für blöd halten und vielleicht dafür sorgen werden, dass ich noch länger hier alleine sitzen muss. Und dann werde ich wegen eines unwissentlichen Regelbruchs so heftig angegangen...

 

Wahrscheinlich habe ich wieder einmal zu hohe Ansprüche. An mich und an andere. Im Grunde erwarte ich ja gar keine Perfektion. Sich im Ton zu vergreifen und seine Emotionen entgleisen zu lassen, ist menschlich. Passiert mir auch. Wenn man dann wenigstens dazu steht, sich angemessen entschuldigt und die Situation bereinigt, ist es für mich in Ordnung. Mir geht es jedoch vorrangig darum, meinem Schmerz und meiner Wut darüber, zum Opfer gemacht worden zu sein, Raum zu geben und dass dies gesehen und gehört wird. Die Band Metallica hat sich bei ihrer Gruppentherapie filmen lassen. Die Dokumentation von 2004 mit dem Titel "Metallica - Some kind of monster" zeigt die Bandmitglieder mit ihren Suchtproblemen und internen Konflikten. Es hat mich nachhaltig beeindruckt, wie der ehemalige Gitarrist Dave Mustaine seine Enttäuschung und seinen Schmerz über seinen Rauswurf aus der Band zum Ausdruck brachte. Der Schlagzeuger Lars Ulrich ging in die Defensive und konterte mit Rechtfertigungen, bis Mustaine ihm Einhalt gebot und unter Tränen sagte: "Ich will, dass du siehst, was es mit mir gemacht hat!" Da kamen auch Ulrich die Tränen, und er schwieg. Langhaarige Metalheads sitzen einander gegenüber und zeigen sich ihren Schmerz. Das ist so viel stärker als die Musik, die sie machen. Die Therapie hat dazu geführt, dass die Band nicht zerbrochen ist und dass offene Situationen abgeschlossen werden konnten.

 

Genau das geschieht im Alltag viel zu wenig. Ich würde mir so sehr wünschen, dass die Menschen auf einer tieferen Ebene kommunizieren, Gefühle und Bedürfnisse thematisieren, Raum geben, halten, einfach da sein lassen, mit allem, was ist. Da braucht es dann oft gar keine Lösung mehr. Durch das Anschauen und Annehmen lösen sich Knoten von allein. Das macht nichts ungeschehen oder "alles wieder (wie vorher) gut". Aber es hilft, abzuschließen, loszulassen und weiterzugehen. Man kann das auch alleine machen. Oft ist man dazu gezwungen. Aber es ist so bereichernd und nährend, das im Kontakt zu erleben. Zu spüren, meine Gefühle sind nicht falsch. Sie haben einen Ursprung, dem ich nachgehen darf, an dem sich ein vergessenes Bedürfnis versteckt. Meines war, Grenzen setzen und mich schützen zu dürfen. Mir Sicherheit geben zu dürfen. Manchmal bedeutet das, eine Situation zu verlassen. Auch wenn es weh tut.

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Kommentare: 1
  • #1

    Anke (Samstag, 02 Januar 2021 11:12)

    Hallo Yvonne, wieder mal ein tiefgehende Beschreibung um die Problematik Grenzen zu setzten.
    Es gibt von Verena König als Podcast einen guten Beitrag. Sie ist Traumatherapeutin und kann viele Erklärungen zu diesem Thema geben.
    Wir müssen immer wieder lernen unsere Grenze nicht durchlässig zu machen, bzw. sondern uns klarmachen das es auch mit PTBS besonders wichtig sie zu spüren. Sonst werden wir immer mal wieder Opfer. Ist aber extrem schwer, ich übe auch schon lange .