· 

Ein neues Jahr - Ein neues Leben in Freiheit

Bild: Pixabay
Bild: Pixabay

Das klingt sehr viel besser, als es sich gerade anfühlt. Mein Mann hat mich verlassen. Kurz vor Weihnachten zog er vorübergehend in eine Ferienwohnung, um dann Silvester zu seiner neuen Lebensgefährtin zu ziehen. Und das schmerzt mich am meisten. Dass er mich aus unserem "Wir" gestrichen und ausgetauscht hat. Beide haben sich gegenseitig aus der Ehe geholfen. Und doch möchte ich nicht mit ihnen tauschen. Ich würde eine neue Beziehung nicht mit so vielen Problemen anfangen wollen.

 

Im Grunde war eine Trennung längst überfällig. In den letzten Jahren habe ich selbst immer wieder darüber nachgedacht, die Idee jedoch jedesmal verworfen. Ich wollte an unseren Themen arbeiten, doch mein Mann wollte nicht. Und dann haben wir gehofft, dass die Zeit es irgendwie schon richten wird. Aber die Zeit richtet einen Scheiß! Das muss man schon selber tun. Am Ende brauchte es wohl eine dritte Person, um uns voneinander zu befreien.

 

Ich kann kaum in Worte fassen, was in mir passiert. Ich fühle alles, und das gleichzeitig. Es ist wahnsinnig anstrengend. Ich sehe, dass es gut ist, dass es mir körperlich besser geht, dass ich mehr Energie habe. Und doch wünsche ich mir unsere alten Zeiten zurück, will ich ihn nicht loslassen und bin unendlich tief verletzt. Die Vorstellung von ihm mit ihr in einem Haus am Wald, die Pferde am Haus... Es bringt mich fast um. Er lebt mit ihr unseren Traum. Seit gestern stelle ich mir allerdings die Frage, ob dies wirklich auch mein Traum gewesen ist. Wäre er sonst nicht längst in Erfüllung gegangen? Ich habe mich in der Eifel nie wohl gefühlt. Weder in der belgischen noch in der deutschen. Auch wenn die Natur dort stellenweise sicher sehr schön ist, bekam ich immer Beklemmungsgefühle beim Durchfahren.

 

Und so darf ich mich wieder einmal fragen: Was ist mein Traum? Was will ich für mich und mein Leben? Mir wird bewusst, wie sehr ich mich um meinen Mann gerankt hatte, ihn umsorgt und unterstützt habe. Er kam nicht mehr damit klar, dass ich finanziell abhängig von ihm war. Dabei war er genauso von mir abhängig. Ich habe mich um alles gekümmert. Den Haushalt, die Finanzen, seine Webseite, habe mir seine täglichen Nörgeleien und chronischen Unzufriedenheiten angehört. Er hat mir vorgeworfen, mich auf ihn verlassen zu haben. Ja, ich dachte, das macht man so in der Ehe. Aber ich habe mich verloren. Nicht völlig. All die Therapien und meine therapeutische Ausbildung waren nicht umsonst. Aber nun ist ein neues Level dran. Wir wären beinahe aneinander erstickt. Obwohl wir uns unterstützen wollten und uns immer Freiheiten gelassen haben.

 

Mittlerweile habe ich den Eindruck, dass mein Mann co-abhängig war. Sein Helfersyndrom war häufiger Thema in unserer Beziehung. Ich fühlte mich dadurch klein gehalten und bevormundet. Auf der anderen Seite war es natürlich auch sehr bequem für mich in manchen Situationen. Seit der Trennung hatte ich allerdings keine Panikattacke mehr, wenn er abends weg war. Und auch sonst fühle ich mich lebendiger und stärker, was mir von vielen rückgemeldet wird.

 

Und doch muss das Herz noch einsehen, was der Verstand längst begriffen hat. Das braucht Zeit. Diese Sachen-Abhol-Phase macht es nicht gerade leichter. Gestern ist es richtig eskaliert inklusive Scherben. Obwohl es zwischendurch auch recht freundschaftlich zuging. Aber dafür ist es einfach noch viel zu früh. Manchmal bin ich mir gar nicht so sicher, ob ich wirklich eine Freundschaft in Zukunft will. Sein Körpergeruch hat sich verändert. Und das leider nicht zum Positiven. Ich kann ihn nicht mehr riechen. Außerdem hat er mich wochenlang belogen, weil er mich schonen wollte. Und mit Unehrlichkeit kann ich ganz schlecht umgehen. Schonen wollte er mich übrigens wegen meiner psychischen Erkrankung und meiner möglichen Suizidalität. Das macht mich sehr wütend. Denn es zeigt exakt diese kranke Dynamik zwischen uns. Ich verstehe es aus seiner Sicht, und gleichzeitig ist es genau das, was ich immer so gehasst habe. Er macht aus mir einen Problemfall, sein Projekt. Und ich reagiere passend wie die sich selbst erfüllende Prophezeiung. Dabei entspricht dieses Verhalten überhaupt nicht meiner Persönlichkeit. Das bin ich nicht. Und ich werde dieses Thema mit meiner neuen Psychologin aufarbeiten. Denn ich möchte (möglichst) unbelastet in eine eventuelle neue Beziehung hineingehen. Mit bloßen Vorsätzen, sich zu ändern und einiges anders zu machen, ist es für mich nicht getan. Da muss man tiefer rangehen. Das sind unterbewusst ablaufende Muster mit automatischer Verselbständigung, die mal wieder weit in die frühe Kindheit hineinreichen. Da genügt der gute Wille nicht.

 

In der nächsten Zeit stehen große Veränderungen an. Ich darf nun mein Leben aktiv gestalten. Die neue Freiheit erschlägt mich ein wenig und macht mir große Angst, aber auch Hoffnung. In dem Mietshaus kann ich nicht bleiben, da es für mich allein zu teuer ist. Wo will ich hin? Was will ich tun? Mir gehen dazu die wildesten Gedanken durch den Kopf. Es fühlt sich gut an, nach und nach meine Eigenständigkeit zurückzufordern. Eigenes Konto, eigenes Auto, gerade erst mit meinem schlechten Französisch mit meinem Handytarifanbieter telefoniert, was ich sonst immer ihm überlassen habe, neue Rituale, die Wohnung umräumen, aus dem "wir" und "unser" ein "ich" und "mein" machen... Das werde ich nie wieder hergeben! Ich werde mich nie wieder in einen goldenen Käfig stecken lassen! Ich will meine wahre Größe entdecken und leben. Ich war mal wild und frei, temperamentvoll und stark. Das hol ich mir zurück!

Write a comment

Comments: 1
  • #1

    Mimi (Wednesday, 15 January 2020 00:55)

    Hallo liebe Yvonne,

    ich bin gerade erst auf deinen Blog gestoßen und habe mich ein bisschen durch die Beiträge geklickt. Ich leide selbst auch an psychischen Problemen und meine langjährige Beziehung ist 2014 zerbrochen, daher kann ich ein Stück weit nachempfinden, was du gerade durchmachst. Mir hat diese neugewonnene "Freiheit" auch viel Schwung gegeben, aber es gab trotzdem immer wieder Phasen in meinem Leben, in denen ich nicht mehr weitermachen wollte, ja, einfach nicht mehr gekonnt habe. Das kennst du sicher auch.

    Ich wünsche dir viel Kraft, Energie und Glück für deinen Neubeginn. Ich hoffe, dass du irgendwann wieder die wilde und freie Yvonne sein kannst.

    Liebste Grüße
    Mimi