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Druck erzeugt Gegendruck

Bild: Pixabay
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In letzter Zeit wird mir immer wieder vor Augen geführt, was Druck mit mir macht und dass dies nicht (mehr) mein Weg ist. Es hat lange gedauert, aber allmählich setzt sich das Puzzle zusammen.

"Wie soll das gehen ohne Druck?" fragte eine Kliniktherapeutin, als ich von meiner Angst vor der Arbeitswelt sprach und von meiner Frage, wie es beruflich mit mir weitergehen soll. Augenblicklich begann mein Herz wie wild zu pochen, ich rang nach Luft und spürte den dringenden Wunsch, davon zu laufen. Mein Körper verkrampfte sich und ich saß wie gelähmt auf meinem Stuhl. Der Rest der Therapiestunde verlief wenig erfolgreich. Im Anschluss fühlte ich mich dumm, hilflos, ausgeliefert und wie ein Versager. Das Ganze steigerte sich über Nacht zu heftigem Selbsthass, der sich am folgenden Morgen unter Tränen und Schreien in Selbstverletzung entlud. Mein Vertrauen in die Therapeutin war zerstört. Es gab zum Glück noch andere.

Meine ambulante Therapeutin arbeitet völlig anders. Sie bestärkt mich in meiner Wahrnehmung und meinen Fähigkeiten. Sie glaubt daran, dass ich meinen Weg finde. Sie glaubt an mich. Von außen betrachtet hat sich an meiner Situation nichts verändert. Ich arbeite immer noch nicht. Menschen, die das nicht verstehen, fragen mich, was meine Therapie denn bringt, da ich immer noch nicht funktioniere wie alle anderen auch. Innerlich hat sich jedoch Einiges verändert. Ich habe gelernt, liebevoller mit mir umzugehen und Selbsthasstiraden schneller zu stoppen. Ich habe wieder Zugang zu meiner Kreativität gefunden. Ich bin wieder mehr Ich. Und das fühlt sich gut an. Stark, leicht, inspirierend und voller Energie. Die Depression ist weg.

Kaum beschäftige ich mich gezwungenermaßen mit Arbeitssuche, werde ich aggressiv, fühle mich klein und dumm und bekomme Angst. Spreche ich dann mit Menschen, die den üblichen Weg gehen, spüre ich Druck. Ich werde unter Druck gesetzt. Mögliche katastrophale Folgen werden mir vor Augen geführt, es wird mit Sanktionen gedroht. Die Botschaft unterm Strich lautet: Entweder du gehst wieder arbeiten wie früher und alle anderen auch, weil das halt so ist und keiner die Wahl hat, oder du stirbst, weil dir die Existenzgrundlage entzogen wird. Da ich noch an alten Glaubenssätzen hafte, sehe ich selbst auch keine Alternative und falle in die Depression. Ich spüre, dass ich das nicht mehr kann und will, so wie früher zu leben, habe aber noch keine Idee, wie ich trotzdem existieren kann. Alte Muster werden aktiv und es geht mir schlecht. Spreche ich dann mit meiner Therapeutin darüber, führt sie mich zurück auf den für mich gesunden Weg. "Sie müssen das nicht tun, wenn es sich schlecht anfühlt. Sie sind trotzdem wertvoll. Und es ist nicht die einzige Möglichkeit." Und schon geht es mir besser. Meine Schultern entspannen, die Kreativität kann wieder fließen.

Dasselbe erlebe ich mit unseren Pferden. Besonders unser Wallach reagiert sehr sensibel und panisch auf Druck. Seit Kurzem haben wir eine neue Trainerin, die sehr sanft im Umgang mit Pferden ist und äußerst emphatisch auf die individuellen Bedürfnisse jeden Tieres eingeht. Seitdem läuft unser Pony nicht mehr auf der Wiese vor uns weg, wenn wir ihn holen wollen. Samstag war ein Physiotherapeut für ihn da, der mit viel Druck auf ihn einwirkte. Sonntag war unser Pony wieder im alten Muster und richtig schlecht drauf.

Die Stute wehrt sich bei Druckausübung, was Viele vor mir als Dominanz und Unwilligkeit deuteten, woraufhin der Druck erhöht wurde, bis sie irgendwann gar nicht mehr mit ihr zurecht kamen und sie verkauften. Es war ein hartes Stück Arbeit, ihr Vertrauen zu gewinnen, und nicht auf konventionelle Pferdeexperten zu hören, die sich über mich kaputtlachten. Mittlerweile steht mein Pferd entspannt bei mir und legt seinen Kopf an meine Brust. Ihr Bewegungsbild hat sich bereits verbessert, aber halt langsam und noch nicht perfekt. Der Physiotherapeut sollte auch bei ihr den Rücken untersuchen und Übungen vorschlagen, um die Verspannungen zu lösen. Mich regte der Mann furchtbar auf mit seiner Art. Ich war auf 180. Meine Stute spürte das und schnappte heftig nach mir. Der Physiotherapeut deutete die Situation auf seine Weise und übernahm. Meine Stute stieg an seiner Hand und zeigte deutlich "Ich will nicht mit dir arbeiten!". Aber er war stärker. Zwei Minuten später zeigte sie den schönsten Trab, den ich je bei ihr gesehen hatte. Triumphierend strahlte der Physiotherapeut mich an. "Bei mir... blabla." Stimmt, mein Pferd lief mechanisch perfekt. Die Augen jedoch waren tot. Seele ausgeknipst. Pony komplett dissoziiert. Als ich sie auf die Wiese brachte, rannte sie eilig von mir weg. Eine Stallkollegin erzählte mir tagsdrauf, dass mein Stütchen abends richtig stinkig war und andere Pferde angriff.

Mein Pferd hat großes Potenzial. Aber sie wurde 15 Jahre lang kaputt gemacht. Sie will die Wahl haben. Wenn ich sie frei laufen lasse und über Körpersprache mit ihr kommuniziere, passiert es manchmal, dass sie plötzlich richtig Freude an ihrem Körper bekommt und sich präsentieren will. Dann läuft sie wunderschön. Zwinge ich sie in eine Haltung, bekommen wir Streit und sie fühlt sich schlecht. Auch die Pferdezahnärztin stellte fest, dass "Kontrolle abgeben nicht ihr Ding ist".

Depressive soll man nicht unter Druck setzen. Und Traumatisierte schon gar nicht. Das gilt nicht nur für Mitmenschen sondern für einen selbst. Der schlimmste Druck kommt von innen. Wenn ich zu mir selbst stehe und die alten Glaubenssätze überwinde, kann mich niemand unter Druck setzen. Das prallt dann an mir ab. Es ist meiner Meinung nach unglaublich wichtig, mich selbst vor Druckausübung zu schützen, wenn ich gesund bleiben will. Ich weiß, es gibt Menschen, die einen gewissen Druck brauchen, um aktiv zu werden. Ich denke, dass diese Menschen kein Trauma erlitten haben und nicht depressiv sind. Denn in einer traumatisierenden Situation wird sehr massiv Druck ausgeübt. Man wird zu etwas gezwungen, was man nicht will, und verliert die Kontrolle. In der Folge fühlt man sich bei Druck getriggert.

Depression bedeutet "Niederdrückung", womit zwar die Niedergeschlagenheit gemeint ist - aber auch bei diesem Wort sollte man richtig hinhören. Jemanden nieder-drücken oder nieder-schlagen. Man wird zu Boden gedrückt oder geschlagen. Es bedeutet auch die Unterdrückung von Aggresssion, welche als aktive Energie verstanden wird, die Umwelt an die eigenen Bedürfnisse anzupassen, also Kontrolle zu übernehmen und selbstwirksam zu handeln, was wieder eng mit Traumatisierung zusammenhängt. Diese Fähigkeit ist bei Depression gehemmt. Alles steht unter Druck. Und dann kommt noch jemand von außen und sagt "Du musst!" - Peng!

Ich bin davon überzeugt, dass, wenn alle Wunden verheilt sind und dem Betroffenen dafür alle Zeit der Welt gelassen wird, er eines Tages ganz von selbst im sogenannten Flow sein volles Potenzial entfaltet. Eine Blume wächst nicht schneller, wenn man täglich zehnmal an ihr zupft. Man zerreißt sie höchstens. Die Bedingungen müssen günstig gestaltet werden. Was braucht die Blume? Dann wächst sie von selbst.

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