Diagnosen

"Wenn Sie mich fragen, ich hasse Diagnosen!" sagte mein Bezugstherapeut in der psychosomatischen Reha-Klinik, die ich wegen einer mittelgradigen Depression aufsuchte. Im Grunde genommen hat er Recht. Und doch helfen Diagnosen zu verstehen und einzuordnen. Vor allem aber sind sie wichtig, um die richtige Hilfe zu bekommen.

 

Deshalb ist es blöd, wenn man falsch eingeordnet, also fehldiagnostiziert, oder einem eine Diagnose gar nicht erteilt wird, weil man nicht alle Kriterien erfüllt. Das ist zum Beispiel der Grund dafür, warum in meiner Psycho-Akte nur "Verdacht auf Posttraumatische Belastungsstörung" steht. Es fehlen die Flashbacks und wahrscheinlich auch die Heftigkeit der Symptome. Trotzdem sage ich, dass ich Traumafolgestörungen habe. Die Depression ist für mich nur ein Symptom dieser Störung. Und ich habe mich tatsächlich nach einem Schlüsselerlebnis verändert. Aber erst 6 Monate später, was typisch für PTBS sein soll. Hinzu kommt die dauerhafte Traumatisierung durch emotionalen Missbrauch, die ich über meine Kindheit hinweg erlitten habe.

 

Weitere Diagnosen, die mir erteilt wurden, sind Neurasthenie (chronische Erschöpfung) und eine ungeklärte diffuse Angststörung. Ich selbst gehe bei Letzterem allerdings von einer Generalisierten Angststörung aus, welche meiner Meinung nach ebenfalls ein Symptom der Traumafolgestörung ist.

Depression

Bild: Pixabay
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September 2013

Ich sage nicht gerne, dass ich an Depressionen leide. Das hat sowas - Depressives. Ich sage lieber, dass ich mit Depressionen lebe. Sie sind da. Und das völlig berechtigt. Das finde ich nicht besonders toll, aber sie zu verdrängen oder gar zu bekämpfen, lassen sie nur noch fester zupacken. "Die Depression ist gleich einer Dame in Schwarz. Tritt sie auf, so weise sie nicht weg, sondern bitte sie als Gast zu Tisch und höre, was sie zu sagen hat.“ (Carl Gustav Jung) Depressionen haben einen Sinn. Und sie haben Ursachen. Denen auf den Grund zu gehen, ist ein langer und schmerzhafter aber auch befreiender Prozess.

Wenn ich es mir recht überlege, war ich schon als Jugendliche depressiv. Es hat nur keiner wirklich ernst genommen. Nach meiner Volljährigkeit durchlebte ich die erste akute Phase mit Suizidgedanken. Aber ich habe einfach immer weitergemacht. Dann kam der Einstieg ins berufliche Leben als Sozialarbeiterin. Meine bisherigen Probleme setzten sich an anderer Stelle fort. Zwischendurch gab es gute Zeiten. Ich lernte die Liebe meines Lebens kennen und heiratete. Ein Arbeitsplatzwechsel sollte die angespannte berufliche Situation verändern. Das ging für 2 Jahre gut. Dann bahnte sich über einen Zeitraum von 3 Jahren ein Erschöpfungssyndrom an. Die erste Diagnose lautete deshalb Burn Out. Hat grad sowieso jeder und klingt irgendwie cool. Mir erschien wieder mal alles sinnlos, besonders meine Arbeit. Nach 7 Monaten versuchte ich es erneut als Sozialarbeiterin woanders. Ich habe ganze 5 Wochen halbzeit durchgehalten. Mehr vom Selben hilft nunmal nicht. Paralleler Stress in der Freizeit gaben mir den Rest. Nun bin ich krankgeschrieben, war in einer Rehaklinik, folge einer ambulanten Therapie und übe mich nebenbei in Kontakt und anderen gruseligen Dingen wie z.B. den Haushalt nicht ganz so perfekt zu schmeißen.

Wenn ich dem Internet Glauben schenken will, müsste ich laut meiner Symptomatik eine chronische Depression (Dysthymie) haben. Meine Therapeutin ist der Meinung, dass ich an einer frühkindlichen Störung leide. "Also, wenn deine Eltern keine frühkindliche Störung waren, dann weiß ich auch nicht...!" Schön, dass meine Freundin mich so versteht! Ich bevorzuge allerdings den Ausdruck "frühkindliche Verletztung". Wer will schon gestört sein? Laut Klinikdiagnose bin ich aber weder Borderlinerin noch Narzisstin.

Als Sozialarbeiterin habe ich meine Familienrolle der Vermittlerin und Retterin professionalisiert. Ich denke immer, dass das alles ist, was ich kann. Auf meinen Arbeitsstellen wiederholte sich meine Familiensituation. Und ich war überall die Heldin. Jetzt bin ich ein müder Krieger.

 

Die Depression gehört laut ICD-10 zu den affektiven Störungen (F30 - 39) und wird dort in mehrere unterschiedliche Kategorien zur gezielteren Diagnose (oder Verwirrung?) unterteilt. In meinem Fall besteht eine rezidivierende (wiederkehrende) Depression, die unter F33 beschrieben wird. Oder doch eher Dhysthymie mit überlagerten depressiven Episoden...

Dhysthymia

28. Oktober 2013


Wie ich selber bereits vermutet hatte, bestätigte mein Psychodoc heute, dass bei mir eine Dysthymie vorliegt, also eine dauerhafte depressive Verstimmung leichten Grades.

In der Symptomaufzählung finde ich mich 1:1 wieder. Ich überlege nun schon die ganze Zeit, wann es denn jetzt genau bei mir angefangen hat. Das ist wirklich schwierig, wenn nicht sogar unmöglich, festzustellen. Ich erinnere mich jedenfalls, dass meine Mutter mich häufig mit meinem Gemütszustand aufzog. "Haste wieder de Melanche (=Melancholie)?" Gefolgt von der Aufforderung, ich solle doch mal lachen oder alles nicht so ernst nehmen. Seitdem halte ich meine Befindlichkeit für einen Mangel an bloßem Willen und demzufolge für meine eigene Schuld. So als könnte ich es mir aussuchen, wie ich mich fühle. Wahrscheinlich reagiere ich deshalb so empfindlich auf das Konzept des Positiven Denkens. Grundsätzlich ein guter Ansatz. Aber er hat seine Grenzen.

Ich halte es für möglich, dass ich seit 20 - 25 Jahren an diesen Symptomen leide. Meine Jugendzeit war definitiv depressiv geprägt mit Friedhofsbesuchen und mehr als traurigen Gedichten. Schlafstörungen habe ich schon seit meiner Geburt. Mit 20 erlebte ich die erste schwere Episode, was dann wohl unter doppelter Depression fällt. Da es niemand bemerkt oder ernst genommen hat und ich selbst meine Gefühlslage tatsächlich für einen Teil meiner Persönlichkeit hielt, wurde mir keine Hilfe zuteil.

Der ganze Mist hat sich nun also verschleppt wie eine nicht kurierte Grippe. Wahrscheinlich kann man in meinem Fall von einer Chronifizierung sprechen. Großartig! Aber besser spät als nie. Das würde zumindest erklären, warum das alles so lange dauert. Denn das halte ich wieder für mein eigenes Verschulden. Ich muss mich doch bloß dafür entscheiden, glücklich zu sein, und das Leben bejahen.

Diagnose hin oder her - wie schon erwähnt, löst das keine konkreten Probleme. Dennoch hilft es mir, mich besser zu verstehen und gewisse Symptome als eben solche zu erkennen, statt diese für schlechte Charaktereigenschaften zu halten, die ich ausmerzen muss. Katholische Altlasten.

Dhysthymie Symptome

Das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-IV) definiert die Dysthyme Störung (DSM-IV 300.4) als eine Erkrankung, bei der die Betroffenen über mindestens zwei Jahre (bei Kindern / Heranwachsenden mindestens ein Jahr) die meiste Zeit des Tages an mehr als der Hälfte aller Tage unter einer depressiven Verstimmung leiden.

Neben der depressiven Stimmungslage leiden die Betroffenen in dem selben Zeitraum unter mindestens zwei der folgenden Symptome:
  • Appetitminderung oder Appetitsteigerung;
  • Schlaflosigkeit oder übermäßigem Schlafbedürfnis;
  • Energieverlust oder Erschöpfung;
  • geringem Selbstwertgefühl;
  • schlechter Konzentrations- und Entscheidungsfähigkeit;
  • Gefühl der Hoffnungslosigkeit.
Es darf innerhalb des selben Zeitraumes kein durchgehendes Intervall für zwei Monate oder länger ohne die depressive Symptomatik bestanden haben.
Während der ersten beiden Jahre der dysthymen Störung darf zu keinem Zeitpunkt eine Episode einer Major Depression bestanden haben. Im späteren Verlauf können bei der dysthymen Störung so genannte überlagerte Episoden einer Major Depression auftreten, in diesem Fall wird die Diagnose Dysthyme Störung mit überlagerten Episoden einer Major Depression gestellt (double depression). Falls die Major Depression vor der Dysthymen Störung bestanden hat, so muss zwischen den beiden Erkrankungen ein depressionsfreies Intervall von mindestens zwei Jahren bestanden haben.
In der Vorgeschichte dürfen keine manischen, gemischten oder hypomanen Episode bestanden haben, auch die Kriterien einer Zyklothymen Störung (ähnlich einer bipolaren Störung, aber deutlich abgeschwächt) dürfen nicht erfüllt gewesen sein. Die Symptome dürfen nicht im Verlauf einer chronischen psychotischen Störung auftreten. Die Symptome dürfen nicht aufgrund der direkten körperlichen Wirkung einer Substanz (wie z.B. Medikamente oder Drogen) oder aufgrund eines körperlichen Krankheitsfaktors bestehen.
Die Symptome müssen bei den Betroffenen in klinisch bedeutsamer Weise Leiden oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen verursachen.
Im ICD-10 ist die Dhysthymie unter F34.1 bei den affektiven Störungen aufgeführt. Allerdings finde ich die Beschreibung des DSM-IV sehr viel aufschlussreicher.
Depressionen haben eine hohe Komorbidität, d.h. die Betroffenen leiden oft zusätzlich an anderen Erkrankungen. Darunter zählen Angststörungen, Posttraumatische Belastungsstörungen und Zwangsstörungen (außerdem Substanzmissbrauch).

Generalisierte Angststörung

Foto: Yvonne Reip
Foto: Yvonne Reip

07. September 2018

 

Die generalisierte Angststörung gehört zu den Neurotischen, Belastungs- und somatoformen Störungen und ist in der ICD-10 unter F41.1 beschrieben.

 

Symptome, die ich bei mir feststellen kann, sind latent permanente Sorgen alles mögliche betreffend sowie Grübelzwang, der auch bei Depressionen vorhanden ist, sich aber hier eben auf die Sorgen bezieht inklusive Katastrophenfantasien vom unter der Brücke enden oder plötzlich meinen Mann durch Unfalltod verlieren. Wenn meine Katze länger wegbleibt als üblich, laufe ich vermehrt zum Küchenfenster und zur Terrassentür, rufe sie und suche vom Fenster aus die Straße nach einer überfahrenen Katze ab. Andere finden dieses Verhalten übertrieben. Ich selbst ehrlich gesagt auch. Aber ich kann es nicht abstellen.

 

Neben Verlustangst habe ich hier in einigen Artikeln auch über meine Existenzängste geschrieben. Die Angst vor Armut und Mangelversorgung ist zwar schon besser geworden aber nicht ganz weg.

 

Das Ganze kann sich durchaus zu einer Panikattacke steigern, auch wenn das bei mir selten vorkommt. Dann aber mit Herzrasen, Übelkeit, Schwindel und flachem Atem plus Beklemmung in der Brust. Ich habe dabei aber keine Angst zu sterben, wie es wohl viele Betroffene erleben.

 

Angst vor Kontrollverlust kann ich auch bestätigen. Ich denke, dass hier dann auch einige Zwänge ansetzen. Irgendwie hängt das doch alles zusammen... Zwänge sind bei mir allerdings kein Thema. Zumindest noch nicht. Wer weiß, was nach erfolgreicher Abarbeitung als Nächstes auftaucht und mir bis dahin nicht bewusst war?

 

Menschenmengen sind mir eher unangenehm. Ebenso enge Räume oder versperrte Türen. Ich hätte hier nie von Angst gesprochen; wenn aber Schwitzen, Nervosität, Unruhe, Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen und Entspannungsprobleme die Symptome von Angst sind, dann habe ich in solchen Situationen wohl Angst. Fällt mir in letzter Zeit vermehrt beim Treffen von Menschen auf (auch beim Einkaufen), dass ich jedesmal schwitze. Selbst wenn ich mich auf das Treffen freue. Ich habe dabei aber nie Angst empfunden bzw. war mir das nicht präsent, dass ich unter Stress stehe. Tatsächlich habe ich auch Vermeidungstendenzen.

 

Konflikte, Streit und erhobene Stimmen lassen mich zusammenzucken und mitunter erstarren. Hier habe ich Angst vor Zerstörung meiner Person oder Existenz. Je nach Heftigkeit kann ich überraschend souverän damit umgehen. Manchmal liege ich danach heulend im Bett und beschließe, nie wieder aufzustehen. Dann muss es aber schon schlimm gewesen sein.

 

Bauchschmerzen, Muskelverspannungen und Spannungskopfschmerzen gehören ebenfalls zu den Angstsymptomen. Die können natürlich auch andere Ursachen haben. Nach mehrmaligen Abklärungsversuchen war bei mir jedoch nichts zu finden. Ich kann die nervöse Anspannung ja auch deutlich spüren. Wer Angst hat, zieht die Schultern hoch. Hallo, Verspannung!

 

Was mir die Angst nachhaltig genommen hat, ist das Reiten. Ich kann es einfach nicht mehr. Und es macht mir so auch keinen Spaß. Außerdem überträgt sich die Angst durch die automatisierte körperliche Anspannug auf das Pferd, wodurch dann genau das passiert, wovor ich Angst habe: mein Pferd explodiert und ich falle runter. Dabei war ich früher so sattelfest. Ich bin mir auch gar nicht so sicher, ob meine Angst mit einem Sturz zusammenhängt. Es scheint sich noch etwas anderes dahinter zu verbergen.

 

Ob ich es nochmal auf einem weniger sensiblen, gelasseneren Pferd probiere, weiß ich noch nicht. Solange genieße ich mit meiner Stute die freie Arbeit vom Boden aus. Und ich glaube, sie vermisst gar nichts.

Traumafolgestörung

Foto: Yvonne Reip
Foto: Yvonne Reip

08. September 2018

 

Beim Absatz "Generalisierte Angststörung" dachte ich bei manchen Sätzen: Nee, das gehört eher zu Traumafolgestörung. Es lässt sich eben nicht alles so eindeutig voneinander trennen. Alles gehört zur selben Psyche und ergibt in seiner Ganzheit erst die logische Schlussfolgerung auf analysierte Zusammenhänge. Die Vermeidungstendenz zum Beispiel gehört genauso zur PTBS. Aus dem Trauma-Blickwinkel betrachtet versteht man allerdings, dass Konfrontationstherapie, wie sie bei Angststörungen gerne angewand wird, keine gute Idee ist und zur Retraumatisierung führen kann.

 

Die PTBS, also Posttraumatische Belastungsstörung, gehört ebenfalls zu den neurotischen, Belastungs- und somatoformen Störungen und ist im ICD-10 unter F43.1 aufgeführt. Ich spreche für mich lieber von Traumafolgestörungen, weil meine Symptomatik nicht ganz in die Beschreibung von PTBS passt. Es wird in Typ I und Typ II unterschieden. Allerdings nicht im ICD-10, es sei denn, mit "Andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung" (F62.0 - psychische und Verhaltensstörungen) ist Typ II gemeint. Da werden als Auslöser jedoch wieder nur Erfahrungen von Krieg, Folter, Terrorismus, Katastrophen und KZ-Inhaftierung genannt. Kein Missbrauch während der Kindheit. Egal welcher Art. Oder fällt das unter Terrorismus?

 

Ich bin natürlich auch kein Psychiater und habe die Diagnostik nicht in ihrer Gänze durchdrungen. Mir scheint allerdings, dass selbst Fachleute sich zuweilen schwertun. Ich weiß nicht, wo ich nun genau anzusiedeln bin. Aber ich weiß, dass meine psychischen special Effects durch Traumata entstanden sind. Das wurde im Laufe meiner Therapie immer deutlicher. Und erst seit ich eine Traumatherapeutin aufsuche, geht es mir wirklich besser. Vorher hatte ich immer wieder das Gefühl, selbst Schuld und ein Versager zu sein.

 

Wenn ich mir jetzt aber die Kriterien unter Ergänzung von Wikipedia anschaue, frage ich mich dann doch, wieso mir noch keiner die Diagnose PTBS gestellt hat. Die mit Sicherheit zutreffenden Punkte stelle ich auf kursiv, in [Klammern] Bemerkungen dazu:

 

Für die Diagnose nach ICD-10 müssen folgende Kriterien erfüllt sein:

  • Der Betroffene war (kurz oder lang anhaltend) einem belastenden Ereignis von außergewöhnlicher Bedrohung oder mit katastrophalem Ausmaß ausgesetzt, das bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde.
  • Es müssen anhaltende Erinnerungen an das traumatische Erlebnis oder das wiederholte Erleben des Traumas in sich aufdrängenden Erinnerungen (Nachhallerinnerungen, Flashbacks [Hier bin ich mir noch nicht ganz sicher, was das konkret bedeutet, will sagen, wie sich das anfühlen soll. Aber es gibt wohl emotionale Flashbacks. Das würde zutreffen.] Träumen oder Albträumen) oder eine innere Bedrängnis in Situationen, die der Belastung ähneln oder damit in Zusammenhang stehen, vorhanden sein.
  • Der Betroffene vermeidet (tatsächlich oder möglichst) Umstände, die der Belastung ähneln.
  • Mindestens eines der folgenden Kriterien (1. oder 2.) ist erfüllt:
  1. eine teilweise oder vollständige Unfähigkeit, sich an einige wichtige Aspekte des belastenden Erlebnisses zu erinnern [mir fehlen große Teile der Erinnerung an meine Kindheit]; oder
  2. anhaltende Symptome einer erhöhten psychischen Sensitivität und Erregung, wobei mindestens zwei der folgenden Merkmale erfüllt sein müssen:
  • Ein- und Durchschlafstörungen [nicht mehr so extrem wie früher]
  • erhöhte Schreckhaftigkeit [geht besser, tritt phasenweise noch auf]
  • Hypervigilanz [erhöhte Wachsamkeit, ist deutlich zurückgegangen, kommt darauf an, wo ich bin]
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • Reizbarkeit und Wutausbrüche [sehr viel besser]
  • Die Symptome müssen innerhalb von sechs Monaten nach dem belastenden Ereignis (oder der Belastungsperiode) aufgetreten sein. [Ist jetzt schwer zu sagen. Es gab den emotionalen Missbrauch durch meine gesamte Kindheit, das pränatale Trauma und ein auslösendes Trauma oder Retraumatisierung mit nachfolgenden deutlichen Symptomen 2012 5-6 Monate später.]

Häufig sind zudem sozialer Rückzug, ein Gefühl von Betäubtsein und emotionaler Stumpfheit [nicht mehr], Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen [auch nicht mehr] sowie eine Beeinträchtigung der Stimmung.

Nimmt die Störung über viele Jahre einen chronischen Verlauf, ist eine Andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung (F62.0) zu diagnostizieren. [Aha, hatte ich also Recht.]

Quelle: Wikipedia

 

Im DSM-5 werden die Kriterien ausführlicher beschrieben und ergänzt durch zum Beispiel Traumatisierung als Augenzeuge, Veränderungen von Gedanken und Stimmung wie verzerrte negative Annahme von sich selbst und der Welt, Vorwürfe gegen sich oder andere, Gefühle von Distanziertheit und Entfremdung, selbstverletzendes Verhalten (eine mich betreffende Auswahl).

 

Teilnahmslosigkeit der Umgebung gegenüber und Freudlosigkeit habe ich immer der Depression zugeordnet. Diese und die Angst sowie Suizidgedanken werden hier tatsächlich als assoziierte Symptome genannt. Leider kommt man umgekehrt bei einer diagnostizierten Depression oder Angst nicht auf die Idee, nach ursächlichen Traumata zu forschen, bevor eine Behandlung startet. Dazu habe ich den Artikel Depression als Symptom von Traumafolgestörung geschrieben.

 

In der Differentialdiagnose werden affektive Störungen wie die Depression zumindest als "maßgeblich durch traumatische Belastungen mitbedingt" aufgeführt. Ansonsten gibt es abgesehen von der PTBS noch andere Traumafolgestörungen wie Anpassungsstörung, Dissoziative Störung, Borderline und die komplexe PTBS aka Typ II aka Andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung.

 

Was bedeutet Extrembelastung? PTBS haben längst nicht nur Soldaten. Trotzdem wird die Diagnose häufiger bei Erfahrungen körperlicher Gewalt und sexuellen Missbrauchs oder Vergewaltigung erteilt (wie im DSM-5 beschrieben) als bei unsichtbaren Verletzungen wie emotionaler Missbrauch und psychische Gewalt. Außerdem wird oft über die Schwere des Erlebnisses gestritten. Auch unter Betroffenen. Eine lebensbedrohliche Situation kann nur ein Ereignis sein, in dem eine reelle Gefahr zu sterben besteht. Zumindest aus der Sicht eines Erwachsenen. Aber wie empfindet ein Kind, wenn die Mutter ihm plötzlich die Liebe entzieht und es den ganzen Tag ignoriert? Wenn ein Baby schreien gelassen wird und weder Trost noch Sicherheit erfährt? Das sind ebenso lebensbedrohliche Situationen, weil ein Kind sich nicht selbst stabilisieren und halten kann. Es ist unbedingt abhängig von den Eltern und erfährt deshalb Überforderung und Ohnmacht. Es ist hilflos ausgeliefert und macht die Erfahrung, nichts ausrichten zu können. Flucht oder Angriff waren nicht möglich. Die Starre setzt ein - oft in Form von Resignation, auch erlernte Hilflosigkeit genannt, die bis ins Erwachsenenalter bestehen bleibt. Der Betroffene empfindet keine Selbstwirksamkeit und sieht sich immer als Opfer.

 

Die Heftigkeit der Symptome mag wohl auch ausschlaggebend für die Diagnose PTBS sein. Meist geht sie mit dissoziativen Störungen einher, welche bei mir fehlen. Ich habe auch keine deutlich erkennbaren Flashbacks oder jede Nacht Albträume. Zuhause bekomme ich meinen Alltag gut geregelt, solange ich eben nach meinem Rhythmus leben kann. Eine Arbeit im Angestelltenverhältnis aber würde zu viele Ängste befeuern und emotionale Flashbacks triggern. Zwischen den beiden Klinikaufenthalten habe ich das Haus fast nur mit Kapuze verlassen. Sogar beim Kleiderkaufen habe ich darauf geachtet, dass eine Kapuze vorhanden war. Wenn die Türklingel oder das Telefon ging, schreckte ich zusammen und bekam Herzklopfen und Hitzewallungen. Manchmal habe ich mich in meiner eigenen Wohnung versteckt, um nicht von draußen vom Überraschungsbesuch gesehen werden zu können. Ich hatte nahezu alle meine Interessen verloren. Albträume kamen gelegentlich mal mehr, mal weniger schlimm vor. Selbstverletzt habe ich mich schon als Kleinkind. Es war nie das klassische Ritzen. Ich habe keine sichtbaren Narben behalten. Aber Selbsthass kenne ich sehr gut. Und Suizidgedanken in Momenten, die mir völlig ausweglos erscheinen aufgrund der erlernten Hilflosigkeit. Die einzige Dissoziation, die vielleicht bei mir vorkommt, ist plötzliches Abdriften der Gedanken, was wie Konzentrationsschwäche aussieht. Aber es fühlt sich anders an. Wie Nebel oder Watte im Kopf. Bei Konzentrationsproblemen wuseln eher zu viele Gedanken durch mein Gehirn, und ich bin schneller von äußeren Reizen abgelenkt. Dieses Abdriften geschieht zum Beispiel genau jetzt, während ich über diese Themen schreibe, was es sehr anstrengend macht.

 

Eventuell ist die Diagnose Anpassungsstörung passender für mich außer, was die Dauer der Symptome betrifft. Im ICD-10 wird die Anpassungsstörung unter F43.2 beschrieben. Laut Wikipedia sind die möglichen Symptome folgende (Zutreffendes wieder kursiv, Bemerkungen in [Klammern]):

  • Gefühl von Bedrängnis
  • emotionale Beeinträchtigung
  • verändertes Sozialverhalten
  • Probleme mit Nähe/Distanz
  • evtl. sozialer Rückzug
  • Gefühle der Leere
  • Gedankenkreisen (Grübeln)
  • geistiges Verhaftetbleiben (Präokkupation)
  • gesteigerte Sorge
  • Freudlosigkeit
  • Trauer
  • Angst
  • depressive Verstimmung

Die Anzeichen sind unterschiedlich und umfassen depressive Stimmung, Angst oder Sorge (oder eine Mischung von diesen), ohne jedoch so markant zu sein, dass die speziellen Diagnosen gegeben werden können [Das wäre ja eher ein Ausschlusskriterium für meine Diagnose.]. Außerdem kann ein Gefühl bestehen, mit den alltäglichen Gegebenheiten nicht zurechtzukommen, diese nicht vorausplanen oder fortsetzen zu können. Störungen des Sozialverhaltens können insbesondere bei Jugendlichen ein zusätzliches Problem sein.

 

In der Differentialdiagnose besteht eine Ähnlichkeit mit Borderline, Bindungsstörung, Asperger-Syndrom, Autismus und der schizoiden Persönlichkeitsstörung.

 

 

Oder es ist eben diese komplexe PTBS, bei der tatsächlich zumindest emotionale Vernachlässigung im Kindesalter (eine von 16 Formen des emotionalen Missbrauchs) als eine der Ursachen angegeben wird. Aber wie der Name schon sagt, ist dieses Krankheitsbild sehr komplex. Um hier nicht den Rahmen zu sprengen, verweise ich auf den Artikel dazu auf Wikipedia. Und das ist sicher nur die Kurzform. So ganz kann ich mich mit dieser Diagnose aber auch nicht identifizieren. Es fehlt, wie gesagt, die Heftigkeit der Symptome.

 

Welche Traumafolgestörung es nun auch sein mag, es trifft von allem mehr oder weniger einiges zu. Es ist wirklich schwierig, die richtige Auswahl zu treffen, und ich verstehe, warum viele Fachleute damit so zurückhaltend sind. Aber ohne die passende Diagnose bekommt man auch nicht die passende Hilfe. Es sei denn, man zahlt selbst.