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Diagnose egal?

Bild: Pixabay
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In den letzten Jahren bin ich immer wieder Fachleuten begegnet, die Diagnostik nicht so wichtig fanden. "Wenn Sie mich fragen: Ich hasse Diagnosen!" sagte mein Klinikpsychologe. Denn mit mir sei  es wohl nicht so einfach, und außerdem fände er sich selbst ein Stück weit in jeder Diagnose wieder. Er wollte wohl damit sagen, dass man nicht alles pathologisieren müsse. Und da hat er schon auch Recht. Irgendwie.

 

"Wissen Sie, Frau Reip, wir arbeiten hier nicht mit Diagnosen sondern mit Menschen", sagte die Sozialarbeiterin freundlich und wohlwollend lächelnd zu mir, als ich sie für Hilfe zur beruflichen Wiedereingliederung aufsuchte. Und das war sehr nett gemeint. Sie wollte mich nicht auf meine Diagnose reduzieren. Trotzdem spürte ich innerlich eine gewisse Hilflosigkeit und lächelte matt zurück.

 

Ich bin nun seit 8 Jahren in diversen therapeutischen Behandlungen. Die offizielle Diagnostik obliegt einem Facharzt in Psychiatrie. Dieser (wirklich sehr nette) Mann kennt mich kaum. Denn wir sprechen alle 6 Monate für 10 Minuten miteinander. Auf dieser Grundlage sind nun bisher folgende Diagnosen entstanden: Dhysthymie, ungeklärte diffuse Angststörung, Neurasthenie und Verdacht auf PTBS. Für die Krankenkasse bzw. das Gesundheitssystem lautet meine Diagnose "Depression". Und nur darauf wurde ich bisher behandelt. Das ist auch nicht ganz falsch. Aber es ist eben auch nicht ganz richtig. Nicht vollständig. Ich habe häufig geäußert, dass ich das Gefühl habe, dass an mir vorbei therapiert wird. Dass Reden allein nicht hilft, weil ich kognitiv sehr stark bin und dadurch immer stabil wirke. So komme ich aber nicht ins Fühlen und die Abspaltung verhärtet sich. Die Symptome werden nicht besser. Ich verstehe viele Dinge mehr und kann Zusammenhänge erkennen. Ich liebe das Analysieren und könnte das stundenlang betreiben. Finden Gesprächstherapeuten toll. Sie haben ihre wahre Freude mit mir. Bis die Grenze erreicht ist und Verzweiflung an die Tür klopft, weil sich trotzdem nichts lösen will. Dann kommen die hilflosen Ratschläge.

 

Dieses Jahr war für mich äußerst hart mit vielen Tiefschlägen und Triggern. Mittlerweile hat mich die Kraft verlassen. Als dann noch die Mail von meiner Krankenkasse mit einem Gesprächstermin zwecks Überprüfung meiner Krankheitsakte reinflatterte, brach ich endgültig zusammen. Schluss. Aus. Ende. Die Nerven wund, das Hirn im Nebel. Angststarre, Schreckhaftigkeit, Verspannungsschmerzen, Herzrasen, Hitzewallungen. Immerhin habe ich es geschafft, meine Psychologin mitten in der Krise anzurufen und mir einen Notfalltermin zu organisieren. Wir sprachen über meine früheste Kindheit. Sie schrieb mir einen Bericht für die Vertrauensärztin. "Alles deutet auf eine posttraumatische Belastungsstörung hin." Halleluja! Endlich wird es mal deutlich ausgesprochen!

 

All die Jahre sprach ich dieses Thema immer wieder bei Therapeuten an. Und fühlte mich weder gehört noch ernstgenommen. Natürlich nahm ich mich selbst auch nicht ganz ernst. "Du bist schon eine Dramaqueen! Hauptsache irgendwas mit Trauma!" Ach, was liebe ich meinen inneren Richter! Und ja, es mag nicht die klassische, allseits bekannte, typische PTBS sein. Aber warum greift der ganze Mist denn nicht? Weil bei Traumafolgestörung reden nicht hilft? Weil die Ursachen aus einer Zeit stammen, in der ich noch nicht sprechen konnte?

 

Warum sind Diagnosen im psychischen Bereich scheinbar so unwichtig? Oder erlebe nur ich das so? Sicher ist die Diagnostik nicht einfach. Aber es ist eben nicht egal, ob ich auf Angst oder Depression behandelt werde. Was nutzt mir in der Reha-Klinik ein psycho-edukativer Vortrag über Antidepressiva, wenn mir Übungen zur Nähe-Distanzthematik aufgrund eines Bindungstraumas viel mehr helfen würden? Natürlich überschneiden sich Beschwerden auch oft, so dass es zu mehreren Diagnosen kommt. Ich habe immer wieder gesagt, dass ich glaube, dass all meinen Problemen eine Traumatisierung zugrunde liegt. Aber ich habe keine Traumatherapie erhalten. Die eine Traumatherapeutin, bei der ich ungefähr 2 Jahre in Behandlung war und von der ich mich endlich mal verstanden fühlte, beschränkte sich auf eine Methode, deren Namen ich vergessen habe und mit der ich nicht so gut zurechtkam. Es war jedenfalls nicht die Traumatherapiemethode, für die ich sie ausgewählt hatte.

 

Im physischen Bereich wird auch manchmal oder vielleicht sogar öfter auf ungefähr behandelt. Aber ich glaube, nicht so oft wie im psychischen Bereich. Da ist es doch auch wichtig, Krebs von Diabetes zu unterscheiden. Aber was erzähle ich? Mit 18 Jahren wurde ich mit Blutverdünnern wegen angeblicher Lungenembolie behandelt. Dabei litt ich an allergischem Asthma. Kannste dir nicht ausdenken. Und da wundern sich die Herrschaften in weiß, dass ich ihnen nicht mehr ganz so viel Vertrauen entgegen bringe. Auch das gehört übrigens zu meinem frühkindlichen Trauma und wird mir immer wieder bestätigt: Ich kann mich nicht auf Autoritätspersonen verlassen und helfe mir lieber selbst. Denn entweder bekomme ich gar keine Hilfe oder die falsche.

 

Und die Sozialarbeiterin, von der ich mir eine berufliche Wiedereingliederung erhoffte? So human ich ihren Ansatz auch finde, die Diagnose ist trotzdem wichtig. Weil ich mit Depressionen andere Unterstützung brauche als mit einer Angststörung oder PTBS. Die Sache ist komplex und erfordert differenziertes Denken auf verschiedenen Ebenen. Erkenne die richtige Diagnose und erstelle daraufhin den Hilfeplan, aber übersehe nicht den Menschen in seiner Ganzheit.

 

Kaum ein Mensch lässt sich in das enge Korsett des ICD-10 zwängen. Manche Symptome sind eindeutig, andere weisen auf mehrere Diagnosen hin. Komorbidität ist keine Seltenheit. Ich bleibe bei meiner Meinung, dass viel mehr Menschen an unentdeckten Traumata leiden, als man allgemein vermutet. Oft wissen die Betroffenen es nicht einmal selbst oder wollen es nicht wahrhaben. "Sind denn jetzt alle traumatisiert, oder was?" Nein, das sicher nicht. Aber mehr, als wir denken. Weil Trauma nicht immer mit brachialen Flashbacks und dissoziativen Zuständen daher kommt. Manches mal habe ich unter Patienten einen regelrechten Wettkampf erlebt, wer am meisten dissoziiert und wer schlimmer oder wirklich traumatisiert ist. Ich wurde selbst bereits angegriffen wegen meiner Aussage, dass emotionaler Missbrauch genauso schlimm sei wie jeder andere Missbrauch. Warum ist das so? Weil jeder Angst hat, dass man ihm nicht glaubt. Dass er nicht ernstgenommen wird mit seiner Not und seiner Verzweiflung. Denn genau das haben wir als Opfer erfahren. Und deshalb ist das so ein großer Trigger. Aber Leid lässt sich nicht vergleichen, nur weil die eine Verletzung sichtbar ist und die andere nicht. Es mag Unterschiede in der Intensität der Symptome geben. Und doch leiden alle. Leid ist sehr subjektiv. Das macht es so schwer, es jemandem zu erklären. Insbesondere, wenn einem die passenden Wörter dazu fehlen.

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Kommentare: 3
  • #1

    Aurelia (Mittwoch, 25 November 2020 15:14)

    Gut geschrieben!
    Ich bin froh, daß ich die Diagnose BPS mit Depression und Angststörung und Trauma gleich zu Beginn der Therapie bekommen habe von meiner Therapeutin. Wir haben gemeinsam besprochen ob ich mich dort wieder finde, besonders in der BPS, denn für sie war offensichtlich das es nicht nur Depression oder Angststörung ist. Es ist viel komplexer und bedarf dementsprechend auch vieler Ansätze in der Therapie. Wir sind so, je nach meinem Gefühlszustand, in den Therapiestunden immer auf das eingegangen was am akutesten war und wenn es ein stabiler Tag war, haben wir die innere Kind Arbeit gemacht. Die bei mir sehr viel bewegt hat, auch was die Traumaauslöser angeht.
    Ich wünschte es würde bei jedem so individuell eingegangen werden auf die ganzen Probleme die man so mitbringt. Und das eben nicht nur Depression gesagt wird, Schema F dafür durchgekaut wird und man dann doch wieder mit dem Problemrucksack allein da steht. Verzweifelt weil man denkt, ok du stellst dich vielleicht doch nur an.

    Hab noch einen schönen Tag
    liebe Grüße
    Aurelia

  • #2

    Sofasophia (Mittwoch, 25 November 2020 17:04)

    Wie sehr du mir hiermit aus dem Herzen sprichst.

    (Nach vielenvielen Jahren Depression begreife ich erst jetzt umfassend, dass nicht die Depression am Anfang war, sondern das Trauma (emotionaler Missbrauch), das dann ein perfekter Nährboden für all die Folgestörungen und das Depressivsein wurde Und zu weiteren Traumata führte.)

    Ich hoffe, dass du beim Versicherungsgespräch ernstgenommen und gesehen wirst.
    Alles Gute dafür.

  • #3

    McSam (Montag, 11 Januar 2021 08:48)

    ....du sprichst mir so sehr aus der Seele...genau an dem Punkt (wenn reden alleine nicht hilft, auch/gerade weil ich das sehr gut kann, aber es berührt nicht die "Staates" in denen Gefühle auf oder ich Einbrecher) bin ich gerade auch und mache mich jetzt auf die Suche nach einer Traumatherapie....