· 

Der Wert der Dinge

Foto: Yvonne Reip
Foto: Yvonne Reip

"10,99€ für 148 Seiten? Geht gar nicht!" schrieb jemand auf Twitter über mein Buch. Natürlich hätte ich es auch billiger machen können. Dann wäre für mich aber kaum bis nichts mehr übrig geblieben. Das soll hier keine Rechtfertigung werden. Der Tweet ist nämlich schon ne ganze Weile her. Mir wurde nur durch andere Menschen und diverse Posts, Stories und Gespräche noch einmal das Thema "Wert" vor Augen geführt. Dennoch möchte ich zunächst die Preiszusammensetzung meines Buches transparent machen.

Die Druckkosten belaufen sich auf 4,85€. Bei Epubli bestellt kaum jemand, weil man dort noch zusätzlich 3€ Versand bezahlen muss. Das heißt, mir bleiben von den knapp 11€ gerade mal 2,42€ übrig in 99% der Verkäufe. Man kann sich nun die Frage stellen, ob Epubli vielleicht zu hohe Preise verlangt. Aber ich habe im Vorfeld mehrere Anbieter verglichen. Das kommt überall aufs Gleiche heraus. Da ich als Selfpublisher mit Print on Demand kein Risiko eingehe, weil ich nicht in Vorleistung gehen muss, finde ich das in Ordnung so. Wenn ich eigene Exemplare bestelle, brauche ich natürlich nur die Druckkosten zu bezahlen. Allerdings kostet mich der Versand nach Belgien 7,95€. Ich habe versucht, die Bestellung an eine deutsche Adresse verschicken zu lassen, aber irgendwie ist die Bestellung geplatzt. Wenn ich den Vertrieb selbst in die Hand nehme, verdiene ich pro Buch 6,14€. Durch die hohen Versandkosten ist das erste Buch allerdings verschenkt.

 

Beim Ebook sieht die Sache etwas anders aus. Damit scheine ich deutlich mehr zu verdienen.

Liest man das Kleingedruckte, dünkt einem schon, dass es zu Schwankungen kommen wird. Was dort nicht steht, ist, dass 30% Kommissionsgebühr vom Verdienst abgezogen werden. Auf der Abrechnung sieht das dann am Ende so aus:

Wieso ich einmal 3,10€ bekomme und einmal 0,04€, ist mir schleierhaft. Am Ende gleicht es sich irgendwie aus.

 

Warum zeige ich euch das? Denn ganz ehrlich? Das sind nur Zahlen. Ich "verdiene" im Schnitt 20€ monatlich mit meinem Buch. Mal mehr, mal weniger. Das ist ein putziges Taschengeld, über das ich mich aber jedesmal freue wie ein kleines Kind. Weil es für mich kein besseres Gefühl gibt, als für etwas Selbstgeschaffenes Geld in die Hand gedrückt zu bekommen - oder aufs Konto überwiesen. Ich möchte lediglich verdeutlichen, was ein Selfpublisher-Buch so kostet und wie Preise zustandekommen. Denn diese Frage stelle ich mir beim Einkaufen oder Bestellen ja auch ganz oft.

 

Sparen ist ne feine Sache. Besonders wenn man nicht viel Geld hat. Auch ich versuche, möglichst wenig auszugeben, greife im Sale zu oder mache Sammelbestellungen. Und oft denke ich "zu teuer". Seit ich mein Buch veröffentlicht habe, denke ich anders. Erst recht, seit ich mir Gedanken um Ökobilanz, Fairtrade und Konsum mache. Ich weiß, dass die Siegel nicht alles halten, was sie versprechen und dass nicht alles bio ist, obwohl es fett draufsteht. Als Endverbraucher tappt man immer im Dunkeln und kann nur hoffen und glauben. Je mehr ich mich damit auseinandersetze, was man noch guten Gewissens konsumieren kann - der Umwelt, meiner Gesundheit und meinem Geldbeutel gegenüber - desto ratloser werde ich. Auch hier gibt es keine endgültige Wahrheit. Die Menschen wünschen sich mehr Transparenz betreffend Produktion, Herkunft, Vertrieb und Arbeitsbedingungen vor Ort. Es ist gut, dass ein allgemeines Umdenken stattfindet. Und doch gibt es immer noch zu wenig Klarheit bis auf ein paar kleine Lichtblicke.

 

"Der Mensch kennt nur noch den Preis aber nicht mehr den Wert." Keine Ahnung, von wem dieses Zitat stammt. Aber es ist in der Tat so, dass der Mensch den Wert am Preis festmacht und umgekehrt. Was teuer ist, muss nicht unbedingt gut sein, allerdings deuten Billigstpreise doch eher auf minderwertige Qualität und ordentliche Abstriche in der gesamten Abwicklung hin. Irgend etwas oder jemand wird dabei auf der Strecke bleiben. Und es sind nicht die großen Konzerne.

 

Es ist wirklich schwer, Wert und Preis voneinander zu trennen. Was bin ich wert, wenn ich aufgrund meiner Arbeitsunfähigkeit nicht viel Geld auf dem Konto habe? Was war ich als Sozialarbeiterin dem Staat wert? Welchen Wert messe ich meinem Werk bei? Ich soll mich nicht unter Wert verkaufen, will aber auch niemanden abzocken. Ich wundere mich schon manchmal über die Preisliste mancher Selbständigen. Egal welchen Bereichs. Zur Zeit bin ich damit beschäftigt, für meinen Mann eine Webseite zu erstellen, da er sich im September nebenberuflich selbständig machen wird. Zu diesem Zweck haben wir Preise von ähnlichen Angeboten verglichen und sind teilweise vom Stuhl gefallen. Was die eigene Arbeit einem Wert ist und was andere bereit sind, dafür zu bezahlen, wird wohl immer ein Streitpunkt bleiben.

 

Mein Buch war eine Herzensangelegenheit, für die ich gebrannt habe. Ich habe aus der Seele geschrieben und dabei gelitten. Es ist ja kein rein sachliches Thema sondern ein sehr aufwühlendes. Ich musste während des Schreibprozesses gut auf mich achten. In den letzten 11 Monaten habe ich nun ungefähr 120 Bücher verkauft und viele positive bis begeisterte Rückmeldungen bekommen. Für 10,99€. Ich finde, das ist mal gar nicht zuviel verlangt. Denn mein Buch hilft Menschen. DAS ist der Wert, den es ausmacht, nicht die Anzahl der Seiten. Ebenso wie die tollen Rückmeldungen, die mich mehr erfreuen als das bisschen Geld, das ich am Ende ausbezahlt bekomme. Denn mir war von Anfang klar, dass ich davon nicht leben können würde. Verschenken wollte ich es aber auch nicht. Das wäre wieder typisch für meine Selbstwertstörung gewesen. Und glaubt mir, es war nicht leicht füt mich, Geld für meine Arbeit zu verlangen! Ja, ein Buch schreiben, formatieren, gestalten und veröffentlichen plus Werbung dafür machen, IST Arbeit!

 

Der Mensch muss von etwas leben und möchte sich einen angenehmen Standard leisten können. Da spielt Geld natürlich schon eine große Rolle. Materielle Dinge sind wichtig, weil wir in einer materiellen Welt leben und unser Körper auch Materie ist. Ich für meinen Teil möchte mich nicht darüber definieren und mich allzu sehr daran hängen, aber auch ich gönne mir gerne etwas, wenn der Kontostand es zulässt. Angesichts meiner Existenzängste und meiner Selbstwertstörung war es für mich sehr heilsam, umzudenken und den Wert meiner Person nicht an meinem finanziellen Status festzumachen. Als ich mehr Geld hatte, habe ich meine innere Leere sehr oft mit Kram gefüllt. Frustshopping. Es half nicht - überraschenderweise. Durch die Arbeitsunfähigkeit war ich dazu gezwungen, mit weniger Geld auszukommen und meinen Wert anders zu konstruieren. Das war für eine ganze Weile sehr schlimm für mich. Inzwischen hat sich das verändert, und ich bin fast froh darüber, dass es so kam. Näheres dazu in diesem Artikel. Trotzdem wünsche ich mir manchmal mehr Geld. Nicht das Geld macht glücklich, aber die Wünsche, die man sich damit erfüllen kann. Aber eben auch nicht nur. Wert ist etwas anderes, das jeder für sich selbst definieren muss / darf. Ich kenne einige Menschen, die wirklich viel besitzen und nicht aufs Geld achten müssen, aber sich dennoch beschweren, sie hätten nicht genug. Wann ist Besitz ausreichend für die eigene Zufriedenheit? Sind eine chronische Unzufriedenheit und Mangeldenken nicht ganz anderen Ursprungs?

 

Falls ihr jedoch mal wieder denkt, dass etwas zu teuer ist, oder ihr euch fragt, wie es zu einem Preis kommt, hinterfragt lieber den Werdegang eines Produkts oder einer Leistung, statt gleich "Wucher" zu brüllen. Wir wissen meistens gar nicht, wieviel Arbeit und Kosten in und hinter den Dingen stecken. Und fragt euch, warum ihr für manche Dinge, ohne zu zögern, tief in die Tasche greift, während ihr bei anderen zurückhaltend reagiert. Denn da verbirgt sich der Wert, den ihr den Dingen beimesst und der einem Preis in euren Augen Berechtigung gibt oder nicht. Die wichtigste Frage ist wohl, was wir uns selbst wert sind und wie groß unsere Bereitschaft ist, für diesen Wert einzustehen. Uns und anderen gegenüber. Allein und gemeinsam.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0