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Der Unterschied zwischen Aufgeben und Loslassen und was ich mir für mein Leben wünsche

Mein Vorsatz, jeden Montag einen Artikel zu veröffentlichen, hat ja super geklappt! Früher hätte ich mich deswegen gehasst. Heute sage ich mir: Ok, dann war dieser Vorsatz wohl für die Tonne. Oder eben nur für einen gewissen Zeitabschnitt gültig. Das Leben ist Veränderung. Und so sehr mir Beständigkeit und Zuverlässigkeit auch wichtig sind, habe ich endlich gelernt, diese Veränderung zuzulassen und nicht mehr zu bekämpfen. Ich geißele mich nicht mehr dafür, meine starren, schnurgeraden und ach so gewollten Vorhaben nicht einzuhalten. Und das ist kein Aufgeben. Das ist Loslassen.

 

"Sie müssen lernen, loszulassen!" Standardsatz in meinen Therapiestunden. Zum aus der Haut fahren! "Hör auf zu kämpfen!" riet mir mein Mann. "Aufgeben? Niemals!" meine kriegerische Antwort darauf. Ich verstand den Unterschied einfach nicht. Ich weiß nicht, ob das etwas mit dem Alter zu tun hat. Wenn man jung ist, will man mit dem Kopf durch die Wand. Und vielleicht muss das so. Vielleicht sollte man jungen Leuten nicht sagen, dass sie damit aufhören sollen. Das gehört zum Entwicklungsprozess des Lebens. Mit 40 stehe ich angeblich in der Blüte meines Lebens. Laut Frauenmagazinen verwelke ich schon seit mindestens 15 Jahren. Egal. Ich bin noch nicht alt. Aber ich bin auch nicht mehr ganz jung. Und irgendwie kapiere ich das langsam mit dem Loslassen. Dafür ist jetzt nichts Einschneidendes passiert, oder so. Gar nicht. Das war ein schleichender Prozess. Und plötzlich wurde es mir bewusst. So ganz subtil im tiefen Inneren. Ähnlich wie bei unserem Pony Salitos mache ich nicht großartig etwas anders. Meine innere Haltung hat sich verändert. Das sieht man im Außen kaum. Aber im Inneren hat sich etwas entspannt. Zumindest in machen Bereichen. Das ist noch ganz neu und ein bisschen wackelig auf den Beinen. Deshalb muss ich das gut schützen.

 

Loslassen bedeutet für mich, etwas gehen zu lassen, ihm den Rücken zu kehren und mich etwas anderem zuzuwenden. Etwas bekämpfen wie zum Beispiel die Depression bedeutet, sich pausenlos mit ihr zu beschäftigen. Aber im negativen Sinne. Auch wenn man versucht, genau das Gegenteil zu machen, so steht dies ja immer noch in Relation zum bekämpften Gegner. Und wenn einen die Kräfte verlassen, gewinnt dieser wieder die Oberhand im Kampf. Aufgeben bedeutet in meinen Augen, resignieren und gar nichts mehr machen. Das wäre dann Depression par excellence. Die bleibt dann auch weiterhin anwesend und bestimmt den Alltag. Man beschäftigt sich nicht großartig damit, lässt es aber geschehen und starrt sich gegenseitig in die Augen. Aufgeben ist passiv. Loslassen tatsächlich nicht. Es ist eine Bewegung. Man öffnet die Hand, lässt sich fallen... und stellt fest, dass es noch so viele andere Dinge gibt im Leben. Man prallt gar nicht mit voller Wucht auf den Boden auf und bricht sich dabei sämtliche Knochen. Und trotzdem kostet es Überwindung. Weil man eben nicht weiß, was einen erwartet. Weil man erstmal verloren im Raum umherschwebt. In einem schwerelosen Vakuum. Das fühlt sich dann wie Aufgeben an und wie Depression. Und manchmal auch ein bisschen wie Sterben. Ich las auf Instagram den wunderschönen Spruch: "If you feel burried - maybe you have been planted. Now grow!" Sterben und Geboren werden sind wohl das Gleiche. Der einzige Unterschied ist die Welt, in die man eintritt.

 

Wo hört Loslassen auf, und wo fängt Nachlässigkeit an? Das kann wohl nur jeder für sich selbst beantworten. Wenn mir ein Vorhaben nicht gelingt, frage ich mich, woran das liegt. Fehlt mir etwas, um es umsetzen zu können? Passt das Vorhaben vielleicht gar nicht zu mir? Habe ich mich in der Zwischenzeit verändert? Kam diese Idee aus dem Kopf oder dem Herzen? Denke ich, dass andere das von mir erwarten? Geht es mir also um Gesellschaftskonformität? Weil ich (immer noch) den Druck verspüre, dazugehören und mich anpassen zu müssen? Hat mir jemand gesagt, dass ich das so machen muss, um erfolgreich zu sein? Weil es bei ihm so geklappt hat? Oder bin ich tatsächlich einfach nur faul? Funkt mir der innere Richter dazwischen mit seinen sabotierenden Glaubenssätzen? Habe ich Angst vorm Scheitern? Vor Erfolg? Es gibt so viele Gründe. Und ich glaube, Faulheit ist es ganz selten.

 

Schon bei meinem Buch habe ich gemerkt, dass mich einige Themen innerlich sehr mitnehmen, wenn ich darüber schreibe. Ich erlebe Situationen wieder. Emotional. Das ist anstrengend und tut manchmal gar nicht gut. Es ist also nicht die klassische Prokrastination, die einen Artikel nicht fertig werden lässt. Es ist Selbstschutz. Als ich im Herbst 2013 diesen Blog auf Blogspot eröffnete, lag mir noch einiges auf der Seele, was erstmal raus musste. Ich hatte viel zu sagen. Und es ist nicht so, als wäre das jetzt weniger geworden. Aber der Drang dazu hat deutlich nachgelassen. Und ich spüre häufiger den Wunsch, mich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Mit positiven Dingen. Kreativ sein zum Beispiel. Wie sowas hier:



Nennt sich Mikromakramee und ist eine richtige Sucht. Mein Mann fragt mich schon, für wen ich das alles mache. Und ich überlege tatsächlich, dass es schön wäre, das für andere zu machen. Viele würden jetzt gleich losstürmen und sich hineinstürzen. Ich bin darin eher bedächtig wie eine Schildkröte. Und das darf auch sein. Schnellschüsse tun mir nicht gut. Habe ich auch schon ausprobiert.

 

Alles hat seine Zeit. Jeder hat sein Tempo und seinen Rhythmus. Der Kompass ist das Herz oder die innere Stimme. Das klingt so kitschig, ist aber so enorm wichtig. Diese eine Frage, die mir eine Kliniktherapeutin stellte: "Was willst du für dich und dein Leben?" Und dann ganz still werden, sämtliche Stimmen im Kopf auf lautlos schalten und lauschen. Das erfordert ein wenig Übung. Es passiert mir immer noch, dass ich meinen inneren Antreiber mit meiner inneren Stimme verwechsle. Es hilft, dabei auf meine Gefühle zu achten. Wann flammt Freude auf? Da ist der Weg! Nicht, wo die Angst ist. Die ist auch da. Das stimmt schon. Aber Freude ist der bessere Wegweiser. Weil sie der Angst die Kraft nimmt. Mut braucht man trotzdem. Und wenn man es noch nicht schafft mit dem Loslassen, ist die Zeit dafür eben noch nicht reif. Und das ist ok! Da das Leben eine Spirale ist und keine gerade Linie, werden wir immer wieder an den Punkt kommen, irgend etwas loslassen zu müssen. Und es wird immer wieder ein Prozess sein, der bei dem einen länger dauert als beim anderen. Ich hoffe allerdings, dass es mit jedem Mal leichter wird.

 

Bedeutet das nun, dass ich meinen Blog aufgebe, äh, loslasse? Auf keinen Fall! Aber ich werde mich nicht dazu zwingen, jede Woche über psychische Krankheiten zu schreiben, wenn ich spüre, dass mich das runterzieht oder zu sehr aufwühlt. Ich will nicht die ewige Depri-Tante sein. Das Interesse an diesen Themen wird mich immer begleiten. Aber es darf auch in den Hintergrund rücken, von wo aus ich darauf zurückgreifen kann, wenn es nötig oder angebracht ist. Ansonsten wünsche ich mir für mich und mein Leben, selbstbestimmt leben zu können und es zu schaffen, innerhalb des Systems aus dem System auszusteigen. Das heißt, meinen eigenen Weg zu finden, mich finanziell zu versorgen, ohne mich in die allgemeinen Strukturen hineinquetschen zu müssen, die mich krank gemacht haben. Komplett aus dem System aussteigen sehe ich für mich nicht. Aber wenn ich sage, dass ich aufgrund meiner Depression nicht mehr so arbeiten können werde wie früher, ist das kein Aufgeben in seiner negativen Bedeutung. Es ist die Erkenntnis, dass mir das nicht gut tut und ich einen anderen Weg finden will, der meiner Natur entspricht. Würde ich das nicht tun und mich weiter dazu zwingen, weil es halt sein muss, würde ich die Depression niemals los.

 

Ein Artikel über die bestehenden Strukturen in Schule und Arbeitswelt, was das mit mir gemacht hat und wie ich darüber denke, ist schon länger in Planung. Aber meine Seele prokrastiniert das gerade aus Selbstschutz. Und da eben erst neues Makrameegarn angekommen ist, habe ich anderes im Sinn.

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Kommentare: 2
  • #1

    Daniela (Mittwoch, 15 Mai 2019 14:30)

    Danke!

  • #2

    Merle Wolter (Dienstag, 28 Mai 2019 15:22)

    Liebe Yvonne!

    Damit hast Du genau die richtige Entscheidung getroffen - FÜR DICH!