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Der ist es doch gar nicht wert!

Wenn man verlassen wurde und sich deswegen die Augen aus dem Kopf weint, hört man oft den Satz: "Das ist der / die doch gar nicht wert!" Dieser Satz soll trösten und aufmuntern, den anderen ab- und einen selbst aufwerten. Aber was soll daran tröstend sein? Und was macht das mit mir?

 

Ich weine, weil ich Trauer und Schmerz empfinde. Weil ich von einem geliebten Menschen verlassen wurde. Weil eine langjährige Beziehung vorbei ist. Und das soll nun plötzlich alles nichts mehr wert sein? Egal, was passiert und wie es zu Ende gegangen ist - all die Jahre davor und auch der Mensch haben mir etwas bedeutet. Das ist jetzt nicht einfach so weg. Auch nicht, wenn ich wütend und verletzt bin. Wenn etwas zu Ende geht, ist das ein Tod. Und der will betrauert werden. Da geht es doch gar nicht darum, ob der andere das wert ist oder nicht. Diese Frage stellt sich mir gar nicht. ICH bin es mir wert, meine Gefühle zuzulassen und zu durchleben. Alles andere wäre völlig ungesund. Dieser Satz sagt wieder mal nur eins: Es ist falsch, was du fühlst! Und: Du bist schwach, wenn das zulässt!

 

Trauer, Schmerz, Wut, Ärger. Diese Gefühle werden gern als negativ bezeichnet. Sie sind unangenehm und tun weh. Der Mensch will Schmerz meiden. Das ist nur natürlich und oft auch sinnvoll. Aber wenn wir heil - also ganz - sein wollen, müssen wir auch die schmerzenden Gefühle bewusst erleben. Denn sie gehen leider nicht wirklich weg, wenn man sie ignoriert und sich von ihnen ablenkt. Sie tauchen lediglich ab ins Unterbewusstsein und senden von dort aus Störsignale in Form von psychosomatischen Beschwerden oder Kontaktstörungen. Kontakt zu anderen, die ich vielleicht nicht mehr so nah an mich ran lassen will. Vor allem aber Kontakt zu mir selbst. Wenn ich den schmerzenden Teil von mir abspalte, erlebe ich die nächste Trennung. Ich verlasse mich selbst. Mein inneres Kind erlebt eine Wiederholung, denn es wird wie früher mit seinem Schmerz im Stich gelassen. "Ist doch alles nicht so schlimm! Kein Grund zu weinen!" Doch! Es ist schlimm, und ich habe allen Grund dazu! Und - tadaaa - es geht dabei gar nicht um den anderen. Es geht um mich. Außerdem zeugt es von emotionaler Unreife, jemanden abwerten zu müssen, um sich besser zu fühlen. Ja, ich bin davon auch nicht frei. Aber immerhin bin ich mir dessen bewusst und arbeite daran. Denn solange ich jemand anderen abwerte, bin ich nicht bei mir sondern bei ihm und damit meilenweit entfernt vom Ganzsein. Ich spüre mich nicht und höre mir nicht mehr zu.

 

Wer sich seinen unangenehmen Gefühlen stellt und durch sie hindurchgeht, ist nicht schwach. Im Gegenteil. Es braucht sehr viel Mut und Kraft, das auszu-halten. Es fühlt sich manchmal so an, als stünde man mitten im Feuer. Und manchmal ist es nur dunkel und still. So still, dass man kaum Luft bekommt. Trauer ist anstrengend und macht richtig müde. Das mag dann nach Schwäche aussehen. Es ist auch nicht unbedingt würdevoll, verzweifelt zu weinen und einen Tag ungewaschen im Bademantel zu verbringen, weil die ganze Kraft an inneren Prozessen draufgeht. Aber wie auch Buddha feststellte: Ohne Schlamm, keinen Lotus. Und bis die Knospe aus dem Sumpf emporsteigt, braucht es halt seine Zeit.

 

Frisch Verlassene können ganz schön nerven. Sie kennen nur ein Thema: Warum ist es vorbei? Das kann sich Wochen und Monate hinziehen. Jeder trauert in einem anderen Zeitrahmen. Niemand hat das Recht, einem vorzuschreiben, auf welche Weise und wie lange man trauern darf und wann man darüber hinweg sein sollte. Natürlich muss darf es auch irgendwann mal weitergehen im Leben. Und das wird es. Weder Wut noch Trauer dauern ewig. Aber genauso, wie ein verschleppter Grippevirus mit der Zeit das Herz angreifen kann, sollte man die Auswirkungen von verschleppter Trauer nicht unterschätzen. Sie kann unter Umständen zu Depressionen und Angststörungen führen.  

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