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Das Loslassen gemeistert

Am 25. September wäre unser Hochzeitstag gewesen. Solche Daten triggern natürlich. Den ganzen Monat über meldeten sich wieder sämtliche Wunden. Der Verrat, das Lügen, der Betrug, auf meine Depression reduziert worden zu sein, keine Gespräche angeboten bekommen zu haben und respektlos behandelt worden zu sein. Es gärte und brodelte in mir und ich fragte mich, wie ich den Hochzeitstag wohl am besten verbringen könnte. Corona sei Dank, ist ja gerade mal wieder nicht allzu viel möglich.

 

Ende August - einen Tag nach meinem Geburtstag - stellte mein Ex-Mann mich vor die Wahl bezüglich meiner Stute Lia. Entweder ich solle sie finanziell allein übernehmen, oder er würde einen Stall für sie in seiner Nähe suchen. Nachdem seine neue Liebe seit Ostern schon wieder vorbei war, wollte er keine halben Sachen mehr. Und ich hatte ja schon selbst darüber nachgedacht und festgestellt, dass diese Vereinbarung, die wir Anfang des Jahres aus der Not heraus getroffen hatten, uns nicht mehr wirklich diente. So entschied ich schweren Herzens, er solle für Lia einen anderen Platz suchen. Dies geschah dann auch bereits eine Woche später. Am 3. Oktober - unserem Jahrestag - würde mein Pferd umziehen. Damit ging eine weitere Ära zu Ende, denn ich musste mich ja auch nach 8 Jahren von der Stallgmeinschaft und meiner täglichen Aufgabe verabschieden. Obwohl ich von meiner Entscheidung überzeugt war, machte mich das natürlich auch unendlich traurig.

 

Gleichzeitig begann ich, mir Sorgen um meine Katze Nala zu machen. Sie wirkte irgendwie anders als sonst, veränderte ihre Gewohnheiten, lief unkonzentriert über die Straße. Ich äußerte bei meiner Therapeutin die Angst, dass mir Nala auch noch weggenommen würde. Sie tat dies als unnötige Sorgen ab. Am Abend vor dem Hochzeitstag wurde Nala angefahren und starb sofort an inneren Verletzungen.

 

Sie war gerade 12 Jahre alt geworden und mir das Liebste auf der Welt. Sie hat mich durch dunkelste Zeiten begleitet und mir vor allem durch die Trennungszeit geholfen. Mit ihr war ich nie ganz allein. Sie schlief jede Nacht fest an mich gepresst in meinem Bett und antwortete immer mit einem Maunz, wenn ich sie rief. Sie hörte auf viele Namen und wusste immer, wann sie gemeint war. Sie liebte es zu klettern und schockte damit auch schonmal besorgte Nachbarn. 

 

Ich rief sofort meinen Ex-Mann an, um ihm bescheid zu sagen. Schließlich hatte er sie damals ausgesucht, als sie mit 8 Wochen zu uns kam. Eine gute halbe Stunde später beerdigten wir Nala in meinem Garten mit einer kleinen improvisierten Zeremonie. Unseren Hochzeitstag verbrachten wir gemeinsam in Trauer und Erinnerung an unser gestreiftes Fellbaby, indem wir uns per Whats App Fotos von ihr hin und her schickten. Irgendwie hatte sich auf wundersame Weise Frieden zwischen uns eingestellt. Auch in mir drin war es still geworden, nachdem es zuvor noch so laut rumort hatte. Ich glaube, das war Nalas letztes Geschenk an uns. Und ich glaube, dass mir meine Intuition ganz richtig vorhergesagt hat, dass mir die letzte Verbindung zwischen meinem Ex-Mann und mir genommen wird, damit ich endgültig frei bin.

 

Am 3. Oktober zog Lia wie geplant in ihr neues Zuhause, einem wahren Heuparadies, was ihr in ihrem Alter gut tun wird. Was mich besonders freute, war, dass sein Pony Salitos mit dort einzog. Die beiden waren auch sehr glücklich, wieder miteinander vereint zu sein. Lia wohnt nun rund 30km von mir entfernt, und ich darf sie jederzeit besuchen gehen. Nur bin ich nicht mehr in der täglichen Pflicht ihr gegenüber. Und den kleinen Panda sehe ich nach 7 Monaten auch endlich wieder. 

 

Und so habe ich also innerhalb von 10 Tagen meine Katze, mein Pferd, einige soziale Kontakte und meine alltäglichen Gewohnheiten loslassen müssen. Und das alles um zwei sehr triggernde Daten herum. Ich denke, es ist normal, dass ich jetzt sehr erschöpft und körperlich angegriffen bin. 2020 ist für mich das Jahr der Verluste, der Trauer und der großen Veränderungen. Wenn mir jetzt nochmal jemand sagt, ich müsse lernen loszulassen, kriegt er oder sie die Faust ins Gesicht! Ich bin sehr bewusst durch all diese Abschiede gegangen und habe diese sogar als positiv erlebt. Auch wenn mir das Herz innerhalb eines Jahres zum zweiten Mal gebrochen ist. Aber ich verstehe, dass alles aus meinem alten Leben gehen musste. Und nun befinde ich mich wieder mal im Bardo, in diesem leeren Vakuum nach einem Ende und vor einem Anfang. In der absoluten Stille voller Potenzial. Ich bin dankbar für meine Fähigkeit, mir selbst Struktur geben zu können. Und einen kleinen Neuanfang gibt es bereits. Ich habe es gerade mal einen Tag ohne Katze ausgehalten. Es war so furchtbar still und leer im Haus, dass es körperlich weh tat. Deshalb bin ich gleich am übernächsten Tag ins Tierheim gefahren und habe Stella adoptiert. Sie kann mir die Trauer um Nala nicht nehmen, aber sie tröstet mich sehr. Und sie ist unglaublich dankbar, nach 4 Umzügen innerhalb von 6 Jahren ein schönes Zuhause zu haben, in dem sie geliebt wird.


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