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Die Corona-Krise: Zum ersten Mal habe ich das Gefühl zu wissen, wie das geht

Bild: Pixabay

Eigentlich wollte ich einen Artikel darüber schreiben, wie ich als frisch Verlassene mit chronischer Depression Weihnachten und Silvester überlebt habe. Angesichts des aktuellen Plot Twists erscheint mir das aber jetzt irgendwie unpassend, würde es doch vom Rausgehen und Menschen treffen handeln. Stattdessen möchte ich darüber berichten, wie es mir mit der derzeitigen Situation geht.

 

Für Menschen mit einer psychischen Erkrankung ist die Krise durch den Corona-Virus einerseits eine Herausforderung und andererseits eine Erleichterung. Alte Ängste werden getriggert; in meinem Fall die Angst vor dem Eingesperrtsein und die Angst, nicht ausreichend versorgt zu sein, weil einige rücksichtslos nur an sich denken. Hinzu kommt der Kontrollverlust. Was verbieten sie als nächstes? Wie lange wird das dauern? Darf ich noch mein Pferd versorgen, das auf der anderen Seite der Grenze steht? Was passiert, wenn ich krank werde? Es kursieren so viele Nachrichten, dass man irgendwann völlig verunsichert ist. Zum Glück hat Ostbelgien eine Corona Hotline eingerichtet, die einem all diese Fragen beantwortet. Und dann merkt man: Okay, die Lage ist zwar ernst, aber ich werde nicht erschossen, sobald ich die Haustür öffne. Ich darf weiterhin mein Pferd versorgen und ganz normal einkaufen gehen. Zumindest bis jetzt.

 

Und damit käme ich zum Teil "Erleichterung". Was ändert sich denn jetzt konkret für mich? Gar nicht mal so viel. Ich bin seit Jahren zu Hause mit wenigen sozialen Kontakten. Gut, die wollte ich mir gerade wieder aufbauen und mehr aus dem Haus gehen. Das nervt mich ein wenig, mal wieder vom Leben ausgebremst zu werden. Wann immer ich durchstarten will in Richtung aktive Lebensgestaltung, taucht von irgendwo ein Stoppschild auf. Ich muss gestehen, dass mich das irritiert. Was will mir das sagen? Dass ich wieder dabei bin, auf alten Pfaden zu wandeln, die mir doch nicht mehr dienen? Es rattert ganz ordentlich in mir. Die Frage, wo will ich hin und was will ich tun, scheint ein neues Level erreicht zu haben.

 

Vor der Krise galten Menschen, die viel zu Hause sind und vielleicht auch nicht arbeiten, als faul, psychisch labil, verrückt, außerhalb der funktionierenden Gesellschaft. Jetzt sind wir die Guten. Die Verantwortungsbewussten. Und das Wichtigste: Wir wissen, wie das geht! Ich werde immer noch nicht von Langeweile geplagt. Endlich ist Introvertiertheit nicht nur legitim sondern erwünscht. Entschleunigung wird verordnet. Plötzlich ist es viel häufiger möglich, von zu Hause aus zu arbeiten. Mir wurde bisher immer gesagt, wie schwierig es sei, sowas zu finden. Jetzt ist es geradezu ein Muss. Vielleicht ist das nun DIE Chance für mich, endlich meinen Platz zu finden. Was mir früher immer als "sehr unwahrscheinlich" und "nicht realistisch" ausgeredet wurde, ist nun äußerst deutliche Realität und notwendige Veränderung.

 

Natürlich erlebe ich die aktuelle Situation nicht durchgehend leicht. Ich bin nun ganz allein, niemand nimmt mich in den Arm. Zum Glück habe ich meine Katze zum Kuscheln. Trotzdem fühle ich mich nicht vollständig isoliert. Dank Telefon und Internet habe ich genügend nährende Kontakte, Treffen finden virtuell statt und die Menschen denken häufiger aneinander, fragen nach, wie es einem geht, und bieten Hilfe an.

 

Menschen mit einer Angsterkrankung haben es in diesen Tagen allerdings besonders schwer. Ebenso Menschen mit Zwängen oder Essstörung. Viele Depressive empfinden die verordnete Isolation als Rückfall in depressive Muster. Strukturen und Kontakte brechen weg. An jeder Ecke lauern Trigger ohne Ende. Hamsterkäufe, Fake News, Schreckensnachrichten, Androhung von Strafen, Ignoranz, Verschwörungstheorien... Die reinste Psycho-Kirmes! Wer hat noch nicht, wer will nochmal? Oder, wie es auf unserer Eupener Kirmes heißt: "Allez! Roulez!" Die Emotionen schaukeln hoch. Auf der einen Seite ganz viel Liebe, auf der anderen ganz viel Hass. Dazwischen aufgescheuchte Hühner und eingefrorene Zombies.

 

Was aber kann man tun, um zu Hause nicht durchzudrehen? Für Eltern habe ich leider keine Tipps. Aber Menschen, die alleine zu Hause sind, können Folgendes machen:

  • endlich nochmal lesen
  • die gesamte Plattensammlung hören und dabei vielleicht alte Schätze aus der Jugendzeit entdecken (oder Sünden :P)
  • kreativ sein wie malen, zeichnen, fotografieren, schreiben, stricken, nähen... Dafür muss man natürlich auch das nötige Material zu Hause haben. Papier und Bleistift hat aber sicherlich jeder. Im Internet gibt es jede Menge tolle Tutorials wie man z.B. Augen realistisch zeichnet. Man kann aber auch einfach zendoodlen. Dafür muss man nicht zeichnen können. Das kann jeder, sieht toll aus und entspannt.
  • eine neue Sprache lernen
  • Hausputz, Gartenarbeit (sofern vorhanden)
  • Yoga, Meditation: Auch hierzu gibt es jede Menge Videos auf YouTube mit angeleiteten Meditationen und Yoga Classes. 
  • Wem das zu spirituell ist, der kann auch klassische Work Out Videos schauen. Und natürlich nachmachen. Vom Schauen alleine passiert nix.
  • sich mit Freunden und Familie zum Telefonieren oder Skypen verabreden (oder welchen virtuellen Weg ihr auch immer bevorzugt)
  • Schlaf nachholen
  • dieses gruselige Nichtstun mal ausprobieren
  • sich selbst begegnen
  • wer stabil ist: Schattenarbeit. Nie war die Zeit geeigneter dafür! Aber Vorsicht! Das kann echt reinhauen! Bleibt mit euren Erkenntnissen nicht allein!
  • Podcasts hören
  • Teachings hören, nur bitte keine Verstörungstheorien! Achtet auf euch!
  • Psychohygiene nach dem Nachrichtencheck, Atemübungen finde ich sehr gut dafür, sie beruhigen und zentrieren
  • Trotz Ausgangssperre oder -beschränkung dürfen wir raus in die Natur. Die Natur atmet gerade auf, weil sie Pause von uns hat. Vielleicht könnt ihr der Natur neu begegnen und euch mit ihr rückverbinden. Wir sind nicht nur ein Teil von ihr; wir SIND Natur! Zerstören wir sie, zerstören wir uns selbst. Wenn wir glauben, sie beherrschen zu können, gehen wir in einen Machtkampf mit ihr.
    Nach Möglichkeit auf die Erde legen, Barfuß gehen... Rennt nicht wie die Bekloppten durch den Wald, sondern bleibt stehen oder setzt euch hin, atmet, lasst die Natur auf euch wirken.
  • Musikanlage aufdrehen (aber nicht die Nachbarn stören!) und tanzen
  • Entspannungstechniken ausprobieren
  • sein
  • ganz wichtig: atmen, atmen, atmen!

Es gibt noch so viele andere schöne Dinge, die man machen kann. Das ändert natürlich nichts daran, dass Menschen erkranken und sterben, dass Kleinunternehmer kaputt gehen und viele Menschen in finanzielle Not geraten, dass Ärzte und Pflegepersonal völlig überlastet sind. Die Welt ist im Wandel. Veränderung ist schmerzhaft und mit Verlusten verbunden. Leider mit sehr realen. Aber keine Krise dauert ewig. Ich weiß, wovon ich spreche. Es gibt immer einen Weg. Und es wird Zeit, neue Wege zu kreieren. Bleibt gesund! Auf allen Ebenen!

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Kommentare: 2
  • #1

    Sebastian (Samstag, 21 März 2020 13:13)

    Hallo Yvonne,

    ein angenehm zu lesender Artikel, auf den ich durch Anvie über Instagram aufmerksam geworden bin.

    Als Introvertierter schließe ich mich deinen Aussagen gerne an. Ohne die aktuellen Probleme verharmlosen zu wollen, empfinde ich auch keinen großen Impact. Es gibt so viele schöne Dinge die man machen kann, sogar ganz ohne Streaming & Fernsehen.
    Viele Punkte deiner Liste mache ich ebenfalls, wie z.B. Meditation und habe sogar das Lernen einer Sprache für mich entdeckt.
    Das Aufbauen sozialer Kontakte war auch mein Thema, was nun aufgeschoben werden muss. In solchen Situationen kann man durch Erfahrung glänzen, wenn man bisher eh viel Zeit mit sich selbst verbracht hat.

    Wo ich mir schon fast ein wenig schäbig vorkomme, dass ich es irgendwie auch spannend finde die ganzen “Extreme“ menschlichen Handelns sehen zu dürfen. Was da alles zum Vorschein kommt, negativ und positiv, ist irgendwie bewundernswert.

    Da mir die von dir genannten Punkte in den letzten Tagen eh durch den Kopf gegangen sind, freue ich mich besonders über deinen Artikel!

    Ich wünsche dir ebenfalls viel Gesundheit und einen guten Start in deine Vorhaben, sobald sich alles etwas gelegt haben wird!

    Viele Grüße,
    Sebastian

  • #2

    Brigitte (Sonntag, 29 März 2020 22:16)

    Leider sind meine Plattenspieler bzw. die Nadeln kaputtt.

    Ansonten mache ich auch ganz viel aus der Liste. Ich habe das große Glück ein paar Meter von meiner Wohnungstür entfernt ein Hammer Naturpardies zu haben.

    Meiner dissoziaitven Störung bzw. meinem Gehirn kommt der Virus sogar entgegen. Darf ich sowas überhaut laut sagen?