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Alte Erkenntnisse neu beleuchtet

Bild: Pixabay
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Es macht doch tatsächlich Sinn, nach einer gewissen Zeit den / die Therapeut*in zu wechseln. Nach einigen Jahren teilweise intensiver Therapie könnte man meinen, dass irgendwann nichts Neues mehr dabei rumkommen kann. Aber manchmal können alte Erkenntnisse neu beleuchtet werden und dadurch eine andere Perspektive erhalten.

 

So erging es mir kürzlich mit meinem pränatalen Trauma, über das ich hier im Blog vor ziemlich genau 5 Jahren geschrieben habe. Wie ich also meiner Psychologin davon erzählte, unterbrach sie mich: "Eine Seele, die wirklich gehen will, kann auch kein Arzt aufhalten. Sie WOLLTEN auf die Welt kommen. Ihre Mutter wollte das nicht." Da saß ich nun. Sprachlos vor mich hin starrend. So hätte ich das nie sehen können, hatte mir meine Mutter doch immer wieder erzählt "... und dann wolltest du gar nicht mehr kommen, und wir mussten dich holen." Vielleicht mag man sich jetzt fragen, was das für einen Unterschied macht und ob hier nun wieder ein*e Schuldige*r gesucht wird, der oder die für meine Misere verantwortlich sein soll. Aber so ist es nicht.

 

Ich habe mein Leben lang geglaubt, dass ich gar nicht geboren werden wollte und dass meine Mutter und ihr Arzt mich besser hätten gehen lassen sollen. Auch der Spruch "Man muss dich immer zu deinem Glück zwingen." schien sich wie ein roter Faden durch mein Leben zu ziehen. Immer wieder hatte / habe ich das Gefühl, im Geburtskanal steckenzubleiben und nur von außen durch Zwang und Druck mich nach vorne bewegen zu können. Die andere Interpretation gibt mir eine neue Sichtweise auf meine Einstellung zu mir, meiner Motivation, meiner Kraft und meiner Existenz in dieser Welt.

 

Ich meine, im Ernst! Wenn ich wirklich nicht leben wollen würde, warum bin ich dann noch hier? Finde ich die Welt und die Menschen wirklich so schrecklich? Einiges davon, ja. Aber sehr vieles auch nicht. Als meine Psychologin sagte "Was, wenn das ganz anders war?", hatte ich das Gefühl, ein Illusionsschleier würde weggerissen. Einer von sehr vielen in letzter Zeit übrigens. Mir ist, als würde ich aus einem Dornröschenschlaf erwachen. Was, wenn ich gar nicht dieses kleine, schwache Problemkind bin, das nie auf die Welt wollte? Was, wenn ich in Wahrheit über immense Kräfte verfüge und sehr viel größer bin, als ich immer glaubte?

 

Tatsächlich wollte meine Mutter nach meiner Schwester kein weiteres Kind. Sie fühlte sich dem u.a. körperlich nicht gewachsen. Sie wollte jedoch ihrem zweiten Mann kein eigenes Kind verwehren und willigte deshalb ein. Ich war also sozusagen ein Gefallen für meinen Vater. Zu einem dritten sagte sie jedoch kategorisch Nein. Kurze Zeit später musste ihre Gebärmutter aus gesundheitlichen Gründen entfernt werden. Ich bin sicher, dass meine Mutter nie sagen würde, dass sie mich eigentlich nicht wollte, weil sie das bewusst nicht so empfunden hat. Wie auch immer, nehme ich ihr das absolut nicht übel. Im Gegenteil. Ich habe vollstes Verständnis dafür. In ihrem Bauch mag ich das wohl anders empfunden haben. Durchaus möglich, dass davon noch einige Reste unbändiger Wut übrig sind. Und dieses Gefühl von "ich will, aber kann / darf nicht".

 

Meine Psychologin definiert Depression nicht (nur) als unterdrückte Wut sondern als gegen sich selbst gerichtete Wut. Als ich von meinen Selbsthassanfällen mit Selbstverletzungsdruck erzählte und wie ich schon als kleines Kind den Kopf auf den Boden aufschlug, wenn ich etwas nicht so hinbekam, wie ich es wollte, sagte sie, dass ich in Wahrheit auf andere wütend sei (und darauf, "es" nicht besser machen zu können; Stichwort Perfektionismus). Leider wurde meine kindliche Wut nicht so aufgefangen, wie ich es gebraucht hätte. Sie wurde abgelehnt und durfte nicht sein. Dadurch implodierte sie in meinem Inneren. Und so erzählte ich zum ersten Mal in der Therapie von meinen Gewaltfantasien und von meiner Angst vor meiner Kraft, weil es mit Sicherheit Tote geben würde, wenn ich das alles rauslassen würde. So wie Jean Grey bei den X-Men als Dark Phoenix. Nun gilt es wohl, dieser Wut weiter auf den Grund zu gehen und ein Ventil dafür zu finden, ohne dass was kaputt geht. Oder jemand.

 

Der Unterschied durch diesen Perspektivenwechsel ist jedenfalls, dass ich meine Kraft erkenne. Aus "ich wollte nicht" wird "ich wollte sehr wohl, ich durfte nur nicht bzw. man wollte mich nicht lassen". Das ist so, als würde man einem Kind einreden, dass es keine Schokolade mag, bis es tatsächlich glaubt, dass ihm Schokolade nicht schmeckt, obwohl es sie eigentlich liebt. Die Kunst besteht nun darin, dieses internalisierte Verbot aufzulösen und sich selbst die Erlaubnis zu erteilen. Und zu lernen, meine Kraft zu nutzen.

 

Der Preis für meine tolerierte Existenz war meine Selbstaufopferung zum Wohle anderer. Ich opferte meine Bedürfnisse und Träume, damit mir nahestehende Menschen für mich funktionieren. Laut meiner Psychologin wiederholt man in einer Beziehung unter weniger schweren Bedingungen die Themen aus der Eltern-Kind-Beziehung. Weniger schwer meint hier, dass man als Erwachsene*r nicht so existenziell abhängig ist wie als Kind. Auch wenn sich das so anfühlen mag. Ich habe mein Leben lang geglaubt, es sei meine Bestimmung, Energietankstelle und Emotionsmülleimer für andere zu sein. Auf diese Weise habe ich meine eigenen Wünsche und Träume so tief begraben, dass ich nicht mehr an sie herankomme. Wann immer ich eine dieser Visualisierungs-Meditationen mache, in denen man z.B. von einem Berg aus seine Visionen erkennen soll, passiert bei mir gar nichts. Ich sehe nichts. Und ohne meine Energie kann ich natürlich auch nicht mein Potenzial ausschöpfen.

 

Wenn man von sich selbst glaubt, klein und schwach zu sein, zieht man Menschen in sein Leben, die einem die Bestätigung dafür geben. Es entsteht diese nervige Wechselwirkung zwischen bewusster und unterbewusster Sicht auf sich selbst und den anderen. Und dann werfen wir dem anderen vor, er würde uns klein halten. Was zum Teil auch stimmen mag, zum Teil aber auch Projektion ist. Ich erhalte lediglich die Bestätigung und damit die Legitimierung meines verzerrten Glaubens mich selbst betreffend. Und der andere ebenso. Bis es endlich klingelt in der Birne.

 

Mir kommt das gerade wie eine ziemlich große Operation an meiner Seele vor. Zeitgleich fällt mir auf, dass ich nun endlich die Gelegenheit habe, meinen eigenen Raum und Platz bewusst einzunehmen. In meinem Elternhaus musste ich mir diesen lange Zeit teilen. Die Zeit nach meinem Auszug in meine eigene Wohnung war viel zu kurz, um mir all dessen bewusst zu werden. Ein Jahr später lernte ich bereits meinen Ex-Mann kennen, mit dem dann viel zu schnell alles verschmolz. Seit er aus unserem gemeinsamen Mietshaus ausgezogen ist, fiel mir erstmal auf, wieviel Post auf seinen Namen hier ankam. Alles war auf ihn gemeldet. Der Müllsteuerbescheid war nur an ihn adressiert, obwohl ich genauso hier gemeldet bin. Als sei ich überhaupt nicht existent. Jetzt ist endlich alles auf meinem Namen. Jetzt werde ich wahrgenommen. Das finde ich gleichzeitig gut und schlecht, denn ich konnte mich natürlich vorher auch ganz gut hinter meinem Ex-Mann verstecken. Weil ich ja angeblich gar nicht hier sein wollte. Die Ängste, gesehen und nicht gesehen zu werden, spielen Ping Pong. Aber die Wut darüber, verzerrt als schwacher Problemfall dargestellt zu werden - von anderen und leider auch von mir selbst - wird immer größer und holt mich da nun raus.

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